Der Schriftsteller Felix Salten ca. 1910 in Wien

Es war eine hehre Idee mit einem noblen Ziel: Schriftsteller auf der Flucht vor den Nationalsozialisten bekamen von Filmstudios in Hollywood Einjahresverträge als Drehbuchautoren und damit die Möglichkeit, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Als Vermittler trat Paul Kohner auf, der in Österreich-Ungarn geborene Sohn eines jüdischen Kinobesitzers aus Teplitz-Schönau in Nordböhmen. Er war 1921 als 19-Jähriger in die USA emigriert und machte rasch eine glänzende Karriere im Filmgeschäft. 1938 gründete er seine eigene Agentur, die später legendär wurde. Im Laufe seiner Karriere vertrat er unter anderem Billy Wilder, Henry Fonda, Ingmar Bergman. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die Agentur zur Anlaufstelle und lebensrettenden Adresse für viele Emigranten.

1940 fädelte Kohner gemeinsam mit dem Emergency Rescue Committee und mit Unterstützung von Präsident Roosevelt den Deal mit den Filmstudios ein: Für 100 Dollar die Woche sollten die Einwanderer oder solche, die es werden wollten, Stoff für neue Filme liefern. Unter ihnen waren eine Reihe von Österreichern, die hofften, in Amerika Zuflucht zu finden, darunter Friedrich Torberg, Vicki Baum, Felix Salten oder Ralph Benatzky. Sie alle wandten sich mit ihren Ideen an Kohner, manchmal waren es nicht mehr als dürftige Skizzen. Die wenigsten hatten Erfahrung im Filmgeschäft.

Die Qualität der Arbeiten war dementsprechend dürftig, der Großteil der Geschichten wurde nie verfilmt. Fünfundzwanzig dieser abgelehnten Texte aus dem Nachlass Paul Kohners sind nun erstmals erschienen, in einem von dem Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen und der Literaturwissenschaftlerin Heike Klapdor herausgegebenen Buch.

So unterschiedlich die gesammelten Exposees und Entwürfe auch sind, sie haben eines gemeinsam: Ihre Autoren waren berühmte Schriftsteller, die am amerikanischen Film scheiterten.

"Ich habe keine Luft mehr. Verhelfen Sie mir sofort nach Amerika", schrieb Joseph Roth an seinen amerikanischen Literaturagenten. Gemeinsam mit dem Wiener Autor Leo Mittler schrieb er eine dramatisches Skizze mit dem Titel Der letzte Karneval von Wien und sandte es an Kohner. Es ist eine Geschichte die, wie so viele andere in dem Buch, vor Klischees nur so strotzt. Die Hauptdarstellerin sei eine "typische Wienerin", schreiben die beiden und präzisieren: "Graziös und charmant. Witzig und unsentimental. Das Herz am rechten Fleck. Aufopfernde Mutter. Gute Kameradin des Sohnes." Und, als wäre das noch nicht genug: "zärtlichste Geliebte".

Wie selbstverständlich beginnt die Handlung mit Walzertakten im Rathaus, entwickelt sich dann zu einer verzwickten und doch erschreckend langatmigen Liebesgeschichte, immer wieder unterbrochen von Bällen in Schönbrunn und Wienerliedern beim Heurigen – ein Stakkato an Plattitüden. Und weil das alles noch nicht reicht – man wartet als Leser fast darauf –, taucht ein verschollenes Musikstück von Ludwig van Beethoven auf. Selbst für hartgesottene Freunde des Schnulzenkinos wäre die Verfilmung des Stoffs eine schwer verdauliche Kost geworden.

Paul Kohner hatte schier endlose Geduld mit den Autoren. Seine Ablehnungen begründete er stets ausführlich, entschuldigte sich dafür und versicherte, sich darauf zu freuen, "andere Sachen von Ihnen lesen zu können, die sich besser für Verfilmungen eignen", wie er im September 1941 an den Humoristen Alexander Roda Roda nach New York schreibt.

Die Geschichten erzählen viel davon, wie die Autoren jene Welt, die sie verlassen mussten und in der nun die Nazis wüteten, gern in Erinnerung behalten wollten. Der literarische Wert ist zwar gering, lesenswert sind die nostalgischen Verklärungen trotzdem. Besonders gelungen sind aber die editorischen Notizen der Herausgeber zu den Stücken, die biografischen Hinweise und die Zusammenstellung der Korrespondenz Kohners mit den glücklosen Drehbuchautoren.

Es ist nicht wirklich bedauernswert, dass aus den in diesem Buch versammelten Texten keine Filme wurden, die Kinogeschichte wurde um keine Perlen gebracht. Doch der Ausflug in die Werkstatt der Autoren ist allemal ein spannendes Leseerlebnis.