Als Kind fiel mir das Einschlafen schwer. Im Kindergarten wurde das zu einem echten Problem. Wer schlief, bekam nach dem Aufwachen eine Belohnung, die Erzieherinnen legten einem ein Bonbon ans Bett. Nur ich bekam nie eins, denn ich lag stets mit offenen Augen auf meinem Klappbett aus Pressspan und wartete darauf, endlich aufstehen zu dürfen. Furchtbar.

Noch heute habe ich das Gefühl, beim Schlafen etwas zu verpassen. Wenn ich am nächsten Morgen nicht früh rausmuss, bin ich wie ein sechsjähriges Kind: Ich brauche unheimlich lange, um mich ins Bett zu bewegen. Ich hasse es, mich hinzulegen. Für mich fühlt sich das an wie sterben. Dabei bin ich nicht mal besonders nachtaktiv. Eigentlich bin ich nie viel ausgegangen. Ich kann aber abends ewig rumsitzen, trinken, rauchen und lesen. Ich mag es, wenn es um mich herum still ist, der Morgen zu dämmern beginnt und ich noch wach bin.

Die meisten meiner Träume vergesse ich ziemlich schnell, selbst wenn sie sehr realistisch waren. Spätestens am Mittag kann ich mich nicht mehr an sie erinnern. Ich habe mich auch nie in irgendwelche Vorstellungen hineingesteigert, sondern die Dinge immer so geschehen lassen, wie sie auf mich zukamen. Eine Zeit lang habe ich mich gefragt, woran das liegen könnte. Ob das mit meiner Ost-Herkunft zu tun hat und mit der festgefügten Welt, in der ich aufgewachsen bin und die dann so plötzlich implodierte und verschwand. Als die Mauer fiel, war ich 16. Und natürlich hatte ich vorher schon begriffen, dass nichts von dem stimmte, was uns erzählt wurde. Dass jedoch das ganze Land einfach verschwindet, das war für mich bis dahin unvorstellbar gewesen. Ich habe also schon früh gelernt, dass nichts gilt, man sich auf nichts verlassen kann und es jederzeit anders kommen kann als gedacht. Diese Erkenntnis empfinde ich nicht als Verlust, sondern als tiefe Einsicht.

Ich erinnere mich noch gut an den Sportunterricht während meiner Schulzeit. Wenn wir draußen auf dem Sportplatz waren, sah ich die Pan-Am-Maschinen am Himmel. Sie flogen in Länder, in die ich nie kommen würde. In einem dieser Flugzeuge wollte ich sitzen. Einfach weg, ohne ein bestimmtes Ziel.

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Diesen Wunsch verspüre ich heute noch. Mein Glück ist, dass ich durch meinen Beruf viel unterwegs bin. Schwierig wird es nur, wenn ich beim Aufwachen nicht weiß, wo ich bin. So wie vor ein paar Jahren, damals pendelte ich wegen verschiedener Filmproduktionen und Theateraufführungen jeden Tag zwischen Berlin, Hamburg und München hin und her. In dieser Zeit träumte ich einmal davon, dass ich nackt durch die Straßen lief, vollkommen orientierungslos. Ich fühlte mich wahnsinnig alleine und hilflos. Nach dem Aufwachen musste ich sofort die Bettdecke zur Seite schlagen, um mich zu überzeugen, dass ich angezogen war.

Klar, ich könnte jetzt darüber nachdenken, was das zu bedeuten hat, dass ich immer wieder wegwill. Und ob ich nicht vielleicht tief in mir drin den Wunsch verspüre anzukommen. Aber jedes Mal, wenn ich irgendwo angekommen bin, will ich nach einiger Zeit wieder woandershin.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio