Einige Chefs wollen Vorbild sein – und nehmen sich eine Auszeit

Völlig unklar wiederum, in welche Ecke sich Pierre Wauthier am Ende gedrängt sah. Dass Differenzen mit Zurich-Präsident Josef Ackermann bei seinem Todesentschluss eine Rolle spielten, scheint offensichtlich: Wauthier erwähnte das Verhältnis zu Ackermann in einem Abschiedsbrief. Aber hatte hier tatsächlich – ganz nach den erwähnten Teppichetagen- und Nadelstreifen-Klischees – der Oberboss unmenschlichen Druck auf den Unterboss ausgeübt? Keiner wird je wissen, ob solch ein Zwist im Gemenge von Pierre Wauthiers Verzweiflung entscheidend war, aber bezweifeln darf man es. Ackermann werden aus seinen Jahren bei SKA und Deutscher Bank zahllose diskutable Eigenschaften nachgesagt, den Ruf eines Fertigmachers hat er jedoch nicht. Umgekehrt hört man, dass er zutiefst getroffen war vom Freitod des Finanzchefs. "Gegen einen Toten kann man nur verlieren", soll er laut der Schweizer Sonntagszeitung bei der jüngsten Verwaltungsratssitzung des Versicherungskonzerns gesagt haben.

Ackermann hat mit seinem plötzlichen Rücktritt in der Wirtschaftsgemeinde vor allem Verunsicherung ausgelöst. Der Aufsichtsratsvorsitzende eines Schweizer Milliardenkonzerns sagt unter dem Siegel der Verschwiegenheit: "Dass Ackermann sich zu so einem Zeitpunkt als Verwaltungsratspräsident verabschiedet, verstehe ich nicht. Das ist doch eine Krise, dann kann man doch nicht einfach gehen!" Bei Zurich wiederum will man untersuchen, ob "übermäßiger Druck" auf Wauthier ausgeübt worden sei und ob da ein Problem in der Unternehmenskultur bestehe. "Wir nehmen das Verhalten des Managements eher ernst", sagte Tom de Swaan, Ackermanns interimistischer Nachfolger im Präsidentenamt, in einer Telefonkonferenz mit Analysten. Und das ist wohl die einzige Frage, der man nach solchen Einzelschicksalen sinnvoll nachgehen kann – die Frage nämlich, ob im Unternehmen, ob in den Topetagen, ob an der Spitze der Wirtschaft strukturell ein Problem entstanden ist und Grenzen überschritten wurden.

Einige Firmen versuchen, ihre Angestellten vor Überlastung zu schützen, oder die Chefs gehen selbst als gutes Beispiel voran. So hat der 57-jährige Pierin Vincenz, CEO der drittgrößten Schweizer Bank namens Raiffeisen, im Juli verkündet, er gehe in ein zweimonatiges Sabbatical. Bei Raiffeisen, so eine Regel, müssen die Kaderleute ab einer bestimmten Stufe jeweils nach zehn Jahren eine Pause einlegen – und der oberste Chef wollte auch hier ein Vorbild sein.

Ihm vorangegangen war im Mai der 62-jährige Johann Rupert, Aufsichtsratsvorsitzender und CEO des Schweizer Luxusgüterkonzerns Richemont, mit der Ankündigung einer zwölfmonatigen Auszeit. "Es ist doch seltsam", sagte Rupert, "dass jemand in der Uhrenbranche nicht Herr seiner Zeit ist". Und der 55-jährige Schweizer Peter Voser, Konzernchef von Royal Dutch Shell, kündigte im Mai an, sich im ersten Halbjahr 2014 zurückzuziehen – mit der ausgefallenen Begründung, er wolle "künftig mehr Zeit für meine Familie und mein Privatleben" haben.

Im Januar 2012, so ein weiteres Beispiel, ließ sich der Chef des Rückversicherungs-Riesen Swiss Re, Stefan Lippe, nach drei Jahren im Amt überraschend frühpensionieren – mit 56 Jahren. Der Mann stieg einfach aus.

Gier, Zynismus, Stress, Erfolgsdruck, Ehrgeiz, Einsamkeit, Machtkämpfe: Man kann es schon so einfach sehen. Aber die so überraschenden Schicksale der Männer aus der Schweiz zeigen eher, wie viele Wirklichkeiten dort oben nebeneinander existieren, mit Asketen neben Lebemenschen, Geerdeten neben Grenzgängern, Perfektionisten neben Spielern, mit Verzweifelten neben denen, die rundum eins sind mit sich und ihren Problemen.

Nicolas G. Hayek, der vielleicht legendärste Wirtschaftsführer der Schweizer Nachkriegsgeschichte, wurde einmal gefragt, wie viel er denn arbeite pro Tag. "Ich arbeite nicht", sagte der Uhrenkönig. "Ich vergnüge mich zwischen 8 und 14 Stunden." Als er an seinem Bürotisch starb, war er 82 Jahre alt.

Nein, man muss kein Mitleid haben mit allen Chefs. Wenn sie aber rechtzeitig begreifen, dass auch sie nur Menschen sind, ist vielen geholfen. Nicht nur ihnen selbst.