Nun haben sie ihn also dort, wo sie ihn haben wollten. Im Knast. Am vergangenen Freitag nahm ein Trupp Kantonspolizisten den 17-jährigen "Carlos" in Zürich fest und verfrachtete ihn ins Gefängnis Limmattal nach Dietikon. Dort sitzt er nun, der bekannteste Kriminelle des Landes, in einer Zelle für straffällige Jugendliche.

Die empörte Öffentlichkeit hatte gerichtet. "Luxus-Experiment abgebrochen", frohlockte der Blick, der aus "Carlos" einen Fall – und dann einen Skandal machte.

29.000 Franken im Monat kostete die Rundumbetreuung des Jugendlichen. Es war der verzweifelte Versuch des zuständigen Jugendanwalts Hansueli Gürber, einen scheinbar hoffnungslosen jungen Mann doch noch in den Griff zu kriegen. Der Versuch, einen Menschen zum Guten zu ändern, der noch vor seiner Volljährigkeit wegen Raub, Gewalt, Waffenbesitz und Drogenkonsum verurteilt wurde. Und der vor zwei Jahren einen anderen Jugendlichen mit einem Messer schwer verletzt hatte; das Opfer überlebte nur mit Glück. Also stellte die Jugendanwaltschaft "Carlos" zehn Betreuer zur Seite: Von der Sozialarbeiterin, die mit ihm in einer gemeinsamen Wohnung lebte, bis zum Thai-Boxtrainer.

Davon erfahren hat die Öffentlichkeit aus dem Fernsehen. Die Sendung Reporter porträtierte den Jugendanwalt Hansueli Gürber. Und dieser, getrieben von seinem Geltungsdrang, präsentierte dem Publikum seine mission impossible: "Carlos". Und er erwies damit seinem Schützling und dem Jugendstrafvollzug einen Bärendienst. Es war ein Steilpass für all jene, auf dem Boulevard und in der Politik, die "mehr Härte" im Umgang mit straffälligen Jugendlichen fordern.

Die Züricher SVP fordert eine parlamentarische Untersuchungskommission. Die BDP will "Transparenz und eine detaillierte Aufstellung der bisherigen Kosten." Der emeritierte Strafrechtsprofessor Martin Killias plädiert für mehr unbedingte Strafen für Jugendliche. Und der Kolumnist Peter Rothenbühler wettert vom Chefpult aus: "In Australien setzt man Leute wie 'Carlos' zur Überlebensübung in der Wüste aus."

"Sie nehmen dir die Freiheit, aber zeigen sie dir ständig"

Im Einzelfall mag "mehr Härte", also eine Maßnahme im geschlossenen Vollzug, durchaus sinnvoll sein. Die entsprechenden Anstalten sind in der Schweiz auch vorhanden. Als Allheilmittel für den Umgang mit kriminellen Minderjährigen taugt einsperren und wegschauen aber nicht. Diese Erfahrung macht zurzeit Österreich.

Im Juni berichtete die Wiener Stadtzeitung Falter, eines der wichtigsten Aufdeckermedien des Landes, über die Zustände in der Justizanstalt Wien-Josefstadt: Ein 14-jähriger Untersuchungshäftling wurde von seinen Zellengenossen brutal missbraucht. Sie zwangen ihn, sein Erbrochenes vom Boden aufzuschlecken und vergewaltigen ihn mit einem Besenstiel. Sein Delikt: Er hatte, bewaffnet mit einem Taschenmesser, ein Handy geraubt. Die Justizministerin Beatrix Karl von der konservativen ÖVP sprach zunächst von einem "Einzelfall" und meinte, der Strafvollzug sei nun mal kein "Paradies". Es dauerte nur wenige Tage, bis weitere Fälle von Misshandlungen bekannt wurden. Erst im Januar war ein 20-Jähriger verurteilt worden, weil er einen Mithäftling wochenlang misshandelt haben soll – mit Schlägen und erzwungenem Oralsex. Wie hoch die Dunkelziffer der Übergriffe in Österreichs Gefängniszellen ist, trauen sich Experten nicht einmal zu schätzen.

Gewalt ist in Österreichs Jugendhaft alltäglich. Zu diesem Schluss kam auch eine Studie des Wiener Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte. Da wird geprügelt, eingeschüchtert und gedemütigt. Vor allem die Unterbringung von drei oder gar vier Jugendlichen in einer Zelle würde das Gewaltpotenzial verstärken, schreiben die Autoren der Studie. Weil es etwa in der Josefstadt zu wenig Personal gibt, werden die Zellen oft um sechs Uhr abends, manchmal früher geschlossen. Und manchmal bis zum Nachmittag nicht wieder geöffnet. Bis zu 22 Stunden sind die Jugendlichen dann eingeschlossen und sich selbst überlassen. Die Wiener Jugendrichterin Beate Matschnig beschrieb die langen Einschlusszeiten gar als "Folter".

Nun will Österreich den Jugendstrafvollzug reformieren. Nach Schweizer Vorbild.

Die Reform beginnt bei den Finanzen. Knapp über 100 Euro kostest ein Häftling in Österreich pro Tag, ein Jugendlicher rund 20 bis 40 Euro mehr. Für eine Maßnahme in der Schweiz steht mehr als das Doppelte zur Verfügung. Denn sie ist mehr als bloße Buße, sie verlangt, eine Ausbildung und eine Therapie zu absolvieren und sich in einer Gemeinschaft zu bewähren. In Österreich stehen entlassene Straftäter vielfach allein da, in der Schweiz wird die Entlassung vorbereitet, über viele Monate hinweg. So soll eine kriminelle Karriere verhindert werden. "Der Gedanke, dass man Jugendliche in eine Haftanstalt steckt, sie dort in einem totalen System besonders restriktiv und schlecht behandelt und dann glaubt, sie kommen als gemeinschaftsfähige Mitglieder der Gesellschaft heraus, ist absurd", sagt Brita Krucsay vom Wiener Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie.

Mit "Kuscheljustiz" hat das Schweizer System aber nichts zu tun. Das wird spätestens bei Gesprächen mit Jugendlichen klar, die in einem Maßnahmenzentrum einsitzen. Ständig müsse er über sich selbst und seine Tat sprechen, erzählt ein 20-Jähriger, der wegen bewaffneten Raubes seit zwei Jahren in Uitikon oberhalb von Zürich in einem Maßnahmenzentrum lebt. Zu Beginn wollte er nur weg und in Ruhe gelassen werden. Erst nach einem Jahr sei ihm klar geworden, was mit ihm passiert: "In einem normalen Gefängnis wäre ich so wie vorher, ich würde den gleichen Scheiß machen. Jetzt überlege ich vorher." Trotzdem fühle er sich hier oft eingesperrter als in einem richtigen Knast: "Sie nehmen dir die Freiheit, aber zeigen sie dir ständig", sagt er. "In einem normalen Gefängnis hätte ich hohe Mauern um mich herum und müsste über das Draußen gar nicht erst nachdenken."

Man kann sich streiten, ob Thai-Boxen die richtige Beschäftigung für einen Gewalttäter wie "Carlos" ist. Und dass sich ein junger Mann weigert, eine Berufslehre nur schon ins Auge zu fassen, mag uns rechtschaffene Schweizer ärgern. Aber "Carlos", Sohn einer Brasilianerin und eines Schweizers, kann nicht ins staubige Outback ausgeschafft werden. Er sitzt im Knast in Dietikon. Der Messerstecher bleibt uns erhalten, ob wir wollen oder nicht. Wie wir uns vor ihm und ihn vor sich selbst am besten schützen können, ohne die Errungenschaften des modernen Jugendstrafvollzugs über Bord zu werfen – darüber müssten wir diskutieren.