Mit dem Wort "historisch" sollte man vorsichtig umgehen. Dennoch: Was sich nächste Woche in Washington ereignen wird, ist ein weltgeschichtlicher Moment. Barack Obama bittet dann den US-Kongress um die Erlaubnis, das syrische Regime für massive Giftgasangriffe strafen und Assad von neuerlichen Attacken abschrecken zu dürfen.

Stimmt der Kongress zu, dann wird es künftig kaum mehr militärische Interventionen geben, die schneller erfolgen, als die demokratischen Prozeduren dauern, es wird keine mehr geben, die autoritär und manipulativ begründet werden, so als spräche der bewaffnete Arm des Weltgeistes, so als wäre Widerspruch Verrat, wie das zu Zeiten von George W. Bush und Tony Blair der Fall war. Mit anderen Worten: Wenn schon Krieg, dann mit dem ganzen Wagnis der Demokratie.

Findet Obama keine Mehrheit, so kann nicht nur er selbst den Rest seiner Präsidentschaft vergessen, dann hat auch der Westen als Weltordnungsmacht vorerst abgedankt, und alle Diktatoren bekommen freies Schussfeld auf ihr Volk.

Aber warum soll so viel auf dem Spiel stehen, schließlich hat es bereits vorher ungeahndete Giftgasangriffe gegeben, im Irak und wohl auch vor einer Weile schon einmal in Syrien. Über diese haben alle hinweggesehen, auch die USA. Es kommt jedoch etwas Entscheidendes hinzu: Obama hat eine rote Linie nicht nur gezogen, sondern dazu gesagt, dass nun der Anwendungsfall dieser Aussage eingetreten ist. Und er hat klargestellt, dass er intervenieren will. Tut er es doch nicht, dann nur aus einem einzigen Grund: weil ihm und damit dem Westen die politische Kraft und die demokratische Legitimation fehlen. In dem Fall hätten die falschen – die am Ende vergeblichen – Kriege alle Energien für richtige(re) Einsätze aufgefressen. Der Westen wäre politisch entwaffnet.

Nein lautet Wladimir Putins zweiter Vorname

Warum geht Obama ein solches Risiko ein, obwohl er es, juristisch gesehen, nicht müsste?

Ein Giftgasangriff ist, so weit herrscht Einigkeit, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch dann geht die Uneinigkeit schon los: Wer wen wie bestrafen darf, das ist strittig, dafür gibt es kein verbindliches Verfahren, das einen Einsatz klar legitimieren würde. Am ehesten werden die Vereinten Nationen als rechtfertigende Instanz angesehen, doch ist der Sicherheitsrat gerade im Falle Syriens durch Russland und China blockiert.

Seit Jahren nutzt Putin die UN nur für seine engen Machtinteressen. Hat er daheim die Modernisierung weitgehend aufgegeben, so sucht er seine Stärke, die ausschließlich auf Gas und Waffen beruht, außenpolitisch zu demonstrieren. Die Fiktion von einem starken Russland kann er nur mehr in der Destruktion westlicher Politik aufrechterhalten, für Gestaltung, fürs Friedenstiften fehlen Putin die Mittel und der Wille. Nein ist Putins zweiter Vorname. Darum fallen die UN, was ein großes Unglück ist, aus.

Als Ersatz dafür könnte Obama eine Koalition der demokratischen Staaten dienen. Darauf hatte er wohl gesetzt. Nicht auf Deutschland natürlich, das sich wieder über alle Parteien hinweg in einem uneingestandenen Pazifismus eingerichtet hat, wohl aber auf Frankreich und Großbritannien. Nun, da auch noch die Briten ausfallen, bleibt Obama bloß noch eine einzige Möglichkeit: Er muss sich die Legitimation für einen Einsatz zu Hause holen, im Kongress.

Wie konnte es so weit kommen? Wieso hängt die militärische Interventionsfähigkeit des Westens, der doch in den letzten zwanzig Jahren so oft Krieg geführt hat, plötzlich am seidenen Faden einer von innenpolitischen Zufälligkeiten mitbestimmten Mehrheit im US-Kongress? Zumal es sich bei einem Angriff auf Assad zur Vergeltung und Abschreckung von Gasangriffen gewiss um einen der am besten zu rechtfertigenden Einsätze seit dem Ende des Kalten Krieges handeln dürfte. Wieso findet ausgerechnet diese militärisch bescheidene Intervention in jenem britischen Unterhaus keine Mehrheit, das dem Irakkrieg noch zugestimmt hat?

Offenbar muss jeder neue Einsatz die Hypothek aller vorherigen Einsätze tragen. So wird gefragt, ob denn wirklich bewiesen sei, dass Assad der Täter war. Dieses Misstrauen speist sich natürlich aus dem Irakkrieg, wo eine zum Krieg entschlossene US-Regierung sich Massenvernichtungswaffen zusammendichtete, die es nicht gab. Heute ist es exakt umgekehrt: Ein Präsident, der am liebsten gar nichts tun würde, wird von Beweisen erdrückt, die ihn zum Handeln zwingen.

Wie psychohistorisch verworren die Lage ist, zeigt sich noch mehr an einer anderen Kritik am möglichen Syrieneinsatz. Es wird nämlich unterstellt, dass er einem neuerlichen regime change diene (siehe Libyen), zugleich wird kritisiert, dass er nicht in der Lage sei, einen solchen herbeizuführen, und daher gar nichts bringe.

Doch nicht allein die politisch unverarbeiteten letzten Kriege belasten einen möglichen Angriff auf Paläste, Kasernen und Startbahnen des Assad-Regimes, auch der beängstigende Verlauf der arabischen Revolution spielt hinein. Mittlerweile fragen viele, ob es richtig war, dass der Westen die alten Diktatoren fallen ließ, wo doch seither bloß islamistische Gruppen oder das Chaos regieren. Was für eine merkwürdige Geschichtsklitterung. Als der Arabische Frühling ausbrach, hatte der Westen schon längst wieder auf ebendiese alten Diktatoren gesetzt, trotzdem wurden sie – ganz ohne Zustimmung von außen – weggefegt. Mubarak, Ben Ali und auch Assad waren schlicht nicht mehr in der Lage, Stabilität zu sichern. Daher ist die hinter vorgehaltener Hand gestellte Frage, ob man mit Assad – Giftgas hin oder her – nicht besser bedient sei als mit den Dschihadisten, nicht nur kaltherzig gegenüber jetzigen und künftigen Giftgasopfern, sie ist auch illusionär. Assad garantiert keine Stabilität, nicht einmal die des Friedhofs und der Massengräber. Mal abgesehen davon, dass auch er von radikalen Islamisten unterstützt wird. Wenn er bleibt, regiert Hisbollah mit – und der Iran.

Ein Militäreinsatz nützt den Menschen in Syrien mehr als keiner

Fair und gegenüber den Syrern gerecht wäre es, wenn man einen möglichen Einsatz auf ihrem Boden nicht für alle vorherigen Einsätze büßen ließe, wenn man das Für und Wider – nur – dieses Einsatzes diskutieren würde. Obama hat seinen Teil dazu beigetragen, das zu ermöglichen. Er zeigte sich nachdenklich und zögerlich, er lässt Zeit für Diplomatie und stellt sich dem Kongress, er macht, kurzum, alles anders, als es in den vorherigen Fällen war.

Was aber bleibt, wenn man die Sache sozusagen netto ansieht? Es kam bislang nicht oft vor, dass die, nun ja, Menschheit sich vor sich selbst genug erschreckt hat, um strikte Verbote auszusprechen. Zu solchen Verboten gehört neben der Atombombe, die am Ende des Zweiten Weltkriegs eingesetzt wurde, das Giftgas, schreckliches Erbe des Ersten Weltkriegs. Solche Art Tabus braucht die Welt nicht weniger, sondern mehr. Insofern ist eine Bestrafung Assads zwingend. Das ist die große, die fast zu große Begründung.

Die kleinere, die menschlichere lautet: Eine militärische Bestrafung nützt den Menschen in Syrien mehr als keine.

Daran, ob der Satz richtig ist, entscheidet sich letztlich alles. Und hier ist die Antwort, wenn man erst einmal die irakischen, afghanischen und libyschen Gespenster vertrieben hat, relativ einfach: Tut der Westen nichts, muss Assad das als Einladung verstehen, weiter Giftgas einzusetzen. Interveniert der Westen auf kleiner Stufe, dann weiß Assad, dass er bei weiteren Giftgasverbrechen mit massiveren Interventionen zu rechnen hat.

Darum muss man Obama eine solide Mehrheit wünschen. Und eine breite öffentliche Debatte. Denn je mehr das Volk einbezogen wird, desto verantwortlicher ist es.

Ein Deutscher kann die Amerikaner da nur beneiden. Bei uns gibt es überhaupt keinen relevanten Widerspruch mehr, alle Parteien übertreffen einander beim Argumentieren gegen ein militärisches Engagement, allein die Begründungen variieren, das Nein steht schon vorher fest. Für Deutschland gibt es nur noch zwei Sorten von Interventionen: solche, an denen man nicht teilnehmen will, und solche, an denen man, sorry, nicht teilnehmen kann.

Sagen wir es historisch: Deutschland hätte Deutschland nicht befreit.