In der Bildungsdebatte sind zurzeit zwei Dinge populär: 1. vollmundige Bekundungen einiger Hirnforscher, die Erkenntnisse der Neurobiologie könnten direkt eine "Bildungsrevolution" in die Schule tragen. 2. bei vielen Pädagogen und Didaktikern die entrüstete Abwehr der Vorstellung, die Neurobiologie könne irgendetwas zur Frage eines besseren schulischen Unterrichts beitragen. Bestenfalls bestätige sie nur, was Pädagogen und Lernpsychologen schon lange wüssten.

Beides trifft nicht den Kern der Sache.

Hirnforscher – oder besser: Neurobiologen – haben in enger Zusammenarbeit mit Psychologen viele neue Erkenntnisse gewonnen, die für die Frage nach den Bedingungen erfolgreichen Lehrens und Lernens höchst bedeutungsvoll sind. Dies betrifft etwa die wichtige Rolle der Lehrerpersönlichkeit und des vertrauensvollen Verhältnisses zwischen Lehrenden und Lernenden, die Bedeutung von Vorwissen, Aufmerksamkeit und Motivation beim Lernen, das Verhältnis von lehrergeleitetem Lehren und selbst reguliertem Lernen, von Intelligenz, Fleiß und Wiederholung. Dazu gehört auch die Frage einer "hirngerechten" Darbietung des Stoffes. Das bedeutet Rücksichtnahme auf die Eigenheiten des Arbeitsgedächtnisses, insbesondere hinsichtlich seines extrem begrenzten Fassungsvermögens. Es gilt auch zu beachten, wie Aufmerksamkeit und Vorwissen sich auf die Verankerung aktuellen Wissens im Langzeitgedächtnis auswirken.

Ihr kommt also hier eine wichtige Schiedsrichterrolle zu in Form der Frage: Welche Lehr- und Lernmethoden können als erfolgreich gelten, wenn man das gegenwärtige Wissen darüber, wie Wahrnehmen, Verstehen, Gedächtnisbildung und Erinnern funktionieren, betrachtet? Die Neurobiologie spielt hinsichtlich der pädagogischen Psychologie insofern die Rolle einer Basiswissenschaft, so wie es Physik und Chemie wiederum für die (Neuro-)Biologie tun. Aber in derselben Weise, wie sich aus den physikalischen Gesetzen allein nicht die Evolutionsbiologie oder die Neurophysiologie ergibt, folgt aus den Einsichten der Neurobiologie selbstverständlich nicht direkt ein besserer Schulunterricht. Der Weg vom Labor ins Klassenzimmer ist lang und dornig. Zuallererst bedarf es einer engen Zusammenarbeit zwischen Neurobiologen und pädagogischen Psychologen oder empirischen Lernforschern. Das gilt für die Experimente selbst und auch für die Deutung der Ergebnisse. Die Neurobiologie betreibt im Tierversuch, aber auch im Humanexperiment notwendigerweise einen methodischen Reduktionismus – meist weitab von den komplexeren Fragestellungen der empirischen Lernforschung. Doch auch diese beschränkt sich selbst meist auf das experimentell Machbare und statistisch gut Absicherbare, sie ist in der Regel weit von der Schulrealität entfernt. Daher müssen beide Gruppen – Neurobiologen und Pädagogen/Lernforscher – sich auf diese Realität einlassen, was zeitaufwendig und oft sehr mühsam ist. Ich selbst arbeite seit circa zehn Jahren eng mit einigen Schulen in Norddeutschland zusammen, habe mit Hunderten von Schulleitern und Lehrern diskutiert und mich häufiger in den Unterricht gesetzt. Ohne Erfahrung vor Ort ist eine Anwendung neurobiologischer und psychologischer Erkenntnisse zum Lernen und zur Gedächtnisbildung auf den Unterricht unmöglich.

Das geht zum Beispiel so: Im Rahmen eines ganztägigen Unterrichts beginnt ein (vorerst) wöchentlicher "Reformtag" mit einer kurzen Überprüfung des Wissensstandes der Schüler, gefolgt von einer etwa 30- bis 45-minütigen Einführung einer Lehrkraft in das Thema des Tages, das immer fächerübergreifend ist (etwa "Wie baut man eine Pyramide?", "Mittelalter", "Vertrauen"). Diese Einführung gehorcht dem Prinzip: Weniger Inhalt, klar und in kleinen Spannungsbögen und mit anschaulichen Beispielen präsentiert, ist effektiver als der Drang, mit dem Stoff "durchzukommen". Daran schließt sich eine zweistündige Phase der Gruppenarbeit und nach der Mittagspause eine zweistündige Einzelarbeit-Phase an, jeweils betreut von zwei Lehrkräften aus benachbarten Disziplinen. Nach einer Bewegungsphase folgt abschließend eine Phase der "aktiven" Erinnerung an den Inhalt des Tages. Dieser wöchentliche "Reformtag" wird nach circa vier Wochen und nach vier Monaten wiederholt. Ablauf und Methoden-Mix entsprechen neurobiologischen und psychologischen Erkenntnissen über die Konsolidierung von Wissen vom Arbeitsgedächtnis bis zur Verankerung im Langzeitgedächtnis. All dies zeigt: Man kann im Schulalltag durchaus etwas verändern, und zwar auf einer wissenschaftlich-empirischen Grundlage. Dafür sind die Erkenntnisse der Neurobiologie genauso unabdingbar wie jene der empirischen Lernforschung und der pädagogischen Psychologie. Das wirklich Mühsame ist die Übertragung auf den Schulalltag. Lehrer sind, was Veränderungen betrifft, vielleicht leidgeprüfter als andere Bevölkerungsgruppen. Aber bei ihnen und ihrem Alltag muss man ansetzen, nicht primär bei den Schulbehörden und erst recht nicht bei den Kultusministerien. Diese nämlich sind besonders in Gefahr, Scharlatanen hinterherzurennen. Wenn man an einigen Schulen gezeigt hat, dass es mit Veränderungen klappt, und zwar auf einer soliden wissenschaftlichen Basis, dann spricht sich das bei anderen Schulen herum. Verordnungen von oben anstelle von Veränderungen ganz unten sind dagegen zwecklos.

All dies zeigt: Man kann im Schulalltag durchaus etwas verändern, und zwar auf einer wissenschaftlich-empirischen Grundlage. Dafür sind die Erkenntnisse der Neurobiologie genauso unabdingbar wie jene der empirischen Lernforschung und der pädagogischen Psychologie. Das wirklich Mühsame ist die Übertragung auf den Schulalltag. Lehrer sind, was Veränderungen betrifft, vielleicht leidgeprüfter als andere Bevölkerungsgruppen. Aber bei ihnen und ihrem Alltag muss man ansetzen, nicht primär bei den Schulbehörden und erst recht nicht bei den Kultusministerien. Diese nämlich sind besonders in Gefahr, Scharlatanen hinterherzurennen. Wenn man an einigen Schulen gezeigt hat, dass es mit Veränderungen klappt, und zwar auf einer soliden wissenschaftlichen Basis, dann spricht sich das bei anderen Schulen herum. Verordnungen von oben anstelle von Veränderungen ganz unten sind dagegen zwecklos.

Vor rund 25 Jahren sagte mir der bekannte Psychologe Wolfgang Prinz einmal: Was ihr Neurobiologen da macht, ist interessant, aber für die Psychologie im Grunde bedeutungslos! Dies würde heute kaum ein Psychologe mehr sagen, und auch Professor Prinz arbeitet seit Jahren erfolgreich mit Neurobiologen zusammen – zum gegenseitigen Nutzen. So etwas wäre der Beziehung zwischen Neurobiologen und Pädagogen zu wünschen.