DIE ZEIT: In Ihrer Biografie Zugabe schreiben Sie, der Fußball habe Ihre Genesung vorangetrieben. Kann Fußball therapieren?

Wolfgang Niedecken: Es war wirklich erstaunlich, wie sehr mich die Vorfreude auf ein Spiel beseelt hat. Bereits zehn Tage nach dem Schlaganfall im November 2011 habe ich auf der Intensivstation Fußball im Fernsehen geschaut. Ich lag mit meiner Tochter auf dem Bett und habe meinem Verein, dem 1. FC Köln, beim Auswärtsspiel in Bremen zugeschaut. Wir haben verloren, und trotzdem hatte ich in diesen 90 Minuten zum ersten Mal das wohlige Gefühl, alles könnte wieder gut werden. Emotionen dieser Art lösen bei mir nur Fußball und Musik aus.

ZEIT: Sind Sie wieder ganz der Alte?

Niedecken: Ja. Manchmal werfe ich noch Buchstaben durcheinander. Ich schaffe es beispielsweise einfach nicht, das Wort "Album" richtig zu schreiben. Wie sehr ich mich auch konzentriere, es kommt immer "Abum" dabei heraus – dummerweise ein Begriff, den ich oft gebrauchen muss. Und wenn mich jemand um ein Autogramm bittet, kann ich nicht wie früher eine Widmung schreiben und gleichzeitig charmant mit meinem Gegenüber plaudern. Mein Sohn sagte den schönen Satz: Vatter macht jetzt immer nur noch eine Sache gleichzeitig.

ZEIT: Wann haben Sie Ihre Leidenschaft für den Fußball entdeckt?

Niedecken: Ich erinnere mich, dass ich als Kind auf dem Wohnzimmerteppich lag und zusammen mit meinem 20 Jahre älteren Halbbruder und meinem Vater Fußballübertragungen im Radio gehört habe. Dabei fielen die Namen der Weltmeister von 1954, der Helden von Bern. Unser Hans Schäfer, der 1. FC Köln und Fußball, das war eine Dreieinigkeit. Hatten die Kölner verloren, dann gingen wir raus auf die Straße und spielten die Partie so lange nach, bis der FC doch noch gewonnen hatte.

ZEIT: Waren Sie ein guter Fußballer?

Niedecken: Ich spielte rechts außen, weite Flanken vors Tor waren mein Ding, auch wenn das nicht die Position von Hans Schäfer war. Außergewöhnlich gut war ich allerdings nicht. Ich musste schon Rockstar werden. In unserem Song Woröm dunn ich mir dat eijentlich ahn? heißt es, drei Sachen könne man sich im Leben nicht aussuchen: "Vatter un Mutter un – wat willste maache – dä Club, mit dem man leiden muss".

ZEIT: Ihr Verein mutet Ihnen tatsächlich einiges zu!

Niedecken: Der 1. FC Köln wurde mir in die Wiege gelegt. Menschen, die als Fans hin und her pendeln, je nachdem, welcher Club gerade erfolgreich ist, sind mir suspekt. Das geht gegen mein Ehrgefühl. Man hat mit einem Verein durch alle Tiefen zu gehen, ich muss leiden und fluchen. Vielleicht ist das die Funktion des Fußballs: Er gibt Männern die Möglichkeit, gemeinsam zu leiden, schwach zu sein.