Das Institut für Meinungsforschung Allensbach ist eine gute Quelle, wenn man wissen möchte, was den Durchschnittsdeutschen bewegt. Auf die Frage "Worüber unterhalten Sie sich in letzter Zeit häufiger?" nannten dieser Tage 78 Prozent der Befragten das Wetter, 46 Prozent den NSA-Überwachungsskandal und immerhin noch 21 Prozent die Euro-Hawk-Affäre. Gemessen an diesen Befunden hat Deutschland die Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) abgehakt. Auf der Liste der Gesprächsthemen taucht es jedenfalls überhaupt nicht mehr auf.

Bei meinen türkischen Freunden ist der Neonazi-Terror allerdings allgegenwärtig. Schließlich geht es um Fragen unserer Identität: Was wir sind? Wer wollen wir sein? Was dürfen wir sein? Türken? Deutsche? Es geht, mit anderen Worten, um unsere Heimat. Die meisten meiner deutschen Freunde nehmen dagegen eine seltsam distanzierte und desinteressierte Haltung ein. Sie tun so, als gehe es nicht auch um ihre Heimat.

Meine west- und ostdeutschen Bekannten unterscheiden sich bei diesem Thema ebenfalls. Einige der Westfreunde tun so, als sei es nicht ihr Problem, wenn irgendwelche Ostdeutschen, die ja im Zweifel sowieso alle Nazis sind, irgendwelche Türken umbringen. Meine ostdeutschen Freunde sind beleidigt, eben weil jetzt der Eindruck entstehen könnte, im Osten sei alles dunkelbraun. Was beide nicht richtig wahrnehmen, ist, dass die Morde des NSU-Terrors zwar vornehmlich Migranten trafen, aber auf unser Gemeinwesen insgesamt zielten. Und dass es für uns alle ein Problem ist, wenn Verfassungsschutzbehörden ohne effektive parlamentarische Kontrolle ihre V-Mann-Spielchen treiben. Es scheint, als würde man den großen und den kleinen Rassismus des Alltags, ob auf der Straße oder bei Behördengängen, nicht als Problem wahrnehmen, weil man selber ja nicht betroffen ist.

Als Nebenklägeranwalt habe ich Hunderte Aktenordner mit Tausenden Seiten über die NSU-Taten studiert. In den Akten befinden sich zahlreiche Fotos. Fahndungsfotos, Fotos von Waffen, von Fahrzeugen und Tatorten. Bilder von den Opfern, die in ihrem Blut liegen, mit zerschossenen Gesichtern. Obduktionsfotos von den Opfern, aber auch von den mutmaßlichen Tätern. Es sind Bilder, die niemanden, mich ganz sicher nicht, unberührt lassen, Bilder, mit denen man ins Bett geht und mit denen man aufwacht. Dennoch gibt es da ein paar andere Fotos, die mich unentwegt beschäftigen. Es sind Bilder der beiden Haupttäter, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, im Alter von vielleicht zwölf Jahren. Sie zeigen die beiden Jungs, jeweils mit ihren Müttern auf dem Sofa oder mit ihren Freunden auf dem Spielplatz, wie sie herumalbern und Quatsch machen. Man blickt in offene, freundliche, liebe Kindergesichter.

Dann sehe ich Mundlos und Böhnhardt auf anderen Fotos, ein paar Jahre später. Kahl geschoren. Mit Bomberjacken und hasserfüllten Gesichtern. Die Hand zum Hitlergruß erhoben. Und ich frage mich: Was ist mit diesen Kindern passiert?

Ich habe großes Mitleid mit den Mordopfern und mit ihren Angehörigen, die Opfer waren, es aber lange nicht sein durften. Deren Geschichten wir Anwälte immer wieder fassungslos anhören. Manche erfährt man nur nebenbei, auf dem Gerichtsflur oder draußen, bei einer Zigarettenpause. Man hört sie und hofft inständig, es möge sich um ein Missverständnis handeln. Da erzählt mir der Bruder eines Mordopfers, wie er selbst wochenlang unter Tatverdacht gestanden habe. Am Ende sei es um die Freigabe der Leiche gegangen, damit die Familie endlich Abschied nehmen konnte. Der zuständige Beamte habe gesagt: "Die Leiche können Sie haben, aber den Kopf behalten wir. Den brauchen wir noch für Untersuchungen." Die Familie bekam einen verschweißten Zinksarg. Bis heute, sagte der Mann, wisse er nicht, ob sein enthaupteter Bruder mit oder ohne Kopf seine letzte Ruhe gefunden habe.

Aber ich empfinde auch Mitleid mit Mundlos und Böhnhardt. Nicht mit den Mördern, zu denen sie wurden, sondern mit den Kindern, die sie einmal waren und die die Chance hatten, ein Leben zu leben, in dem sie Liebe geben und Liebe erfahren können. Wie konnten aus diesen Kindern Mörder werden? Das ist eine Frage, die das Gericht nicht beantworten kann. Diese Frage müssen wir uns stellen, wir alle, die wir Bürger dieses Landes sind. Wir scheuen eine solche Debatte jedoch, weil sie uns weg von den Nazis und zurück zu uns führen würde.