Wie gut er aussieht. Groß und dunkel! Markantes Gesicht, der ganze Habitus! So reden sie, sagen wir: die, die Jakob Augstein wohlgesinnt sind. Kaum einer unter den Männern, der nicht erwähnen würde, wie elegant die Anzüge des Jakob Augstein sind, wie gut geschnitten, wie teuer das Tuch.

In freundlichen Bemerkungen über Jakob Augstein schwingt oft Verwunderung mit. Also, dass der jetzt so rauskommt. Der junge Augstein! Der sogenannte junge Augstein ist 46 Jahre alt und Journalist. Er hat bei der Berliner Zeitung geschrieben, er war bei der Süddeutschen und der ZEIT. Im Jahre 2008 hat Augstein die kleine linke Wochenzeitung Der Freitag gekauft, seit Februar ist er, der Verleger, auch der Chefredakteur. Das sind so einige der Fakten. Wahr ist aber auch, dass dieser Jakob Augstein, wie jemand einmal sagte, so etwas wie eine Romanfigur ist. Ein Typ voller Widersprüche, rätselhaft und fesselnd, verstrickt in eine Story, in der sich Mediengeschichte und bundesrepublikanische Historie, Kabale, Liebe, Konkurrenz und Neid verknäulen, dazu später mehr.

Jakob Augstein ist ein Erbe von Rudolf Augstein (1923 bis 2002), der einst das große linke Wochenmagazin Der Spiegel gegründet hat, Auflage etwa eine Million. Ein Teil des Profits fließt nun in Jakob Augsteins Freitag, Auflage etwa 15.000. Es wäre zu viel gesagt, dass der Freitag die Republik prägen würde, so wie Augsteins Schlachtschiff es über Jahrzehnte getan hat, es wäre taktlos, alle zu zitieren, die auf Nachfrage zugeben, den Freitag nicht zu lesen, weil zu klein, zu unbedeutend, wenn auch ab und zu geschmückt mit großen Namen, Slavoj Žižek oder Terry Eagleton. Aber etwas hat sich, vielleicht mit dem Freitag, mit Augstein geändert. In seiner medialen Performance, in der Art, wie er wahrgenommen wird, er, der so lange als scheu, beinahe schüchtern rüberkam.

Man dreht das Radio an, da ist diese Stimme. Der Knüller! Wann zuletzt hätte man eine Männerstimme gehört, die so näselt, nicht diesseits des Ärmelkanals und der britischen Oberschicht. Dass man auf Deutsch überhaupt so näseln kann. Der Moderator des Deutschlandfunks unterhält sich mit dem Autor eines neuen Buches mit dem Titel Sabotage. Warum wir uns zwischen Kapitalismus und Demokratie entscheiden müssen. Es geht um die wachsende Ungleichheit in unserer Gesellschaft, der Autor ist Jakob Augstein und prangert an, dass der Kapitalismus die Demokratie aushöhle, die Leute fühlten sich abgekoppelt. Augstein fordert eine Wiederbelebung der demokratischen Prozesse durch Radikalität, wenn nötig, Sabotage! Augstein als politischer Leitwolf. Hatte der nicht neulich noch ein schönes Buch über Gartenkultur geschrieben, über Narzissen, Tulpen, Rasen?

Augstein auf Facebook! Dort preist er den Freitag an (5x für 5,75 €!). Sonntags ist Augstein oft im Fernsehen, ein gerne geladener Talkshow-Gast, Kontrahenten finden ihn schon mal arrogant. Freitags ist Augstein auf Phoenix, im Wortduell mit Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung, Augstein und Blome. Letzte Woche natürlich zu Syrien. Typischer Schlagabtausch – Blome, ehemaliger Berufssoldat, stramme Peilung auf Angriff, Augsteins Interventionen gnadenlos niederwalzend. Augstein, federnd, zu höflich, um vollkommen entnervt zu erscheinen, ruft: "Hallöööchen!" Der Eindruck rangelnder Buben.

Augstein und Blome! Das führte in den letzten Wochen zu bösen Unterstellungen. Dass es Jakob Augstein war, der versucht habe, seinen Sparringspartner Blome in den Spiegel zu lotsen, als stellvertretenden Chefredakteur. Natürlich dementiert. Augstein galt auch selber als Kandidat für die Chefredaktion, ebenfalls dementiert. Augstein werde als möglicher Herausgeber gehandelt, auch dementiert. Blome ist jedenfalls eine Personalie, an der sich die Redaktion fast körperlich aufreibt (nicht dementiert). Die Vorstellung, dass der politische Gestalter der Bild-Zeitung nun dem Spiegel ein Gesicht geben soll, dem Spiegel, der sich vorhalten lassen muss, er sei zu mainstreamig mit Titeln wie "Dick durch Stress" oder "Die Magie des Mitgefühls". Wo vom Motto des alten Augsteins, "Im Zweifel links", kaum mehr übrig ist als dieser eine Kolumnenplatz auf Spiegel Online, Titel: Im Zweifel links, Autor, nun ja: der junge Augstein. Der nun öffentlich die Berufung Blomes gutheißt!