Begeht Barack Obama politischen Selbstmord? Vor Kurzem noch wollte der amerikanische Präsident notfalls im Alleingang das Giftgasverbot durchsetzen und dem syrischen Kriegsverbrecher Al-Assad Einhalt gebieten. Die Verfassung, erklärte er, gewähre ihm dieses Recht.

Doch plötzlich gibt Obama diese seit Langem wichtigste außenpolitische Entscheidung aus der Hand und legt sie ausgerechnet in die Hände des ihm feindlich gesinnten Kongresses. Vor allem die Republikaner verfolgen dort seit Jahren nur ein Ziel: dass Obama scheitert. Vom Konjunkturpaket über die Gesundheitsreform bis zur Waffenkontrolle – stets blockieren sie seine Initiativen. Warum also sollten sie jetzt einem Militäreinsatz zustimmen? Obama hat sich in einer zentralen moralischen und strategischen Frage von der unberechenbaren und vergifteten amerikanischen Innenpolitik abhängig gemacht.

Zwei Szenarien sind denkbar: Der Kongress versagt dem Präsidenten den Militäreinsatz – Obama weigert sich, auch nur diesen Gedanken zuzulassen. Oder der Kongress stimmt zu, wobei allerdings wohl ausdrücklich festgeschrieben würde, dass es sich um eine eng begrenzte Intervention handeln müsse. Einiges spricht für diese Möglichkeit. Wichtige Abgeordnete haben bereits ihre Zustimmung signalisiert, unter ihnen der republikanische Senator John McCain und der einflussreiche Sprecher des Repräsentantenhauses John Boehner. Und der republikanische Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, gab zu Protokoll: "Das Amt des Präsidenten als Oberkommandierender ist immer gestärkt, wenn er die ausdrückliche Unterstützung des Kongresses genießt."

Noch freilich muss Obama sehr viel Überzeugungsarbeit leisten. Amerika ist kriegsmüde. Der Präsident hat seine beiden Wahlkämpfe auch darum gewonnen, weil er die Kriege im Irak und in Afghanistan beendete und keine neuen begann. Die meisten Amerikaner sind zwar entsetzt über den syrischen Giftgasangriff mit mehr als 1400 Toten. Auch glauben sie mehrheitlich den von der Obama-Regierung vorgelegten Beweisen. Gleichwohl lehnen sie einen Vergeltungsschlag ab – und zwar unabhängig davon, ob er im amerikanischen Alleingang oder gemeinsam mit Verbündeten erfolgt.

Wie das Volk hegen auch die Abgeordneten große Vorbehalte. Die Gegnerschaft ist parteiübergreifend. Noch bevor Obama sich dafür entschieden hatte, den Kongress einzubeziehen, forderten bereits 140 Abgeordnete der Republikaner wie der Demokraten in einem Brief an den Präsidenten einen Parlamentsbeschluss. Weitere 60 verlangten zumindest eine ausführliche öffentliche Debatte. Das ist zusammen fast die Hälfte des Repräsentantenhauses. Im Senat genießt der Präsident zwar breitere Unterstützung, aber auch hier regt sich Widerstand. Drei sehr unterschiedliche Fraktionen muss Obama von der Richtigkeit seiner Politik überzeugen: die Kriegsverweigerer, die Falken – und vor allem die große Gruppe der Skeptiker.

Die erste Fraktion, ein Sammelsurium aus libertären Republikanern, rechten Tea-Party-Aktivisten und linken Demokraten, möchte, dass sich Amerika aus den kriegerischen Weltkonflikten heraushält und nur noch zur Selbstverteidigung zu den Waffen greift. Der Einfluss dieser Isolationisten wächst, und es ist gut möglich, dass aus ihren Reihen eines Tages ein republikanischer Präsidentschaftskandidat erwächst.

Die außenpolitischen Falken wollen das exakte Gegenteil. Auch sie sind in der Regel Republikaner, ihr bekanntester Vertreter ist John McCain, der 2008 gegen Obama kandidierte. Dieser kleinen, allerdings einflussreichen Fraktion geht ein begrenzter Schlag gegen syrische Armeestellungen nicht weit genug. Sie will die Beseitigung der Assad-Regierung, also den regime change, wie ihn einst auch George W. Bush im Irakkrieg zum Ziel erklärte.

Die meisten Gegner, darunter besonders viele Demokraten, zählen zur Gruppe der Skeptiker. Sie leiden noch immer unter dem Trauma des Irakkriegs und den verhängnisvollen Lügen der Bush-Regierung. Die Zweifler verlangen darum überzeugende Antworten: Warum gefährdet der syrische Giftgasangriff Amerikas nationale Sicherheit? Wie vermeidet man es, dass US-Soldaten in den Bürgerkrieg hineingezogen werden und sterben müssen? Stärkt ein amerikanischer Angriff womöglich das Assad-Regime oder umgekehrt oppositionelle Islamisten vom Schlage Al-Kaidas? Gibt es einen Plan, ein politisches Ziel – oder ein gesichtswahrendes Ausstiegsszenario, wenn der Angriff scheitert? Und vor allem: Wird sich der Präsident an das Votum des Kongresses halten oder sich zur Not darüber hinwegsetzen?

Obama beruhigt, verspricht und grenzt ein: Keine Bodentruppen und keine Bomben auf zivile Ziele. Lediglich ein paar Dutzend ferngelenkte Raketen auf syrische Flughäfen und militärische Anlagen. Nur zwei, drei Tage sollen die Angriffe dauern. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Obama die vielen Zweifel ausräumen will, zählte er doch gerade noch selber zu den größten Interventionsskeptikern. "Es gibt in diesem Krieg keine guten Optionen", hielt er allen entgegen, die ein militärisches Eingreifen in Syrien forderten. Gerade die eigenen Skrupel sind jetzt seine beste Waffe in der politischen Auseinandersetzung. Stärken sie doch das Vertrauen, dass er wirklich nur eine rote Linie ziehen und keinen neuen Krieg führen will.

Dennoch bleiben die Widerstände stark, nicht nur in Amerika. Die Arabische Liga, die den Libyen-Feldzug noch unterstützt hatte, hält sich diesmal stärker zurück. Die Russen, die auf Assads Seite stehen, sind wütend und drohen mit einem Veto im UN-Sicherheitsrat (siehe den anderen Artikel auf dieser Seite). Mit Ausnahme der Franzosen zögern auch die Europäer. Das Nein der Briten, der engsten Verbündeten, war ein schwerer Schlag; Obama hatte die leidenschaftliche Debatte im Unterhaus live am Fernseher im Oval Office mitverfolgt. Plötzlich verlor die geplante Strafaktion gegen einen Kriegsverbrecher nicht nur an weltweiter Unterstützung, sondern auch an Legitimation.

Obama spürte, dass auch er den riskanten Weg über das Parlament gehen musste. Allerdings stellt er sich geschickter an als der britische Premier. Seit dem vergangenen Wochenende bearbeitet das Weiße Haus die Abgeordneten und Senatoren beider Parteien. Pausenlos sind auch Außenminister John Kerry und Verteidigungsminister Chuck Hagel im Einsatz. Als hochdekorierte Vietnamveteranen sind sie als Kriegsskeptiker bekannt. Umso mehr Gewicht soll jetzt ihr Votum für einen Einsatz haben.