Heinrich Detering, der Göttinger Germanist und Mitherausgeber der auf 38 Bände angelegten Thomas-Mann-Gesamtausgabe im S. Fischer Verlag, griff nicht zu tief in den unergründlichen deutsch-akademischen Vorrat an Entrüstung, als er mit Blick auf den überraschenden Fund von 13 Kisten mit Thomas-und-Katia-Mann-Briefen und Erinnerungsstücken von einem Skandal sprach, den so zu nennen keine Übertreibung sei. Frido Mann, dessen Kompetenz sich aus der Verwandtschaft ergibt, habe einen "Schock" erlebt (obwohl ihn der Großvater einst literarisch so grausam sterben ließ), der ihn darüber nachzudenken zwinge, ob es nicht angemessen sei, für das Thomas-Mann-Archiv eine andere Unterkunft als die Bibliothek der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich zu suchen.

Die Fachleute werden sich wieder abregen. Vielleicht gewinnen sie im Gang der Jahre der Bescherung sogar eine positive Seite ab. Noch wissen wir nicht, welche Schätze die 13 Kisten bergen. Es ist kaum anzunehmen, dass die Forscher auf einen bisher unbekannten Philosophie-Studenten namens Ulrich von Levitzky (oder so ähnlich) stoßen werden, bei dem unserem Klassiker sozusagen in letzter Stunde auch die carnale Erfüllung der Liebe zuteilwurde, obschon der glücklich-unglückliche Studiosus im Zweifelsfall beschwören wird, dass es, nein, eine Liebschaft nicht gewesen sei. Wir sind auf alles gefasst.

Aber was für ein Segen für die Thomas-Mann-Industrie – tausend, zweitausend, zehntausend gelehrte Arbeitnehmer? –, die sich über Nacht mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert sieht. Sie wird damit auf lange Jahre beschäftigt sein. Unter Umständen wird sich eine Neuausgabe der Regesten-Bände als notwendig erweisen. Allein das eine penible Aufgabe, bei der die Erwartungen des Perfektionismus deutscher Tradition genauso erfüllt werden müssen, wie dem unbeirrbaren Blick aufs große Ganze der Epoche zu genügen ist. Und dann das Menschliche, Allzumenschliche. Die zentrale Figur ist ohne Zweifel die geheimnisvolle Anita Naef (1924 bis 2000), Lebens- und Arbeitsgefährtin von Peter de Mendelssohn, dem Thomas-Mann-Biografen (es blieb leider bei einem Band) und ersten Herausgeber der Tagebücher – eines Werks, dessen sich nach seinem frühen Tod im Jahre 1982 die unermüdliche Inge Jens annahm. Frau Naef diente auch Katia, Golo und Erika Mann als Gehilfin. Vermutlich kannte niemand die Familie besser als sie: kein Winkel, in den sie nicht einen Blick geworfen hat. Warum zerstritt sie sich mit Golo und mit seinen Erben? Wir werden es erfahren. Es wird uns, wenn wir nur lange genug leben, ein Licht aufgehen, warum Frau Naef in der Lage war, dem Züricher Archiv auch nach dem Bruch mit der Familie "Schenkungen" nicht nur von Briefen (wohl vor allem aus der Feder Katias) und Thomas-Mann-Andenken wie Spazierstöcken und Feuerzeugen zuteilwerden zu lassen.

Was für Entdeckungen mögen auf uns warten? Zeugnisse von Leben, die – jedes für sich genommen – eher dürftig waren: aber zusammen – welch eine Fülle! Anstöße genug für die Wissenschaft. Und obendrein wird vielleicht auch unsere Gier nach Klatsch befriedigt, die nicht das geringste Motiv unseres literarischen Engagements ist.