Auf ihrem Zeugnis muss die Anrede "Herr" durchgestrichen werden, stattdessen tippt man sorgfältig "Fräulein" daneben. Für Frauen ist der Vordruck nicht gedacht. Wie auch? Man schreibt das Jahr 1913, und Jovanka Bontschits erhält in Darmstadt als erste Frau den Titel "Diplom-Ingenieur". Das Abschlussfoto zeigt sie mit Blumenstrauß und hellem Kleid zwischen ihren Kommilitonen. Einer scheint den Arm auf ihren Rücken zu legen. Später wird sie ihn heiraten. Das ungewöhnliche Leben dieses ersten Fräulein Dipl.-Ing. haben Mitarbeiter der heutigen TU Darmstadt jetzt aus alten Studienunterlagen und Gesprächen mit ihrer Enkelin zusammengetragen.

Jovanka Bontschits ist 22, als sie zum Studium nach Deutschland kommt. Ihre Heimat ist Serbien, die Familie gut gestellt. Der Vater arbeitet als Richter am Obersten Gerichtshof in Belgrad. Offensichtlich ist ihm die Bildung seiner ältesten Tochter wichtig. An der Universität Belgrad hat sie schon sieben Semester studiert, außerdem ein Praktikum bei der serbischen Staatsbahn gemacht. An der Technischen Hochschule Darmstadt schreibt sie sich nun für Architektur mit Schwerpunkt Hochbau ein. Das Fach "Städtebau", das sie als Vertiefungsrichtung wählt, ist neu und wird in Belgrad nicht angeboten. Der noch junge Abschluss "Diplom-Ingenieur" wird gerade zum Gütesiegel. Deutsch hat Jovanka bereits in der Schule gelernt.

Damals studieren viele junge Männer aus Osteuropa in Darmstadt, besonders die Ingenieurwissenschaften sind beliebt. Architektur gehört dazu. Studentinnen gibt es kaum. Erst seit 1908 lassen die hessischen Hochschulen Frauen überhaupt zu. Zum Wintersemester 1909 sind unter rund 1400 Studenten und Gasthörern nur 148 Frauen, regulär eingeschrieben sind nur vier. Als Ausländerin und als Frau ist Jovanka Bontschits doppelt fremd. In den ersten Semestern zieht sie innerhalb der Stadt viermal um. Das ist ungewöhnlich, selbst für jemanden von außerhalb. Ist sie schwierig? Anspruchsvoll? Oder tun sich die Vermieter schwer mit ihr als unverheirateter Frau? Kommilitonen nach Hause einzuladen ist undenkbar. Auf Kuppelei steht Zuchthaus. In den Semesterferien, so vermutet man im Nachhinein an der TU Darmstadt, fährt sie wohl zu ihren Eltern nach Belgrad.

Für viele Frauen endet das Studium mit der Verlobung

Auf ihrem Stundenplan stehen zuerst Mathe, Physik, Chemie, bürgerliche Baukunst und Ornamentzeichnen, in den höheren Semestern Hochbaukonstruktion und Wohnbaukunst. Pro Semester gibt es eine Studienfahrt, manchmal ist es nur ein Tagesausflug. Ein Foto von einem Ausflug nach Auerbach liefert den einzigen Hinweis darauf, wie Jovanka Bontschits an der Hochschule aufgenommen wird. Das Bild zeigt eine Gruppe von Architekturstudenten, die Frau muss Jovanka sein. "Da sie mit ihren Kommilitonen Ausflüge außerhalb des Lehrplans gemacht hat, scheint sie akzeptiert gewesen zu sein", sagt Verena Kümmel, Koordinatorin für Gleichstellungsaktivitäten an der TU Darmstadt. Sie hat Jovankas Bontschits’ Geschichte erforscht und sagt: "Vielleicht half es, dass sie nach Serbien zurückwollte und keine Konkurrenz für die deutschen Studenten war."

Der Erfolg des Studiums wird allerdings von einer anderen Seite bedroht: Die Hochschule ist ein Heiratsmarkt. Für viele Frauen endet das Studium mit dem Ring am Finger. Von den vier Frauen, die 1909 eingeschrieben sind, machen nur zwei ihren Abschluss. Die erste Studentin der Hochschule wird nicht zur ersten Ingenieurin, weil sie nach Vordiplom und Verlobung zu Hause lernen muss, wie ein Haushalt geführt wird. Auch Jovanka Bontschits lernt an der Uni jemanden kennen und lieben: Andrej Katerinitsch, gebürtiger Ukrainer und Architekturstudent wie sie. Aber sie gibt das Studium nicht auf. Nach acht Semestern schließt sie in der Regelstudienzeit ab, für ihre Diplomarbeit entwirft sie eine Schule. Mündlich lässt sie sich in Städtebau prüfen. In fünf von neun Prüfungen bekommt sie ein "ziemlich gut". Nach heutigem Maßstab wäre das eine Drei. Die meisten ihrer Kommilitonen schneiden ähnlich ab.

Am Freitag, dem 18. Juli 1913, erhalten insgesamt 15 Architekturstudenten den Titel "Diplom-Ingenieur". Auch Jovanka Bontschits’ späterer Ehemann Andrej gehört dazu. Die Presse aber kommt ihretwegen: Das Foto der jungen Frau zwischen ihren Kommilitonen wird Titelseite der Berliner Illustrirten Zeitung. "Den Frauen werden immer mehr von jenen Berufen erschlossen, die sonst die ureigenste Domäne des Mannes gewesen sind", schreibt das Blatt. Im Deutschen Reich haben Frauen zu der Zeit noch nicht einmal das Wahlrecht.

Jovanka Bontschits arbeitet nach dem Examen als Architektin

Dem Reporter erklärt Bontschits, sie wolle in Belgrad als Architektin arbeiten und die moderne Richtung des Hochbaus einführen. Das ist eine ziemlich selbstbewusste Aussage, in Serbien sind Architektinnen so selten wie in Deutschland. Aber es kommt, wie sie will. Wenn auch nicht gleich. Erst zehn Jahre nach ihrem Abschluss tritt sie die Stelle an, mit der sich ihr Wunsch erfüllen wird: einen Posten im serbischen Bauministerium. Dazwischen liegen der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution. Jovanka Bontschits hat geheiratet, drei Söhne bekommen, in St. Petersburg und in Kiew gelebt. Nun schreibt sie an ihre alte Hochschule. Es ist das einzige persönliche Dokument, das dort von ihr erhalten blieb, und nur ein kurzer Text: Durch die Kriegswirren habe sie ihre Studienunterlagen verloren, ob man sie ihr neu ausstellen könne?

1923 beginnt sie beim serbischen Bauministerium. Da sie schon ihr erstes Praktikum im öffentlichen Bausektor gemacht hat und für ihr Diplom eine Schule entwarf, darf man vermuten, dass sie am Ziel ist. Bontschits entwirft die Gebäude für die Lehrerinnenausbildung und die Veterinärmedizin an der Universität Belgrad und leitet im Bauministerium schließlich das Referat für Hochschulbau. Sie ist so erfolgreich, dass sie einen Eintrag im Allgemeinen Künstlerlexikon bekommt. Jovanka Bontschits arbeitet bis 1945, dann geht sie in den Ruhestand. 1966 stirbt sie mit 79 Jahren in Belgrad. Ein Vorbild ist sie zu Lebzeiten nicht geworden. In Deutschland wurde sie nicht bekannt, weil sie nach Serbien zurückging. In Serbien konnten viele junge Frauen aufgrund des Ersten Weltkrieges nicht mehr ihrem Beispiel folgen. Zum 100. Jubiläum hat sich die TU Darmstadt nun auf ihre erste Ingenieurin besonnen. Seit 2012 trägt ein Preis für Absolventinnen der Material- und Geowissenschaften ihren Namen. Im Herbst soll eine Straße auf dem Campus nach Jovanka Bontschits benannt werden.