Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell ein Filmfestival zur Weltwahrnehmungsbrille werden kann. Wie das Kino den Blick verändert, auf das Leben im Allgemeinen und dickliche italienische Kinder im Besonderen. Bisher präsentierte sich am Strand des Lido di Venezia stets eine hoffnungslos verzogene Brut, in die man bequem den Egoismus und die Rücksichtslosigkeit einer berlusconisierten Gesellschaft hineininterpretieren konnte. Und nun? Schaut man plötzlich voller Zärtlichkeit und Entzücken auf die kleinen Monster und ihre teigigen Körperchen. Sollen sie doch weiterhin quengelnd zwischen der Eisbude und den im Liegestuhl thronenden Großmüttern hin- und herwatscheln, mit Gummipfeilen um sich schießen und alle Menschen im Umkreis von hundert Metern mit ihrem Dauergeschrei terrorisieren. Nein, man kann seit dieser 70. Ausgabe der Mostra Internationale d’Arte Cinematografica gar keine Aggression mehr gegen den italienischen Nachwuchs entwickeln, weil dem Kind im Kino schon zu viel angetan wird. Eher ist man froh um jedes kleine Wesen, dem erspart bleibt, wovon die Beiträge des Festivals mit aller Härte erzählen.

Das Kind, sagen die Filme, ist das erste und schwächste Opfer zivilisatorischer Zersetzung. Ein lebendes Schlachtfeld, auf dem psychologische, ökonomische und religiöse Kriege ausgetragen werden. Und weil das Kind noch Kind ist, weiß es sich auch auf der Leinwand nicht anders zu helfen, als die Deformation der Welt zu seiner eigenen zu machen.

In Philip Groenings Film Die Frau des Polizisten, dem deutschen Beitrag im Wettbewerb der Filmbiennale, sieht man zunächst die Bilder einer glücklichen Kindheit und Familie: Vater, Mutter und vierjährige Tochter, Osterspaziergang, gemeinsames Abendessen. Aber es herrscht eine merkwürdig beklemmende Atmosphäre in dem verschachtelten Haus irgendwo in der deutschen Provinz. Es gibt keine Freunde, keine Bekannten, keine Außenkontakte jenseits der Polizeiarbeit des Vaters. Und plötzlich ist dieser große blaue Fleck auf dem Rücken der Mutter zu sehen.

Die Frau des Polizisten ist eine Chronik häuslicher Gewalt. In losen Szenen und rund sechzig Kapiteln zeigt Groenings dreistündiger Film, wie die Gewalt eine Beziehung und drei Menschen zerstört, wie die cholerischen Anfälle des jungen Vaters zunehmen, wie die Mutter in depressiver Duldung versinkt. Am schockierendsten ist die Anpassung der kleinen Tochter an diesen Ausnahmezustand, den sie nur als Normalität wahrnehmen kann. Nie sieht man sie ausgelassen, übermütig oder aufmüpfig. Einmal schlägt sie ihre Puppe. Später, als der Alltag schon in einen einzigen langen Verfallszustand übergegangen ist, verhöhnt die Kleine gemeinsam mit dem Vater die inzwischen mit blauen Flecken übersäte Mutter, die sich nicht mehr duscht und verwahrlost.

Jedes der kurzen Kapitel beginnt und beendet Groening mit Inserts und Schwarzblenden. Die überbetonte Form wirkt ambitiös und leicht zwanghaft. Aber es ist auch ein Versuch, zurückzutreten, Distanz zu schaffen zum Erzählten. Diesen Abstand zu sich selbst erzeugt der Film auch mit der Figur eines alten Mannes. Einsam sitzt der Weißhaarige in seiner Küche, bereitet sich ein Mahl oder blickt in einer Winterlandschaft in die Kamera. Wer ist das? Der schlagende Vater im Alter? Der Vater des Mannes oder der Mutter? Oder Gott, der ohnmächtig auf die Menschen blickt? In jedem Fall ist der Alte eine Figur fernab jeder Psychologie. So wie auch die Familie keine Geschichte, keinen Hintergrund und keine Vergangenheit hat. Mutter, Vater, Kind sind Gefangene einer Struktur. Einer Lebensform, die in der Isolation implodiert.

In einer der schönsten Stellen von Also sprach Zarathustra schreibt Friedrich Nietzsche: "Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-Sagen." Kaum zu glauben, aber Die Frau des Polizisten enthält auch die Unschuld, das heilige Ja-Sagen und zumindest die Illusion des Neubeginns. In zärtlichen Szenen zwischen Mutter und Kind entsteht eine idyllische Insel des Spielens und des spielerischen Welterklärens. Man fragt sich, ob durch diese ungeheuerliche Parallelität zwischen Mutterliebe und väterlicher Gewalt etwas ausgeglichen oder das System letztlich gestützt wird.

Auch der junge griechische Regisseur Alexandros Avranas hat eine Form gesucht für das, was sich eigentlich jeder Form entzieht. Auch sein Wettbewerbsbeitrag Miss Violence besteht aus einer Folge von Szenen, die eher einen Zustand als eine Geschichte abbildet. Und auch hier steht am Anfang ein Fest: der elfte Geburtstag von Angeliki. Kaum sind die Kerzen angezündet und die Kuchenstücke serviert, springt das Mädchen lächelnd vom Balkon.