Seit vergangenem Freitag hat der polnische Regierungschef Donald Tusk ein Problem. Seine Macht ist bedroht. Tusk beschwichtigt, räumt aber ein: "Wenn die Koalition ihre Mehrheit verliert, dann ist die natürliche Konsequenz eine andere Koalition oder vorgezogene Wahlen."

Seit sechs Jahren regiert Donald Tusk Polen. Kein anderer Politiker in Mittelosteuropa hat es geschafft, wiedergewählt zu werden. Tusk, das ist aus europäischer Perspektive ein Garant der Stabilität: zuverlässig, Europa und Deutschland zugewandt, krisenerprobt, ein Vertrauter von Angela Merkel. Der perfekte Partner. Und der könnte nun verloren gehen.

Probleme macht Donald Tusk nicht etwa sein kleiner Regierungspartner, die Bauernpartei, sondern der konservative Flügel seiner eigenen Partei, angeführt von Jarosław Gowin. Gowin, ein gläubiger Katholik aus Krakau und Vater dreier Kinder, war zwei Jahre lang Justizminister. Im Mai feuerte ihn Tusk: Gowin hatte Deutschland in teils wirren Aussagen Experimente mit polnischen Embryonen unterstellt.

Damit aber begann erst der Kampf zwischen den beiden Männern: Gowin forderte Tusk beim Parteivorsitz heraus. Zum ersten Mal durften Delegierte direkt über den Parteichef abstimmen. Jarosław Gowin hat bei dieser Abstimmung zwar eindeutig verloren, er erreichte nur 20 Prozent der Stimmen – aber Tusk hat eben auch nicht gewonnen. Die Wahlbeteiligung war extrem niedrig, die Zahl der ungültigen Stimmen hoch. Das Ergebnis zeigt vor allem eins: Es rumort in der Partei. Gowin und zwei Verbündete verstießen wiederholt gegen die Fraktionsdisziplin – und gefährden damit Tusks Mehrheit im Parlament.

Kurz nach Gowins Niederlage im Kampf um den Vorsitz verabschiedete sich ein erster Konservativer aus der Partei – er könne deren Linie nicht mehr vertreten. Seitdem hat Tusks Koalition nur noch zwei Stimmen Mehrheit. Am vergangenen Freitag wurde ein zweiter Abgeordneter vorübergehend aus der Fraktion ausgeschlossen. Sofort erklärte Gowin, er werde deshalb aus Solidarität ebenfalls seine Arbeit in der Fraktion ruhen lassen.

Sollten Gowin und sein Kollege die Bürgerplattform verlassen, dann hätte Tusk keine klare Mehrheit mehr. Dabei steht ihm, wie er selbst sagt, ein "heißer Herbst" bevor: Kürzungen stehen an, die Gewerkschaften drohen mit Streiks, wütende Bürger demonstrieren für den Erhalt ihrer Privilegien.

Doch Donald Tusk wird alles tun, um Neuwahlen zu verhindern – der Zeitpunkt dafür wäre äußerst ungünstig. Tusks Beliebtheit sinkt, die Umfragewerte seiner Partei sind mies – und seine Minister machen Fehler. Gerade erst hat sich herausgestellt, dass im aktuellen Haushalt knapp 24 Milliarden Zloty, rund sechs Milliarden Euro, fehlen. Das Parlament musste einen neuen Haushalt verabschieden, neue Schulden machen und acht Milliarden einsparen. Davon profitiert vor allem Tusks größter Rivale: Jarosław Kaczyński, dessen Partei gerade in den Umfragen deutlich besser abschneidet als Tusks Bürgerplattform. Kaczyńskis kurze Regierungszeit ist den meisten noch in Erinnerung – vor allem die Ausfälle gegen Europa, gegen Deutschland, gegen politische Gegner. Politiker unterschiedlicher Parteien sagen deshalb teils öffentlich, teils im Hintergrund, ein Sieg Kaczyńskis wäre eine Katastrophe für Polen. Und für Europa.

Auch deshalb kann Tusk zum Teil auf die anderen Parteien zählen: Einige (linke) Abgeordnete unterstützen ihn, weil sie kein Interesse an Neuwahlen haben – eine Reihe von ihnen würde es höchstwahrscheinlich nicht wieder ins Parlament schaffen.

Vorerst dürfte Donald Tusk Gowin in der Partei halten wollen. Wer weiß, was ein Rauswurf auslösen würde? Würden weitere Konservative folgen? Würden sie eine neue Partei gründen, die zu schwach wäre, um ernst genommen zu werden, aber stark genug, um Tusk zu schaden? Der Druck ist hoch. Tusks Pressesprecher zeigt sich verwundert, dass der Regierungschef seinen Konkurrenten noch nicht rausgeworfen hat.