Niemand weiß, ob Sigmar Gabriel in ein paar Wochen noch wichtig sein wird. Auch er selbst weiß es nicht. Vielleicht wird der SPD-Vorsitzende seine Partei nach dem 22. September zurück an die Macht führen, in eine Große Koalition, was schwer genug wäre. Oder die SPD erleidet eine weitere historische Niederlage, nach der sie, wie schon 2009, als verblassende Volkspartei in der Opposition weitermachen muss. Sigmar Gabriel sind solche Nachtgedanken nicht fremd. "Vielleicht bin ich dann weg", räsoniert er dieser Tage zwischen zwei Wahlkampfterminen.

Das hört sich resignierter an, als es gemeint ist. Eine Fingerübung in Realismus. Der SPD-Vorsitzende ist nicht der Typ Politiker, der einen Wahlkampf nur durchsteht, wenn er sich durch Autosuggestion gegen die Wirklichkeit und ihre Risiken abschottet. Gabriel nimmt sich seine nüchternen Momente, in denen er die Lage durchdenkt: Klar, es könnte auch schiefgehen mit der Wahl, der Regeneration seiner Partei und ihm selbst. Doch kurz darauf steht er dann wieder unter dem Wahlkampfzelt auf irgendeinem Marktplatz und gibt die gut gelaunte Polit-Dampfwalze. Sachkundig und mitfühlend lässt er sich auf sein Publikum ein. Wo Gabriel und die SPD aufkreuzen, geht es um die Probleme der (kleinen) Leute: Rente, Leiharbeit, Pflege, gerechte Bezahlung. Die Fragen aus der Menge wirken ausnahmslos wie bestellt, weil sie so gut zu den Antworten passen, die Gabriel und das SPD-Wahlprogramm vorrätig haben. Dabei ist nichts arrangiert. Die SPD zieht einfach nur diejenigen an, die an Politik eine sehr klassische Erwartung haben. Sie soll die Nöte der Menschen bearbeiten. So entsteht leicht eine Atmosphäre problemgetränkter Harmonie, die der SPD-Chef immer mal wieder mit seinen Späßen aufmischt.

Vor knapp vier Jahren, im November 2009, wurde Gabriel zum SPD-Vorsitzenden gewählt. Die 23 Prozent, die die Partei zwei Monate zuvor bei der Bundestagswahl erzielt hatte, markierten den Tiefpunkt der jüngeren Parteigeschichte. Allen war klar, es handelte sich nicht um einen Ausrutscher, sondern um eine "historische Niederlage". Vor seiner Wahl hielt Gabriel eine Rede, in der er die SPD schonungslos mit ihrer Lage konfrontierte. Zugleich schenkte er damals in Dresden seiner Partei einen euphorischen Moment des Neubeginns.

Wenn man Gabriel heute nach seiner Bilanz fragt, hat er natürlich im Kopf, dass in einigen Wochen die Wähler ihr eigenes Urteil fällen. Eine Stagnation der Partei irgendwo in der Mitte der 20-Prozent-Misere wird all das, was er sich als Erfolg anrechnet, entwerten. Dass die Partei, anders als vor vier Jahren, programmatisch geschlossen auftritt, dass sie nicht mehr um die Richtung streitet und dass die Linkspartei ihre Anziehungskraft auf die SPD-Basis verloren hat, all das erweist sich erst dann als echter Erfolg, wenn es die Attraktion der SPD – auch außerhalb der SPD – wieder steigert.

Zehn Millionen Wähler hat die Partei zwischen 1998 und 2009 verloren, zwischen dem Beginn der rot-grünen Regierung und dem Ende der Großen Koalition. Doch der gewaltige Verlust ist für Gabriel zugleich die Basis seiner Zuversicht: "Es gibt zehn Millionen Leute, die schon einmal SPD gewählt haben – warum sollten wir die nicht wieder erreichen!" Ja, warum eigentlich nicht?

Als die SPD am Ende ihrer Regierungszeit den enormen Vertrauensverlust erlebte, lag es nahe, den Grund dafür in den sozial-ökonomischen Reformen zu sehen, die sie unter massiven innerparteilichen Kämpfen durchgesetzt hatte. So geriet im Bewusstsein der Partei die Reform-Agenda mehr und mehr zur neoliberalen Verirrung. Während die Deutschen heute in Europa und darüber hinaus für ihre erfolgreichen Reformanstrengungen bewundert werden, hat es die SPD fertiggebracht, ihren eigenen Anteil am neuen deutschen Wirtschaftswunder zu verstecken oder sich dafür zu schämen.

Wenn Gabriel kritisch auf das gebrochene Verhältnis seiner Partei zu ihrer Regierungszeit angesprochen wird, gerät er leicht in Fahrt: "150.000 Parteiaustritte, die Neugründung der Linkspartei, eine historische Niederlage 2009 – ja klar hat das zu einem gebrochenen Verhältnis der SPD zu ihrer Regierungsgeschichte geführt!" Es sei schon ein Erfolg seiner Amtszeit, dass es gelungen sei, die Partei davon abzuhalten, die Agenda 2010 als Ganzes für Schrott zu erklären, und es stattdessen bei ein paar Korrekturen zu belassen. Doch die Vorstellung, man hätte die Partei dazu bringen können, so etwas wie Stolz auf die Reformen zu entwickeln und im Wahlkampf damit zu werben, hält Gabriel schlicht für abwegig. "Ich kann die Gene einer Partei nicht umdefinieren, nur um eine Scheinkontinuität herzustellen", blafft der Vorsitzende.

Mag sein, dass selbst der populäre Vorsitzende in dieser Frage wenig Spielraum hatte. Oder er wurde zum populären Vorsitzenden, weil er den Spielraum gar nicht erst auszuloten suchte. Jedenfalls mündete die Aversion der SPD gegenüber ihrer eigenen Regierungszeit in eine kompensatorische Kurskorrektur. Schröder hatte 1998 erfolgreich an "die neue Mitte" appelliert. Elf Jahre später hatte Gabriel in Dresden seiner Partei zugerufen, die Mitte sei kein definierter Ort, sondern lasse sich mit linker Politik zurückerobern. 1998 hatte die SPD mit einer Botschaft gewonnen, in der ökonomischer Erfolg und soziale Verantwortung aufeinander bezogen waren. Heute stehen soziale Kompetenz, Gerechtigkeit und (moderate) Umverteilung im Zentrum ihrer Kampagne.

"Wenn ich es nicht schaffe, meine Partei inhaltlich so weit zu öffnen, dass auch eine Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück möglich wäre, hätte ich meinen Job verfehlt", hatte Gabriel einmal angedeutet, als erste Gerüchte aufkamen, der Ex-Finanzminister interessiere sich für die Kandidatur. Es ist Gabriel dann zwar gelungen, Steinbrück durchzusetzen. Doch eine Bühne, auf der der Kandidat seine Stärke hätte ausspielen können, hat er ihm nicht bereitet.

Dass es Gabriel während der letzten Monate an loyaler Unterstützung des Kandidaten habe fehlen lassen, hat Steinbrück durchblicken lassen. Doch was als programmatische Querschläger des SPD-Chefs hochgespielt wurde, eine Interview-Äußerung zum Tempolimit, eine relativierende Aussage zum Steuerprogramm, sind Petitessen. An ihnen lässt sich eher die Skandalisierungsbereitschaft der Medien als das Destruktionsverlangen des Vorsitzenden ablesen. Ein Vollblutpolitiker wie Gabriel, mit seinem Machtbewusstsein, seiner Spontaneität, seinem leicht überschäumenden Politikstil, bewegt sich permanent im medialen Gefahrenbereich. Über die Bereitschaft, ihn fair zu betrachten, macht er sich keine Illusionen.

Als Gabriel vor Kurzem einen Partei-Konvent für die Woche nach der Wahl einberief, wurde sofort nach den machtstrategischen Hintergedanken gesucht. Das unverfänglichere Kalkül, dass der Konvent die zwingende Vorsorge des Parteichefs für ein schwieriges Wahlergebnis sein könnte, nimmt man ihm gar nicht erst ab. Er jedenfalls besteht darauf, dass die SPD den neuerlichen Weg in eine Große Koalition nur unter breiter Beteiligung der Partei antreten könne.

Doch werden Gabriel auch andere Koalitionsvarianten zugetraut. Und wirklich will er sich den Gedanken an eine rot-rot-grüne Perspektive nicht einfach mit einem Tabu belegen lassen. Aber er ist auch Realist genug, um sie dieses Mal noch auszuschließen. Seine Dementis sind unzweideutig: "Ich halte nichts davon, die Stabilität Deutschlands aufs Spiel zu setzen, nur um mit einer absolut unkalkulierbaren Partei ins Kanzleramt zu kommen." Wollte er es sich nach der Wahl doch anders überlegen, wäre das sein politisches Ende.

Denn es ist ja nicht nur so, dass die Wähler mit einem desaströsen Ergebnis für die SPD auch deren Vorsitzenden in Gefahr bringen würden. Der Mann, der als ausgebuffter Machtpolitiker gilt, ist selbst ins Visier von Machtpolitikern geraten. Es wird ihn nicht überraschen, denn er weiß: Die Partei mag ihn, seine Kollegen in der Parteispitze eher nicht.

"Er ist kein Experte darin, sich Freunde zu machen", sagt einer. Doch ein paar Freunde wird Sigmar Gabriel vielleicht bald brauchen.