Ein gleißender Blitz steht vor den Felswänden, gleichzeitig knallt es, als würde direkt neben mir ein Haus gesprengt. Im Minibus verstummen die Gespräche. "Das Wetter wechselt hier immer blitzschnell", sagt der Busfahrer in die Stille. Dann schüttet der Regen.

Vorsichtig steuert der Fahrer den Wagen über die steiler werdende Straße, eng an den Steinhäusern aus verblichenem Gelb und Terrakotta vorbei, rings um uns die düster ragenden Zweitausender. Wir sind im Piemont unterwegs, der größten Region in Italiens Nordwesten. Seit ich mich vor zwei Stunden in Turin auf den Weg gemacht habe, bin ich in immer kleinere Verkehrsmittel umgestiegen: Am Bahnhof Torino Dora war es noch eine Bimmelbahn, die Richtung Westen in die drei Valli di Lanzo fuhr. Dann ein Bus, schließlich der Minibus ins südlichste der Täler, das Val di Viù.

Ich blicke durch den Regenvorhang hinter den Scheiben nach oben. Der Himmel weit entfernt, die Berge so hoch, als wollten sie die Sicht auf ihn verstellen. Wir erreichen Usseglio, das letzte Dorf im Tal. Steingedeckte Häuser, über Gartenmauern wuchern Hortensien und Oleanderbüsche. Der Regen hat schon wieder aufgehört, so wie es der Busfahrer angekündigt hatte, das Licht ist zurückgekehrt: bleiern, hart. Die scharfkantigen Gipfel malen bizarre Umrisse an den Himmel. Schwarz steht der Fels, mit fernen weißen Schneeflecken. Es ist eine dramatische Landschaft, gewaltig in ihren Dimensionen, beliebt vor allem bei Fernwanderern, die in den piemontesischen Alpen ihre Touren unternehmen. Was die wenigsten von ihnen wissen: Hier hat sich auch Dramatisches zugetragen. In diesen abgelegenen Wäldern und Tälern westlich von Turin bekämpften in den letzten 20 Monaten des Zweiten Weltkriegs italienische Partisanen die Nazis, stellten sich in einem erbitterten Guerillakrieg den Einheiten von SS und Wehrmacht entgegen.

Die Einheimischen gedenken bis heute der Helden der Resistenza, wer sich in den Dörfern auf Spurensuche begibt, findet in fast jeder Familie Geschichten. Auch das Wissen um die geheimen Routen und Schleichpfade der Widerstandskämpfer ging nie ganz verloren. Seit Kurzem gibt es sogar ein Wanderlesebuch, das, detailliert und historisch genau, auf 23 Touren die sentieri dei partigiani , die Partisanenwege im Piemont, beschreibt.

Dort, wo der Minibus jetzt dreht und durchs Tal zurückfährt, steht, anmutig trotz seiner Größe, der Jugendstilbau des Grande Albergo Rocciamelone. Symmetrische Fensterfronten zur Straße hin und schmiedeeiserne Balkone heben das Gebäude ab von den niedrigen Steinhäusern ringsum. Ich steige die Stufen hinauf und stehe im Speisesaal, in dem fragile Kronleuchter von der bemalten Decke hängen und Törtchen in einer mit Ornamenten verzierten Auslage liegen. Hinter einer geschwungenen, hölzernen Bar steht wartend eine junge Bedienung, nein, eine Serviertochter, der Ausdruck würde dem Jugendstil-Interieur des Saals gerechter.

Alles in dem Haus ruft die Zeit wach, als die reichen Turiner auf Sommerfrische ins Val di Viù kamen. Im späten 19. Jahrhundert hatte der Italienische Alpenverein, gegründet 1863, die schroffen Felswände der abgelegenen Valli di Lanzo als ideales Wander- und Klettergebiet entdeckt. Ortskundige Begleiter wurden gebraucht, und so bildeten sich unter den Talbewohnern Generationen von Bergführerfamilien. Die gut situierten Turiner Bürger reisten an, wanderten durch die Berge und nahmen ihre Mahlzeiten im eleganten Speisesaal des 1925 erbauten Grande Albergo ein.

Diesen Saal betritt jetzt Romana Cibrario, eine hochbetagte Dame, die Witwe des ehemaligen Besitzers. Als sie damals als junges Mädchen in die Hoteliersfamilie einheiratete, hatten die Zeiten sich verfinstert. In Europa herrschte Krieg, der nun auch die abgelegenen Täler des Piemont erreichen sollte. Signora Cibrario kann sich noch gut an den Abend des 8. September 1943 erinnern, als die Nachricht vom Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten im Radio verkündet wurde. Eigentlich ein Grund zur Freude, doch für das von den Nazis besetzte Norditalien brachen schwere Zeiten an. Aus den einst verbündeten Deutschen waren plötzlich Gegner geworden, wer eine italienische Uniform trug, wurde von der Wehrmacht gejagt und ins Lager gebracht. "Wir haben den Soldaten Zivilkleidung gegeben", erzählt Romana Cibrario. "Alles, was wir hatten. Jeder zog damals noch die letzten Fetzen aus den Schränken." Als eine der "größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte" beschrieb denn auch eine Historikerin das Geschehen.

Für die Faschisten waren die Valli di Lanzo unkontrollierbar

Viele Soldaten liefen zu den Partisanen über. Auch Antifaschisten, Juden, die vor der Verfolgung in die Täler geflohen waren, sogar Spanienkämpfer schlossen sich ihnen an – eine wilde Mischung aus Nazigegnern, die hier oben auf den Schutz der unübersichtlichen Landschaft vertrauen konnten und auf die Unterstützung der Leute in den Dörfern. Die Widerstandskämpfer hielten sich in den Wäldern versteckt, begingen Sabotageakte wie die Sprengung einer Eisenbahnbrücke, raubten Waffen und nahmen deutsche Soldaten gefangen. Einmal, erinnert sich Romana Cibrario, habe sie die Partisanen an einem der verhassten Nazis Rache üben sehen. "Sie schleiften ihn an einem Karren durch die Straßen, bis er tot war." Die alte Dame schüttelt den Kopf, die blauen Augen blicken abwesend in die Vergangenheit. "So viel Gewalt damals", sagt sie. Auf Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden ihres Hotels sind auch Partisanengruppen abgebildet: junge Menschen, deren fröhliche Gesichter nicht zu den Erinnerungen der alten Dame passen wollen und die eher wie aus Versehen ein Gewehr in den Händen zu halten scheinen.

Am nächsten Morgen, einem Sonntag, begebe ich mich auf ihre Spuren. Eine halbe Autostunde tiefer im Tal liegt der strahlend blaue Lago di Malciaussia, ein Stausee, eingebettet zwischen schroffen Felsen. Motorini und Autos mit Turiner Kennzeichen rollen die Abfahrt zum Ufer hinunter, eine Wiese ist bunt mit Zelten gesprenkelt – die Turiner verbringen gern ihre Wochenenden hier am See.

Im Hintergrund steigt steil der Fels an, Granit und Gneis glitzern in der Sonne. Über den Gipfeln aber ziehen sich wieder Wolken zusammen: schlechte Aussichten für große Bergpanoramen. Ich überquere eine steinerne Brücke, die dort, wo der See in ein Flussbett mündet, auf die andere Seite führt, und wandere auf einer grob gepflasterten mulattiera , einem der 100 Jahre alten Maultierpfade, hinauf in die Berge. Von unschätzbarem Wert muss in diesen Felsenmeeren die Ortskenntnis jener Partisanen gewesen sein, die aus den Bergführerfamilien der Dörfer stammten. Für die Faschisten waren die Valli di Lanzo "reines Bandengebiet", unkontrollierbar, trotz aller Versuche, die Stützpunkte der Widerständler auszuheben.

Nebel zieht auf. Ein Stück entfernt kann ich gerade noch eine Schafherde ausmachen, die sich auf einem Felsabsatz zusammendrängt, von vier Hunden bewacht. Der See weit unten ist genauso im Dunst verschwunden wie der steile Fels auf der anderen Seite des Tals. Violette Rhododendronbüsche blühen auf der Bergwiese, etwas weiter oben kommen die ersten Schneefelder in Sicht. Auf diesem Weg, so ist es in dem Wanderlesebuch über die Partisanenpfade beschrieben, waren die "Stafetten" unterwegs, die weiblichen Kuriere und Kundschafterinnen der Widerstandskämpfer, die als Frauen weniger unter Verdacht gerieten als die Männer. Ihr Mut ist legendär: Eine der jungen Frauen, Ada Gobetti, überquerte im Winter 1944 einen Pass von 2.400 Meter Höhe, um Dokumente nach Frankreich zu bringen. Die Route, die ich heute wandere, verbindet das Viù- mit dem Susatal. Von hier oben konnten die Stafetten feindliche Truppen beobachten und deren Bewegungen den Partisanen melden.

Sofern die Sicht frei war. Ich kann an diesem Sonntag nicht viel mehr als die uomini di pietra erkennen, die Steinmännchen, die aufmerksame Wanderer errichtet haben und die wie kleine Pfeile durch den Nebel ragen. Schließlich oben! Nun wäre der Blick frei hinunter ins Susatal, 2.000 Meter tiefer, aber daraus wird heute nichts. Immerhin das Croce dell Ferro, das Eisenkreuz am Gipfel, ist in seinen Umrissen zu sehen. Ein paar Schritte entfernt, liegt die Capanna Sociale, ein länglicher, nackter Steinbau, den die Partisanen als Unterschlupf benutzten und den ein Verein renoviert und als Einkehr für Wanderer hergerichtet hat. Dankbar lege ich die klammen Finger um eine Schale Caffè Latte. Hier kann ich warten, bis der Nebel sich lichtet.

Auf dem Rückweg hat es aufgeklart, und ich erkenne jetzt den Colle Autaret, eine Felswand auf der anderen Seite des Tals, 3.077 Meter hoch der Gipfel. Dahinter liegt Frankreich. Auch über diesen fast unüberwindlich steilen Pass führte ein Pfad der Partisanen, auf dem in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs sogar Verwundete transportiert wurden. 1944 war es den Mitgliedern der Resistenza gelungen, in einer Offensive die Deutschen aus den Tälern zu vertreiben und die Valli di Lanzo zu einer zona libera, einer nazifreien Zone, zu machen. In einer alten Villa in Usseglio richtete man ein Partisanenspital ein. Aber es war eine nur kurze Zeit der Freiheit – schon im Herbst 1944 schlugen die Faschisten zurück. Die SS und die für ihre Brutalität gefürchtete italienische Marineeinheit Decima Mas durchkämmten systematisch die Lanzotäler und hoben die Widerstandsnester aus. Nun galt es, die Patienten des Spitals ins befreite Frankreich zu evakuieren, und das ging nur über den Colle Autaret. Lediglich drei Kilometer Luftlinie bis zur rettenden Grenze – aber dazwischen 3.000 Meter hohe Wände aus Granit. Wie oft werden sich die Partisanen Flügel gewünscht haben!

Mehr als 2.000 Partisanen starben im Kampf gegen die Nazis

Dann sehe ich wieder den Lago di Malciaussia unter mir, malerisch und glitzernd blau, und an seinem einen Ende, etwas erhöht, den Steinbau der Wandererunterkunft Rifugio Vulpot. Tische stehen davor, der Parkplatz voller Autos, es ist die einzige Pension weit und breit, mitten in den Bergen.

Ileana Bruno führt mich durch das Haus, eine 56-jährige Frau mit strengem grauem Kurzhaarschnitt. Zusammen mit ihrem Mann hat sie das Rifugio vor vier Jahren gekauft. Sie zieht Bildbände über die Resistenza aus den Regalen, zeigt auf Fotos an den Wänden. "Hier, schau, das ist mein Vater." Auch er damals ein Partisan, der im benachbarten Susatal kämpfte. Auf dem Foto sieht man ihn im dichten Schnee, in der Hocke auf Skiern, ein Gewehr im Anschlag. Hat er ihr, der Tochter, von den Kämpfen damals erzählt?, frage ich. "Na ja", sagt Ileana Bruno, "ich war als Kind oft dabei, wenn sich die ehemaligen Partisanen trafen und an ihre Gefechte erinnerten, an diesen Hinterhalt und jenen Schuss." Hass auf die Nazis, Solidarität untereinander, das habe diese Männer ihr ganzes Leben lang zusammengehalten.

Am Abend ist der Speiseraum voller Menschen. Paare jeden Alters, dynamisch, braun gebrannt, tauschen Erfahrungen aus: Hier hört man Italienisch, dort Englisch, drüben Schweizerdeutsch. Ein Thema beherrscht alle Gespräche: der Grande Traversata delle Alpi, ein Fernwanderweg, der über 1.000 Kilometer und in 55 Etappen durch die gesamten piemontesischen Alpen führt, auch durch diese Täler hier.

Nach dem Dessert, als die letzten Gäste den Raum verlassen haben, setzt sich Ileana Bruno zu mir an den Tisch. Sie will noch einmal über ihren Vater reden. "Irgendetwas in seinem Kopf war nicht mehr in Ordnung, weißt du? Wie soll ich sagen, er hat aus diesem Partisanenkrieg nie mehr herausgefunden." Tränen stürzen ihr in die Augen. "Er hatte Waffen aus dem Krieg behalten, wir Kinder wussten genau, wo sie waren. Manchmal polierte er sie abends ... paura!"

Paura – Angst. Immer wieder sagt sie dieses Wort, während sie von ihrem Vater spricht. Wenn sie erzählt, wie sie als Familie Holz sammeln gingen im Wald und der Vater genau wusste, wo noch Bomben im Boden verborgen lagen, und wie er sie dann selbst entschärfte. Paura. "Deshalb wollte ich dann in meinem Leben immer nur eins: keine Waffen, keinen Krieg", sagt Ileana Bruno. "Weißt du, warum? Der Krieg macht alle kaputt, auch die, die überleben."

Gewitter toben am nächsten Morgen über die Berge, als Ileana Bruno mich in ihrem kleinen Fiat zurück nach Usseglio fährt, durch diese dunkle, dramatische Landschaft. Mehr als 2.000 Partisanen starben hier beim Kampf gegen die Nazis. Am 6. Mai 1945 zogen die letzten Brigaden in Turin ein. Die Stadt war befreit, der Krieg vorbei.