Café im Literaturhaus, altes West-Berlin. Mit der aus Polen stammenden Bedienung verhandelt er auf Polnisch über einen besseren Tisch: Henryk M. Broder, 67, Lautsprecher, Krawallmacher, Charmeur. Seit Jahrzehnten hat er den anstrengenden Job, die gut vernehmbare jüdische Stimme in diesem Land zu sein – ihm macht der Job offenbar eine Höllenfreude. Für Radau sorgte Broder zuletzt im Januar, als er dem Simon Wiesenthal Center den Journalisten Jakob Augstein als "lupenreinen Antisemiten" empfahl: entsetzliche Geschichte. Sein neues Buch über Europa möchte man im Affekt ein bisschen langweilig finden, aber dann ist es doch wieder einfach zu frisch, vergnügt und kurzweilig geschrieben.

Eier im Glas, Assam-Tee. War das Ding gegen Augstein ein astreiner Rufmord? "Aber nein. Eigentlich mag ich ihn ja." Er sitzt da so klein und schmal. Man solle ihm bitte nicht böse sein. Eine Technik des Polemikers Broder besteht darin, mit den dunklen Broder-Augen zu funkeln und zu flirten, wenn er wieder etwas Ungeheuerliches sagt. Wie lautet seine Standardantwort auf die perfide Unterstellung, man dürfe ihn, den Krawallmacher Broder, schon deshalb nicht so hart rannehmen, wie er andere rannimmt, weil er Jude ist? Das kennt er schon. Langweilt ihn. Broder behauptet: "Das ignoriere ich. Auf bestimmte Diskussionen darf man sich nicht einlassen, weil man sie sonst legitimiert."

Zum neuen Buch: War das schwer, zum Langweilthema Europa noch ein paar steile Sätze zu schreiben? "Ich war überrascht, wie einfach es ist. Das Buch schreibt sich ja jeden Tag in der Wirklichkeit fort. Eben las ich, die EU plant ein Verbot von Lakritzpfeifen." Stimmt der Leseeindruck, dass er so ein Buch ziemlich schnell hinschreibt? O ja, das haue er nur so raus. Zufriedener Schnellschreiber Broder. Moment, jetzt soll er aber nicht gleich wieder zu zufrieden mit sich sein! Gibt’s das Problem in seinem Buch, dass er Politiker grundsätzlich als dumm bezeichnet? "Ein Wolfgang Schäuble ist nicht dumm. Aber er glaubt, dass ich dumm bin – das ist noch schlimmer." Welchen deutschen Linken möchte er bei diesem gemütlichen Frühstück exklusiv in der ZEIT als Antizionisten an den Pranger stellen? "Den Hans-Christian Ströbele." Im Streit um die Lieferung von Patriot-Abwehrraketen nach Israel habe der sich ewige Verdienste erworben.

Die Eier im Glas sind hart, nicht weich, wie sie sein sollten. Broder haut den Satz raus, den seine Mutter im Anblick zu hart gekochter Eier gesagt hätte: "Ach, wenn wir so etwas nur einmal im KZ gehabt hätten!" Aua. Wieder die flirtenden Broder-Augen. Er will nur spielen! Ist ihm das persönlich peinlich, dass Deutschland wieder das stärkste Land in Europa ist? "Nö." In Israel, Island und den USA, den drei Ländern, die er regelmäßig besuche, seien die Deutschen die beliebtesten Ausländer. Regt ihn das auf, dass Deutschland nicht mehr Lust hat, militärische Vergeltungsschläge, zum Beispiel gegen Syrien, zu fliegen? "Natürlich!" Und er zündet einen klassischen Broder-Böller: "Die Deutschen sind immer noch damit beschäftigt, die Machtergreifung der Nazis von 1933 zu verhindern. Man zelebriert die Versäumnisse der Vergangenheit, anstatt jetzt, in der Gegenwart, einen furchtbaren Völkermord zu verhindern."

Er klappt den Computer auf, führt einem auf seiner Internetseite Die Achse des Guten irgendeinen lustigen Streit über Fragen der Pressefreiheit vor, den er sich gerade mit dem deutschen Außenministerium liefert (rührend, seine Generation, die über Sechzigjährigen, ist doch immer noch so fasziniert von den "unendlichen Möglichkeiten des Internets"). Kann er mal vormachen, wie das klingt, wenn er die sogenannten leisen Töne anschlägt? Jetzt schweigt er volle zwei Sekunden lang. Den Rest des Tages möchte er nur lesen, lesen, lesen.