Die Norweger wählen am kommenden Montag – und zwar einen unvergleichlich beliebten Premierminister ab. Der Sozialdemokrat Jens Stoltenberg, der das Land nach den Terrorattacken von Oslo und Utøya tröstete und beruhigte und sich damit noch 2011 Zustimmungswerte von 94 Prozent verdiente, dürfte die Macht nach acht Jahren Regierungszeit verlieren. Und zwar ausgerechnet an eine Koalition aus Konservativen und jener rechtsliberalen Fortschrittspartei, mit deren Jugendorganisation der Attentäter Anders Behring Breivik einst liebäugelte. Wie kann das sein?

Es liegt daran, dass die Norweger einer Regierung dankbar sein können und sie trotzdem lieber keine vier weiteren Jahre sehen wollen. Und es liegt daran, dass in Norwegen kaum jemand der Fortschrittspartei unterstellt, sie sei auf irgendeine Weise für die 77-fache Mordtat eines Geisteskranken mitverantwortlich. Die zuwanderungsskeptische Partei hat für sich trotzdem die Lehre gezogen, ihre inhaltliche Schärfe zu überdenken.

Um zu begreifen, warum die Norweger Jens Stoltenberg freundlich "Danke und auf Wiedersehen" sagen werden, muss man sich vorstellen, in einem Land zu leben, das keine ernsten Probleme hat. Die komplizierteste Aufgabe für norwegische Regierungen besteht darin, einen Reichtum zu managen, der für fünf Millionen Menschen im Grunde viel zu groß ist.

Ende der sechziger Jahre stieß ein Volk von protestantisch-sparsamen Bauern und Fischern auf gewaltige Öl- und Gasreserven. Den größten Teil der Erträge daraus haben die Norweger, leicht erschrocken, in einem Fonds deponiert, der derzeit gut 560 Milliarden Euro wert ist. Und er wächst weiter. Der Konsens darüber, dass das viele Geld nicht einfach irgendwie ausgegeben, sondern streng gewinnorientiert (und ethisch korrekt) investiert werden soll, steht seit Jahrzehnten so fest wie eine Bohrplattform in der Nordsee.

Mit anderen Worten: Die Norweger können ziemlich sicher sein, dass eine neue Regierung, wie immer sie aussehen wird, keinen groben Schaden anrichten dürfte. Parlamentswahlen dienen traditionell eher zur Auffrischung des politischen Personals als zum Richtungswechsel. Fragt man Norweger dieser Tage, was Stoltenberg denn falsch gemacht habe, bekommt man die sehr selbstverständlich vorgetragenene Antwort: gar nichts.

Ein wenig, ja, kratzte die Untersuchung zum Polizeieinsatz auf Utøya an seiner Beliebtheit, weil es in seine organisatorische Verantwortung fiel, dass die Sicherheitskräfte nicht besser ausgerüstet waren. Doch von substanziellen politischen Fehlern ist nichts zu hören. "Die Leute glauben einfach, die Regierung müsse doch müde sein", heißt es. Oder: "Sie wollen neue Gesichter sehen. Neue Besen kehren besser." Anders als die Regierung habe die Opposition schließlich acht Jahre lang Zeit gehabt, bessere Ideen für das Land zu entwickeln.

Es ist die Logik des Spielerwechsels: Der erfolgreiche Torschütze wird vom Platz geholt, nicht obwohl, sondern weil er sich verausgabt hat. Nicht einmal die legendäre Regierungschefin Gro Harlem Brundtland machte da eine Ausnahme: Sie regierte zwar insgesamt zehn Jahre, aber in drei Anläufen und mit zum Teil mehrjährigen Unterbrechungen.

Laut Umfragen ist es am wahrscheinlichsten, dass eine Viererkoalition aus konservativen Parteien die rot-rot-grüne Regierung ablöst. Möglich wird das, weil die stärkste konservative Partei, Høyre, sich bereit erklärt hat, mit der umstrittenen Fortschrittspartei zusammenzuarbeiten. Deren Chefin hat die islamfeindlichen Stimmen in ihren Reihen inzwischen weitgehend zum Schweigen gebracht; sie konzentriert sich auf eher weltliche Ärgernisse wie Verkehrsprobleme oder Steuern. Immerhin 15 Prozent der Norweger können sich vorstellen, die Fortschrittlichen zu wählen. Und sei es nur, um zu sehen, wie schnell sie müde werden.