Zündschnur und Pulverfass – Seite 1

Geschichtsschreibung lebt von der Revision, von der fortwährenden Infragestellung scheinbarer Gewissheiten. So kann es auch nicht überraschen, dass anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Kriegsbeginns im Sommer 1914 über die Ursachen dieser Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts neu nachgedacht wird.

Keine der europäischen Mächte habe den großen Krieg gewollt, allesamt seien sie mehr oder weniger blind in die Katastrophe "hineingeschlittert" – dieses Diktum des ehemaligen britischen Premiers David Lloyd George aus den 1920er Jahren hat die Diskussion der Geschichtswissenschaft lange Zeit bestimmt.

Erst die Kontroverse um das Buch des Historikers Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht, in den frühen sechziger Jahren sorgte für eine Korrektur. Zwar hat sich Fischer mit seiner These, das deutsche Kaiserreich habe den Krieg von langer Hand vorbereitet und planmäßig herbeigeführt, um Europa seiner Hegemonie zu unterwerfen, nicht durchgesetzt. Aber dass die Reichsleitung mit ihrer auftrumpfenden "Weltpolitik" und ihrer wahnwitzigen Flottenrüstung eine Hauptverantwortung nicht nur für die Verschärfung der internationalen Spannungen, sondern auch für die Auslösung des Krieges trug, darüber herrschte unter den Forschern weithin Einigkeit.

Nun hat sich Christopher Clark, der britische Historiker australischer Herkunft, der mit seiner fulminanten Geschichte Preußens einem größeren Publikum auch in der Bundesrepublik bekannt geworden ist, vorgenommen, diesen Konsens zu erschüttern. Sein neues Buch ist bereits bei seinem Erscheinen in England im vergangenen Jahr auf die jubelnde Zustimmung einiger deutscher Fachkollegen gestoßen. "Die Deutschen tragen Schuld am Ersten Weltkrieg – aber nicht mehr als andere", fasste Holger Afflerbach den Befund im Spiegel zusammen. Und Gerd Krumeich prophezeite in der Süddeutschen Zeitung, endlich könne man "Abschied nehmen von der so lange quasi sakrosankten These, dass in erster Linie die Weltmachtambitionen Deutschlands Europa in den Abgrund gestoßen hätten". Doch kann man das wirklich? Ist eine Revision der Revision fällig?

Die Schlafwandler lautet der provokante Titel, und das könnte den Anschein erwecken, als wolle der in Cambridge lehrende Wissenschaftler zurück zur alten Versöhnungsformel von Lloyd George. Doch würde man Clarks Intention missverstehen, wenn man sie darauf reduziert. Ihm geht es vielmehr darum, die vielschichtigen Entscheidungsprozesse, die den Krieg herbeiführten, in ihrer Interdependenz zu rekonstruieren und dabei die Motive der Hauptakteure verständlich zu machen, die den Entscheidungen zugrunde lagen. Denn, so hebt er hervor, die Julikrise von 1914 sei "das komplexeste Ereignis der Moderne" und verlange nach einem multiperspektivischen Narrativ.

Er fixiert sich daher nicht auf eine der Großmächte, sondern nimmt alle wichtigen Entscheidungszentren in den Blick: Wien, Berlin, Paris, St. Petersburg, London und Belgrad, am Rande auch Rom und Konstantinopel. Dabei geht er auf die Julikrise selbst erst im letzten Drittel ein. In den Partien zuvor entfaltet er, gestützt auf eine immense, vielsprachige Literatur und manche Archivfunde, ein breitflächiges Panorama des Vorkriegseuropas mit den beiden Bündnissystemen – dem Dreibund Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien und der Triple Entente Frankreich, Russland und Großbritannien –, die sich zunehmend verfestigten und am Ende antagonistisch gegenüberstanden.

In einem langen, fast hundert Seiten umfassenden Kapitel Die vielen Stimmen der europäischen Außenpolitik beschreibt der Autor, welche Personen, Institutionen und gesellschaftlichen Kräfte jeweils in den verschiedenen Ländern auf den außenpolitischen Kurs Einfluss nahmen – von den Monarchen über die Regierungschefs, Außenminister, Botschafter, Militärs bis hin zur Massenpresse, die eine immer wichtigere Rolle spielte. So differenziert und zugleich anschaulich ist das Geflecht der Vorkriegsdiplomatie, sind die wechselnden Machtverhältnisse innerhalb der europäischen Exekutiven noch niemals dargeboten worden, und dass Clark den wichtigsten Protagonisten kleine, geschliffene Porträts widmet, erhöht den Reiz der Lektüre.

Hat Wilhelm II. sich bloß wie ein "aufgeregter Teenager" benommen?

Besonderes Augenmerk legt Clark auf die Verwicklungen auf dem Balkan, vor 1914 Europas Krisenherd Nummer eins. Ausführlich schildert er die beiden Balkankriege 1912/13, welche die Gefahr eines Konflikts zwischen den Bündnisblöcken schlagartig erhöhten. Allerdings macht der britische Historiker deutlich, dass der Weg in den großen Krieg keineswegs zwangsläufig war. Gerade in den letzten beiden Vorkriegsjahren gab es, wie er zeigt, neben dem verschärften Wettrüsten auch gegenläufige Tendenzen zur Entspannung, besonders im britisch-deutschen Verhältnis. Das Bild der Vorkriegspolitik erscheint so in der Tat komplexer und widersprüchlicher, als es eine deterministische Sicht auf den Kriegsausbruch 1914 suggeriert.

Er habe keine Anklageschrift verfassen und auch keinen Schuldspruch fällen wollen, betont der Autor. Doch implizit, so wie er die Akzente setzt und Wertungen einfließen lässt, tut er das durchaus. Die Schurken in dem Drama sind die Serben. Es ist kein Zufall, dass Clark seine Darstellung mit der Ermordung des serbischen Königspaares durch revoltierende Offiziere im Juni 1903 beginnen lässt und dem Leser dabei keines der grausamsten Details erspart. Das konspirative Netzwerk der Königsmörder, so liest man weiter, blieb auch in den folgenden Jahren eine wichtige Kraft in der serbischen Politik, und aus ihm rekrutierten sich die Verschwörer, die den Mord an dem österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand Ende Juni 1914 planten.

Russland und Frankreich legten eine geopolitische Zündschnur

Sowohl dem Plan als auch seiner Ausführung geht Clark mit kriminalistischem Spürsinn nach. Er hält es für "so gut wie sicher", dass die serbische Regierung im Voraus über das Attentat von Sarajewo informiert war, obwohl das mehr eine Vermutung als ein durch Quellen erbrachter Beweis ist. Für seine Interpretation der Julikrise spielt das insofern eine wichtige Rolle, als er daraus das Recht der österreichisch-ungarischen Regierung ableitet, nun endlich mit den verhassten Serben abzurechnen.

Sehr kritisch betrachtet Clark auch die Haltung der Regierungen in St. Petersburg und Paris. Durch seinen Schulterschluss mit Belgrad seit 1913 habe der russische Außenminister Sasonow den großserbischen Nationalismus ermutigt, und durch seine Unterstützung der russischen Balkanpolitik habe wiederum der französische Staatspräsident Poincaré das Schicksal auch seines Landes mit der Krisenregion verknüpft. Der Autor spricht von einer "Balkanisierung des französisch-russischen Bündnisses", und er sieht darin eine der wesentlichen Bedingungen für das Krisenszenario von 1914. Beide Mächte hätten entlang der österreichisch-serbischen Grenze eine "geopolitische Zündschnur" gelegt, die das Pulverfass leicht zur Explosion bringen konnte.

Vor diesem Hintergrund fällt umso mehr auf, wie verständnisvoll, ja geradezu nachsichtig Clark über die deutsche Vorkriegspolitik urteilt. Kaiser Wilhelm II., der mit seinen martialischen Auftritten die Welt ein ums andere Mal schockierte, bescheinigt er die Allüren eines "aufgeregten Teenagers"; seine rhetorischen Entgleisungen werden als "albernes Geplauder" abgetan. Der Bau einer großen Schlachtflotte sei nicht nur gerechtfertigt gewesen, er habe die britische Regierung auch gar nicht besonders alarmiert, weil die Deutschen das Wettrüsten zur See ohnehin von vornherein verloren hätten. Kurzum: Nicht durch seinen eigenen weltpolitischen Aktionismus habe sich das wilhelminische Deutschland in die außenpolitische Isolierung manövriert, vielmehr hätten die germanophoben Politiker in London, Paris und St. Petersburg der stärksten Wirtschaftsmacht auf dem Kontinent den legitimen Bewegungsspielraum nicht gegönnt.

Die Neigung des Autors, die Reichsleitung vor ihren Kritikern in Schutz zu nehmen, setzt sich bei der Darstellung der Julikrise verstärkt fort. Wohl erkennt er in dem "Blankoscheck" an Österreich-Ungarn vom 5./6. Juli 1914, also der Zusicherung deutscher Unterstützung für ein militärisches Vorgehen gegen Serbien, eine "Entscheidung von enormer Bedeutung". Doch habe man in Berlin das damit verbundene Risiko eines großen Krieges nicht für erheblich gehalten, weil man fest damit gerechnet habe, dass Russland nicht intervenieren würde, der Konflikt also lokalisiert werden könne.

"Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen"

Es ist merkwürdig, dass Clark zwar aus dem Tagebuch Kurt Riezlers, des Legationsrats im Auswärtigen Amt und engen Vertrauten des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, zitiert, die dort verzeichnete entscheidende Äußerung des Kanzlers am Abend des 6. Juli, die seiner Interpretation entgegensteht, aber unter den Tisch fallen lässt: "Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen." Das heißt, Bethmann Hollweg war sich sehr wohl bewusst, welch hochgefährlichen Kurs er eingeschlagen hatte.

Auch dass der Kaiser auf seine traditionelle Nordlandreise geschickt wurde und die führenden Militärs in den Sommerurlaub gingen, hält Clark nicht für eine täuschende List, um nach außen den Anschein von Friedfertigkeit zu erwecken, sondern er versteht es als ein Indiz dafür, dass man auf deutscher Seite die Situation eben gar nicht als bedrohlich empfunden habe. Nimmt man alles zusammen, so muss sich der Eindruck aufdrängen, dass die Reichsleitung im Juli 1914 den am wenigsten aggressiven Part gespielt hat.

Dem englischen Außenminister Edward Grey hingegen wirft Clark vor, einen Schlingerkurs zwischen Intervention und Nichtbeteiligung gesteuert, letztlich aber sich den höheren Imperativen der Entente untergeordnet zu haben. Als die am stärksten zum Krieg treibenden Mächte erscheinen demnach Russland und Frankreich. Es ist bezeichnend, dass Clark dem Besuch Poincarés in St. Petersburg vom 21. bis 23. Juli ein eigenes Kapitel gewidmet hat. Hier, so insinuiert er, wurde be-schlossen, das "Szenario des Katalysators Balkan" wirksam werden zu lassen, also die Lunte zu zünden, die man bereits 1913 gelegt hatte.

Folgerichtig wird nicht der deutsche "Blankoscheck" vom 5./6. Juli, sondern die russische Generalmobilmachung vom 30. Juli als die entscheidende Eskalationsstufe gedeutet. Etwas böse zugespitzt ließe sich sagen, dass der britische Historiker zum letzten Opfer der raffiniert eingefädelten Strategie des deutschen Reichskanzlers geworden ist, das Zarenreich "rücksichtslos unter allen Umständen ins Unrecht" zu setzen, wie es Bethmann Hollweg in einem Telegramm an Wilhelm II. vom 26. Juli gefordert hatte.

Clark hat recht, wenn er darauf hinweist, dass keine der europäischen Großmächte, auch nicht die deutsche Reichsleitung, zum Zeitpunkt des Attentats von Sarajewo den Beginn eines Angriffskrieges plante. Aber er unterschätzt den Einfluss, den das Drängen der führenden deutschen Militärs, allen voran des Generalstabschefs Helmuth von Moltke, auf einen Präventivkrieg in den kritischen Julitagen auf die politischen Entscheidungsträger in Berlin ausübte.

Die zur Paranoia gesteigerte Angst, das Reich würde der immer bedrohlicheren Macht Russlands militärisch schon bald nicht mehr gewachsen sein, sollte die Bereitschaft Bethmann Hollwegs, in der Julikrise ein extrem hohes Risiko einzugehen, entscheidend fördern. In diesem Sinne hat der Reichskanzler im Januar 1918, nur wenige Monate nach seinem Sturz, selbst von einem "Präventivkrieg" gesprochen: "Aber wenn der Krieg doch über uns hing, wenn er in zwei Jahren noch gefährlicher und unentrinnbarer gekommen wäre und wenn die Militärs sagen, jetzt ist es noch möglich, ohne zu unterliegen, in zwei Jahren nicht mehr. Ja, die Militärs!" Ein enthüllendes Eingeständnis, das man freilich in Clarks Darstellung vergeblich sucht.

Obwohl der Historiker aus Cambridge Russland und Frankreich de facto stärker belastet als Deutschland, bezeichnet er es am Ende als unnötig, "eine Rangordnung der Staaten nach ihrem jeweiligen Anteil an der Verantwortung für den Kriegsausbruch aufzustellen". Doch gerade darum kommt man nicht herum, und zwar nicht nur im Blick darauf, welche Macht am stärksten an der Eskalationsschraube gedreht, sondern auch, welche Macht am ehesten Möglichkeiten für eine Deeskalation besessen hat. Der Schlüssel zu Letzterem lag eindeutig bei den Akteuren in Berlin. Sie allein konnten Österreich-Ungarn von der militärischen Aktion gegen Serbien zurückhalten, die nach Lage der Dinge den großen Krieg mit hoher Wahrscheinlichkeit nach sich ziehen musste. Da sie das nicht taten, sondern im Gegenteil den Bündnispartner ermutigten, gegen Serbien rasch loszuschlagen, tragen sie tatsächlich die Hauptverantwortung für die Auslösung der Katastrophe. Diese Erkenntnis zu revidieren, dazu besteht auch nach dem Buch von Christopher Clark kein Anlass.