Unerhört ist das: Da starren sich zwei Männer grimmig in die Augen und setzen alles daran, mit klaren Worten die Argumente des Gegenübers zu zerlegen. Es ist ein pointierter Schlagabtausch zwischen dem damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) und seinem Kontrahenten, den das österreichische Fernsehen in den siebziger Jahren ausgestrahlt hat. Auf dem Tisch vor den Männern ein paar Akten und ein kleiner, orangefarbener Plastikwürfel, der zu leuchten beginnt, wenn einer zu lange spricht. Keine Moderatoren, keinerlei Regeln, die zwei Herren kriegen das ganz alleine hin. So einfach kann ein Fernsehduell auch sein – und so gut.

Nicht dass man sich Männer mit getönten Hornbrillen zurückwünschte, wie ja auch Helmut Kohl sie getragen hat, der sich zeit seines Lebens einer derartigen TV-Konfrontation verweigerte. Aber ein bisschen mehr freier Kampf und wilde Konfrontation im deutschen Fernsehdisput vor der Wahl 2017, das würde guttun. Doch dazu wird es hierzulande kaum kommen. Schuld daran sind ein Mann, eine Frau und eine reichlich mutlose Senderpolitik.

Der Mann heißt Michael Spreng; er hatte 2002 den Auftrag, Edmund Stoiber zur Kanzlerschaft zu verhelfen. Eine Fernsehbegegnung nach amerikanischem Vorbild sollte nachhelfen – war seinen Plänen allerdings nur nützlich, wenn er seinen rhetorisch unterlegenen Auftraggeber umfangreich schützen konnte. "Ich wollte Stoiber ein Korsett verpassen und TV-Mann Gerhard Schröder eine Zwangsjacke", sagt Spreng. Und was sagten die verantwortlichen Sender? "Sie waren scharf auf das Format und haben daher unsere Forderungen einfach geschluckt." Die lauteten: vier beteiligte Anstalten, zwei Termine, feste Redezeiten, vorher zu vereinbarende Kamerapositionen und Zwischenschnitte. Nur nichts dem Zufall überlassen, er könnte zur Bedrohung werden.

Diese Haltung mancher Politiker in Deutschland, die einzigartigen Restriktionen für das Format und die Sender, die beides so hinnehmen, sind elf Jahre und drei Bundesduelle später beinahe unverändert geblieben. Spreng ärgert sich heute darüber: "Das Regelwerk verhindert doch ein echtes Streitgespräch. Es sollte für die Zukunft neu überdacht werden."

Stattdessen verlief 2013 manches eher noch angespannter als in den Jahren zuvor, und das liegt vor allem an einer Frau: Angela Merkel, die ihre größte Stärke offenbar nicht so sehr im öffentlichen Debattieren sieht und Peer Steinbrück als gefährlichen Gegner einstufte. Vor dem Fernsehauftritt, zu dem ursprünglich nur die Chefredakteure von ARD und ZDF eingeladen hatten, gab es fünf Verhandlungsrunden mit Vertretern aller Beteiligten: der Öffentlich-Rechtlichen, ProSieben, RTL, CDU und SPD. Dem Vernehmen nach ging es dort zwischen den beiden Parteien oft kontroverser zu als in der Talkshow am Sonntagabend.

Steinbrück wollte zwei TV-Begegnungen, eine öffentlich-rechtliche und eine private. Für die Zuschauer hätte das den Vorteil gehabt, dass nur noch je zwei Moderatoren aufgetaucht wären. Die hätten sicherlich hartnäckiger nachgefragt – ohne Furcht, drei Kollegen etwas von der penibel aufgeteilten Fragezeit zu stehlen, was schlimmstenfalls zum Eklat zwischen den Sendern hätte führen können. An interessanten Stellen hätten sie nicht gleich weiterhecheln müssen, weil Journalist Nummer vier noch Gebiet Nummer fünf würde abhandeln müssen. Vielleicht hätte sich sogar etwas mehr Kampf und ein wenig Konfrontation zwischen den Politikern ergeben.

Aber bevor es so weit kommen konnte, fiel aus dem Kreis der Merkel-Leute in der dritten Verhandlungsrunde plötzlich der Satz: "Es kann auch sein, dass es gar kein Duell gibt." Damit waren Steinbrücks Wünsche weggewischt, die Kanzlerin bestimmte Zeitpunkt und Anzahl der Treffen im TV.

Es ist dies der Satz, vor dem sich auch die Menschen in den Rundfunkanstalten fürchten. Anders ist nicht zu erklären, dass der Moderatorenüberhang und seine Folgen in der Sendungskritik der Chefredakteure am vergangenen Montag nicht einmal erwähnt wurden. "Das muss gar nicht mehr angesprochen werden", sagt einer der Verantwortlichen hinter vorgehaltener Hand. "Dass das Fernsehduell in Deutschland so definitiv nicht ideal ist und das Format strukturell kein echtes Duell zulässt – da sind wir uns hier alle einig."

Eine andere Form sei aber nicht möglich, solange sich mancher Politiker nur auf ein einziges Zusammentreffen bei allen vier Sendern gleichzeitig einlasse und die Regeln von 2002 bewahren wolle. Freiwillig zurückziehen wird sich keiner der Fernsehmacher, das geht allein aus senderpolitischem Kalkül nicht: Niemand möchte den medialen Höhepunkt des Wahlkampfs verpassen. Also lieber faule Kompromisse.

Auch für die Zukunft gibt es keinerlei Pläne in den öffentlich-rechtlichen Anstalten, sich gegen das Diktat der Politik oder die Präsenz der Privaten zur Wehr zu setzen. Das nächste Duell findet ja erst 2017 statt. Außerdem seien die Beteiligten in den Rundfunkanstalten gerade noch "ganz beschwipst" vom Zuschauererfolg, viele befänden sich im Freudenrausch, sagt ein Insider. Fast 18 Millionen Menschen haben zugesehen. Die Quote stimmte, vor allem in der ARD.

Kein Anlass also, etwas Grundlegendes am Fernsehduell in Deutschland zu verändern.