Imre Kertész ist 84 Jahre alt und leidet an Parkinson. In den letzten zehn Jahren hat er in Berlin gelebt, in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms. Er liebte die Platanen im alten Berliner Westen, die Caféterrassen am Ludwig-Kirch-Platz, die Konzerte in der Philharmonie. Er beschreibt dieses Berliner Leben im Tagebuch "Letzte Einkehr", das nächste Woche erscheint. Im November letzten Jahres ist er nach Budapest zurückgekehrt. Seither hat er die Wohnung im dritten Stock eines gediegenen Wohnhauses in Buda nicht mehr verlassen. Er sitzt in einem Sessel vor der offenen Terrassentür. Zart, durchsichtig sieht er jetzt aus. Unter dem Hemd rattert während des Gesprächs unerbittlich ein Gerät, das die Medikamentenzufuhr kontrolliert. Auf dem Tisch Canettis Buch über Kafka: "Der andere Prozeß". Kafka – seine Welt. Er strahlt.

Imre Kertész: Erinnern Sie sich noch? Sie haben mich vor ungefähr 20 Jahren in der kleinen Einzimmerwohnung in der Törökstraße besucht. Sie waren mein erster Besuch aus dem Westen. In der Wohnung habe ich 42 Jahre gelebt.

DIE ZEIT: Dort haben wir uns kennengelernt. Ich glaube, es ist 17 Jahre her. Bett, Schreibpult, Lesesessel, alles befand sich in einem kleinen Zimmer. Seit wann leben Sie hier, in dieser schönen großen Wohnung?

Kertész: Erst seitdem ich im Westen gelesen werde.

ZEIT: Meistens stand die Wohnung in den letzten Jahren leer. Sie haben lieber in der Meinekestraße in Berlin gelebt. Wie ist es möglich, dass für einen ungarischen Juden, der mit 15 Jahren nach Auschwitz kommt, die ehemalige Reichshauptstadt zum Sehnsuchtsort wird?

Kertész: Ja, wie konnte ich mit Deutschen zusammenleben? Aber noch verwunderlicher ist, wie ich zuvor überhaupt mit Ungarn zusammenleben konnte. Ich habe die Nazizeit in Ungarn erlebt, hier trug ich den gelben Stern, hier war ich im Ghetto, hier wurde ich von den ungarischen Gendarmen festgenommen.

ZEIT: Deutschland ist für Sie das Land des Geistes, der Kultur.

Kertész: Meine ganze Bildung habe ich auf Deutsch erlangt, ich habe Deutsch gelesen.

ZEIT: Der jüdische Philosoph Vladimir Jankélévitch hat nach Auschwitz kein deutsches Buch mehr aufgeschlagen, keine deutsche Musik mehr gehört.

Kertész: Ich kann das nicht verstehen. Wie kann ein gebildeter Mensch sich weigern, die deutsche Kultur zu lieben?

ZEIT: Auch Sie haben oft gesagt, Auschwitz habe es nicht trotz, sondern wegen der deutschen Kultur gegeben.

Kertész: Nein, man muss da unterscheiden. Die nationalistische großdeutsche Idee entstand in der Habsburgermonarchie. Die Österreicher sind sehr geschickt, sie haben die Welt glauben lassen, dass Beethoven ein Österreicher und Hitler ein Deutscher war. Im Holocaust habe ich nie einen deutsch-jüdischen Krieg gesehen, sondern die Technik eines totalitären Systems.

ZEIT: Für Sie ist Österreich-Ungarn mehr für das "Dritte Reich" verantwortlich als Deutschland? Das ist eine ungewöhnliche Sichtweise.

Kertész: Daran sehen Sie, wie geschickt die Österreicher waren.

ZEIT: Sie sind seit Kurzem nach Budapest zurückgekehrt. Wie geht es Ihnen in Ihrer Heimat?

Kertész: Schlecht, ich habe Parkinson, sonst wäre ich nie zurückgekommen.

ZEIT: In Ihrem Tagebuch aus dem vergangenen Jahrzehnt gehen Sie hart mit sich selber ins Gericht. Immer wieder quälen Sie sich mit dem Vorwurf: Ich lebe das falsche Leben.

Kertész: Wer weiß, welches Leben man hätte leben können.

"Ich war verliebt, eingesperrt, habe nur gearbeitet"

ZEIT: Sie schreiben, es habe in Ihrem Leben nur sieben glückliche Jahre gegeben.

Kertész: Das waren die Jahre von 1982 bis 1989. In diesen sieben Jahren war ich verliebt, eingesperrt, habe nur gearbeitet. Das war ein sehr schönes Leben. Ich war immer verzweifelt. Ich hatte nie genügend Geld. Ich hatte keinen Führerschein. Ich war sicher, dass ich nie ein Auto bekommen würde. Das war diese furchtbare Kádár-Welt.

ZEIT: Später haben Sie in Luxushotels logiert, sind durch die ganze Welt gereist. Dennoch waren die dunklen Jahre der Armut und der Unfreiheit Ihr größtes Glück.

Kertész: In diesen Jahren entdeckte ich das kleine gelbe Buch von Camus, Der Fremde, das ich für zwölf Forint gekauft habe. Es war elementar, ich kann es schwer erklären, aber darin fand ich die Glückseligkeit, die aus dem Leid entsteht. Bei Camus habe ich mich selbst kennengelernt.

ZEIT: War das Leben unter dem Kádár-Regime dem Schreiben günstig?

Kertész: Ja, auf jeden Fall. Ich war auf der Flucht vor der offiziellen Literatur. Ich verbrachte mein Leben zum größten Teil im Schwimmbad. Meine Nachbarn hielten mich für einen Schwimmtrainer.

ZEIT: Im Jahr 2002 bekamen Sie den Nobelpreis, den literarischen Hauptgewinn, wie Sie ihn nennen. Jetzt schreiben Sie im Tagebuch: Der Preis hat mich vernichtet.

Kertész: Ich schäme mich, aber so war es wirklich. Jedem ernst zu nehmenden Nobelpreisträger ging es ähnlich. Auch Camus fühlte sich vernichtet nach dem Nobelpreis.

ZEIT: Kann man verzweifeln über eine Million Euro?

Kertész: Wenn Sie mich jetzt ansehen, sehen Sie, was dabei herausgekommen ist. (lacht)

ZEIT: Nach dem Nobelpreis haben Sie sich selbst nicht mehr ins Gesicht sehen können. Sie nennen sich einen Schauspieler, der mehr schlecht als recht den Schriftsteller Kertész mimt.

Kertész: Ich wurde eine Aktiengesellschaft, eine Marke. Die Marke Kertész.

ZEIT: Sie mögen weder sich noch Ihren Namen, noch Ihr Leben. Das ist eine ganze Menge.

Kertész: Ich hasse meinen Namen. Kertész ist der hilflose Versuch, einen jüdischen Namen zu assimilieren. Dabei wollte ich nie zu irgendjemandem gehören. Ich wollte nie ein Kind. Ich wollte nie so eine Wohnung haben wie die, in der ich nun sitze.

ZEIT: Offenbar haben Sie vergessen, dass Sie einer der bedeutendsten Autoren der europäischen Nachkriegsliteratur sind.

Kertész: Mich interessiert die Literatur nicht. Literatur ist eine zweitrangige Angelegenheit.

ZEIT: Es ging Ihnen nie darum, große Literatur zu schaffen?

Kertész: Es ging nur darum, die Sprache zu finden für den Totalitarismus, eine Sprache, die zeigt, wie man eingemahlen wird in einen Mechanismus und wie der Mensch sich dadurch so sehr verändert, dass er sich und sein eigenes Leben nicht mehr wiedererkennt. Der funktionale Mensch verliert sich selbst. Ich wollte nie ein großer Schriftsteller werden, ich wollte immer nur verstehen, warum die Menschen so sind.

ZEIT: Es hat Sie nicht interessiert, einen guten Roman zu schreiben, eine gute Geschichte zu erzählen?

Kertész: Überhaupt nicht. Die Geschichten sind alle schon erzählt. Das hört sich vielleicht eigenartig an. Aber meine ganze Arbeit geht um den funktionalen Menschen des 20. Jahrhunderts. Ich musste Hannah Arendt nicht mehr lesen. Ich wusste schon alles über die Banalität des Bösen.

ZEIT: Ihr großer Gegenspieler in der Literatur des Holocaust war der spanische Autor Jorge Semprún, der vor zwei Jahren gestorben ist. Mochten Sie seine Romane?

Kertész: Zur selben Zeit wie Hannah Arendts Buch über die Banalität des Bösen erschien Semprúns Die große Reise, und ich sah, wie schlecht das war. Später habe ich Semprún in Paris im Café de Flore getroffen. Ein wunderschöner Mann. Ich möchte nichts Böses über ihn sagen.

ZEIT: Was gefällt Ihnen an der Großen Reise nicht?

Kertész: Semprún analysiert darin zum Beispiel Ilse Koch. Sie war eine Sekretärin in einer Tabakfabrik und wurde von heute auf morgen die Frau des Kommandeurs von Buchenwald, badete in Madeirawein und hatte Lampenschirme aus Menschenhaut in ihrem Wohnzimmer. Für Semprún ist sie eine Henkerin. Aber diese Psychologie hat in Romanen nichts zu suchen. Der Totalitarismus verändert den Menschen. Er vergisst, wer er eigentlich war.

ZEIT: Das ist Ihr großes Lebensthema: die schier unendliche Biegsamkeit des Menschen.

Kertész: In ihrem zivilen Leben hat Ilse Koch gelernt, dass man nicht morden soll. Und sobald sie in Buchenwald war, hat man ihr beigebracht, dass Morden eine Tugend ist.

ZEIT: Und mit den traditionellen Mitteln des psychologischen Realismus kann man die Verwandlung der Sekretärin Koch in die KZ-Kommandeuse Koch nicht beschreiben?

Kertész: Genau. Ich wollte die Literatur nicht revolutionieren. Aber ich habe diese Entdeckung gemacht.

"Ein einziger Augenblick hat mich zum Künstler gemacht"

ZEIT: Woher kommt Ihre Radikalität? Waren Sie von Anfang an so radikal?

Kertész: Nein, als junger Mann habe ich Boulevardstücke geschrieben, war Journalist bei sozialistischen Blättern und dachte, das führt mich irgendwie zur Kunst, aber das stimmte nicht.

ZEIT: Was hat Sie zum Künstler gemacht?

Kertész: Ein einziger existenzieller Augenblick. Ich war 25 Jahre alt. Bis dahin hatte ich nur Anekdoten über Auschwitz erzählt. Eines Tages wurde mir schlagartig klar: Ich bin nicht einfach ein Mensch, der Auschwitz überlebt hat, sondern es ist eine großartige Geschichte mit mir passiert. Und das muss ich ergreifen. Ich wurde von einer Sekunde zur anderen ein ganz anderer Mensch.

ZEIT: Ihr ganzes Schriftstellerleben verdankt sich einem einzigen Augenblick? Hat sich so etwas später noch einmal ereignet?

Kertész: Nein, so einen Moment gab es nur ein einziges Mal. Und das war elementar und unerklärlich. Das sind Momente, wie Heilige sie erleben. Das kann man nicht jeden Tag haben. Aber einmal im Leben muss der Mensch verstehen, wo er lebt und dass er lebt.

ZEIT: Und dieser Moment war ein Auftrag, zu schreiben?

Kertész: Ja, aber wäre ich ein Tischler oder ein Musiker gewesen, hätte ich es in diesen Formen ausdrücken müssen. Da ich aber immer geschrieben habe – und ich weiß selber nicht, warum, vielleicht weil einer meiner Klassenkameraden, der neben mir saß, immer Gedichte geschrieben hat – war das Schreiben für mich natürlich.

ZEIT: Dann haben Sie aber doch alles in Ihrem Leben richtig gemacht und Ihren Auftrag vorbildlich erfüllt.

Kertész: Mein einziger Fehler ist der, dass ich nicht zur rechten Zeit über meinen Tod verfügt habe. Ich kann das jetzt nicht mehr ändern.

ZEIT: Gibt es nicht immer noch Augenblicke, für die sich das Leben lohnt?

Kertész: Ich glaube, ich habe alle meine Augenblicke schon erlebt. Es ist fertig, und ich bin noch da.

ZEIT: Worauf sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Kertész: Dass ich diesen funktionalen Menschen erarbeitet habe. Darauf bin ich wirklich stolz. Und es gibt auch Dinge, die mich sehr berühren. Ich war einmal in Pápa, einer ungarischen Stadt, nachdem die Pfeilkreuzler meine Bücher zerrissen hatten, da war die Kirche voll, und als ich mit meiner Frau eintrat, standen alle auf und sangen ein Kirchenlied.

ZEIT: Ein christliches Kirchenlied?

Kertész: Ja, warum? Ich bin doch kein Jude. Ich gehöre nicht zu dieser Sache.

ZEIT: In den letzten beiden Jahrzehnten waren Sie ein Held der deutschen Erinnerungskultur, ein gefragter Festtagsredner, ein gefeierter Auschwitz-Überlebender. Jetzt erfährt die Welt aus Ihrem Tagebuch: Sie haben sich die ganze Zeit über wie ein "Holocaust-Clown" gefühlt.

Kertész: Es geht in diese Richtung.

ZEIT: Ist das Gedenken in Deutschland ein wenig zu einer Holocaust-Industrie geworden?

Kertész: Nicht ein wenig, ganz.

ZEIT: Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist ein Picknickplatz für Touristen.

Kertész: Ja, das ist sehr unangenehm. Ich wurde nach Buchenwald eingeladen, ich habe da hinkende Menschen in Sträflingskleidung gesehen, geschmacklos.

ZEIT: Und Sie sind Teil dieses Erinnerungsbusiness?

Kertész: Man macht mit den Menschen, was man will.

ZEIT: Sie hätten sich verweigern können.

Kertész: Auch der Zweite Weltkrieg hätte nicht stattfinden müssen.

"Ich habe alles gehabt, alles, was ich wollte"

ZEIT: Sie absolvieren diese Rolle als Zeuge und leiden darunter.

Kertész: Ich habe den Literaturnobelpreis nur bekommen, weil man die Literatur des Zeugentums preisen wollte. Man hat mich vorher nach Stockholm eingeladen, um eine Rede zu halten. Aber in Wahrheit wollte man wissen, ob ich eine akzeptable Figur abgebe oder ob ich mein Rührei mit den Händen esse. Man kann nicht viel dagegen tun. Man ist ohnmächtig diesen Mächten gegenüber. Einzig zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz wäre ich gerne in die Wannsee-Villa gegangen.

ZEIT: Warum?

Kertész: Das ist doch eine Karriere, von Auschwitz bis zu dem Platz, an dem Göring gestanden hat. Stellen Sie sich das vor!

ZEIT: Hat Ihnen die Erinnerungsindustrie Ihre Geschichte weggenommen?

Kertész: Mir reicht es, dass es ein paar Menschen gibt, die meine Geschichte verstanden haben.

ZEIT: Und alles in allem ...

Kertész: ... hatte ich ein wunderbares Leben. Erst war ich Auschwitz-Insasse, dann habe ich die größten deutschen zivilen Auszeichnungen bekommen, das ist lustig und unerklärbar. Aber darf ich sehr aufrichtig und ehrlich sein? Es ist genug. Ich habe alles gehabt, alles, was ich wollte. Ich glaube, ich will auch nicht mehr schreiben. Ich ordne noch die alten Tagebücher, das amüsiert mich. Aber wenn ich an diese Nächte hier denke ... Es gibt ein Wort, das nennt sich Liebe. Damit würde ich gerne etwas Neues anfangen. Aber womit soll ich schreiben? Meine Hände wollen nicht mehr. Ich bin sehr müde.