Es könnte alles so gut sein. Die Schweiz könnte, wenn sie denn wollte, zu einem Hort der Freiheit in der Welt werden. Die Bedingungen wären hervorragend: Dank der halbdirekten Demokratie kann nirgendwo anders der Einzelne im Ganzen so viel bewirken wie hierzulande. Er kann die Fesseln, die ihn hemmen, sprengen. Und dank der einzigartigen Position des Landes, das noch immer abseits der großen Weltmächte steht, kann er sich besser vor dem Zugriff des Staats auf sein Privatleben schützen. Ja, wir könnten ein Land sein, in dem der Bürger ein selbstbestimmtes Dasein führen kann. Wenn wir nur wollten.

Aber zu unserem eigenen Unglück tun wir das Gegenteil: Wir kerkern uns selbst ein. Der Schweizer ist ein Gefangener seiner selbst geworden. Oder, wie Friedrich Dürrenmatt in seiner Lobrede auf den Staatsmann Václav Havel meinte: Die Schweiz sei "ein Gefängnis, wohinein sich die Schweizer geflüchtet haben". Die Insassen seien gleichzeitig auch ihre eigenen Wärter.

Der große, hellsichtige Dichter sprach damals über ein Land, das gerade dem kalten Krieg entronnen war. Geschüttelt von der Fichenaffäre, erstarrte die Schweiz in ihrer Angst vor einer neuen Welt. Diese Angst gibt es heute noch, aber sie hat sich zur Furcht abgeschwächt. Es gibt auch noch existenzielle Ängste, und sie sind nicht kleiner geworden. Wer viel hat, dem kann auch viel genommen werden. Aber davon soll hier für einmal nicht die Rede sein.

Die Schweiz plagt eine andere, eine seltsame, schwierig zu formulierende Angst. Wir haben das Vertrauen in uns selbst verloren. Es herrscht ein Klima des Misstrauens. Und dies drückt sich in einem Wust von Regeln, Vorschriften und Verboten aus. Jedes Jahr wächst, allein auf Bundesebene, der Berg der Maßregelung um über 5.000 neue Gesetze und Verordnungen.

In einer permanenten Hysterie berauben wir uns langsam und ohne es bewusst zu wollen der Freiheiten, die sich unsere Väter, Mütter und Großmütter mühsam erkämpft haben. Nehmen wir zum Beispiel den Fall "Carlos", diesen kriminellen Jugendlichen, für dessen Betreuung der Kanton Zürich 29.000 Franken im Monat aufwenden muss. Der Einzelfall ist publik geworden, und wie Piranhas fielen die Medien und mit ihnen die Selbstgerechten über ihn her. Der junge Mann wurde, "zu seinem eigenen Schutz", ins Gefängnis gesteckt. Der Justizdirektor gelobte Besserung. Und die wird so aussehen: In unserem international bewunderten Jugendstrafvollzug wird es noch mehr Bürokratie, also noch mehr Fehlerquellen, geben. Und das alles wegen eines Einzelfalls, der, vielleicht, ein bisschen aus dem Ruder gelaufen ist. Haben wir das wirklich gewollt?

Ja, der Mensch ist uns verdächtig geworden. Als Raucher, als Fußballfan, als Sozialhilfeempfänger sowieso. Wir trauen ihm nichts mehr zu. Er muss, so meinen Linke wie Rechte, beschützt, bemuttert und überwacht werden. Deshalb wird er in ein Korsett gezwängt von denjenigen, die alles unter Kontrolle haben wollen. Keine Schulreise kann heute mehr durchgeführt werden ohne eine Unmenge an Regeln, Notfallszenarien, Haftungserklärungen. Eine Armee von Anwälten steht bereit, alles und jeden zu verklagen, zu bedrohen, zu kujonieren. Das Waffenarsenal haben wir ihnen zur Verfügung gestellt. "Erlaubt ist, was nicht stört", ließ die Stadt Zürich vor ein paar Jahren plakatieren. Heute stört wohl alles, was nicht einwandfrei, also lautlos funktioniert.

Mit der Kontrollwut einher geht eine Auflösung der Eigenverantwortung, nicht nur auf staatlicher, sondern auch auf privatwirtschaftlicher Ebene. Drückerkolonnen von gut bezahlten Beratern werden durch die Firmen gejagt, um zu eruieren, wie man die Mitarbeitenden noch "effizienter", also kostengünstiger einsetzen könnte. Die Chefs entledigen sich so ihrer Pflicht, unangenehme Entscheidungen selbst zu treffen, sie verstecken sich. Die Folge ist eine permanent verunsicherte Belegschaft, die meint, wer aufmuckt, sei schon entlassen.

Und dies alles geschieht in einer Zeit, in der es uns materiell so gut geht wie nie zuvor. Wir könnten es uns sehr wohl leisten, Widerstand gegen die schleichende Auflösung unserer Selbstbestimmung zu leisten. Wer seinen Job verliert, weil er in diesem zerschleißenden Räderwerk nicht mehr mittun will, der findet eine neue Anstellung. Das wäre ja noch schöner. Denn gerade solch renitente, ungehorsame Menschen brauchen wir.

Gefordert wäre eine neue Zivilcourage, ein neues Selbstbewusstsein. Und dies können wir nur erreichen, wenn wir einander wieder mehr zutrauen, wenn wir zu einer Kultur des Vertrauens zurückfinden. Die Mittel hätten wir. Sie heißen Volksrechte, Milizsystem und Verfassung.

Den Anfang aber müssten die Schulen machen. Ja, wir brauchten eine Ausbildung in Aufmüpfigkeit. Wie dies gehen könnte, zeigt Finnland. Dort genießt der Lehrer, dieser Ermöglicher des selbstständigen Menschen, höchste gesellschaftliche Wertschätzung, Hunderte von Bewerbern werden jedes Jahr abgewiesen. Warum? Der finnische Bildungsexperte Pasi Sahlberg hat es in dieser Zeitung so erklärt: "Es gibt zwar einen groben staatlichen Lehrplan, aber jede Schule erstellt ihr eigenes Curriculum, und jeder Lehrer entscheidet selbst, wann er was im Unterricht tut und was das Beste für seine Kinder ist. Sie haben die Kontrolle, sind frei in ihren Methoden und wissen, dass es nur eine minimale Überprüfung ihres Handelns gibt. Dieses hohe Maß an Vertrauen führt dazu, dass sie ihre Rolle als Lehrer so ernst nehmen."

Kurz: Ohne Vertrauen ist keine Schweiz zu machen, die kein Gefängnis sein will.