Ich starre konzentriert auf seine Gliedmaßen, doch der professionelle Testfahrer rührt sich nicht. Er hat die Füße von den Pedalen genommen und die Hände neben das Lenkrad gelegt. Unser Auto steuert sich jetzt selbst. Mit etwa 60 km/h fährt es auf einen Haufen Plastikmüll zu. Der Mann am Steuer, der nicht steuert, bleibt entspannt. Mit Schmackes nähern wir uns dem Hindernis. Jetzt müsste die automatische Vollbremsung kraftvoll einsetzen. Tut sie aber nicht. Plötzlich ist unser Testfahrer hellwach. Hektisch reißt er das Lenkrad herum, quietschend umschiffen wir den Haufen. Um ein Haar hätte es gerumst. Oha!

Die neue S-Klasse von Mercedes, in der wir auf dem Testgelände in Sindelfingen unsere Kreise drehen, ist eben auf dem Markt. Sie ist das automatischste Auto, das zurzeit zu kaufen ist. In dieser, der maximal ausgestatteten und rund 100.000 Euro teuren Variante parkt der Wagen selbst ein, kennt den Straßenverlauf und lenkt dementsprechend. Er hält eigenständig den richtigen Abstand zum Vordermann, nachts kann man dank einer Infrarotkamera auch schwarze Rehe im Straßenbegleitgrün sehen. Selbst autonomes Fahren ist in gewissen Grenzen möglich. Bis zu einem Tempo von 60 km/h fährt der Wagen im dichten Verkehr, bei Stop and go und im Stau wirklich mit "Autopilot". Das setzt allerdings voraus, dass Hindernisse vom Fahrzeug erkannt werden und eine autonome Reaktion erfolgt.

Gerade das hätte unser Testwagen demonstrieren sollen: die nicht menschlich beeinflusste Vollbremsung. Was der Fahrer "Vorführeffekt" nannte, war ein peinlicher Patzer, der auf ein kompliziertes Thema hinweist: Das Auto hatte den Fahrerwillen falsch interpretiert.

Die S-Klasse ist nämlich tatsächlich noch kein Roboter, sondern nur ein "teilautomatisiertes" Fahrzeug. Sie nimmt dem Fahrer vieles ab, wie kurze Zeit später das Spurhalten. Dank eines Kamerasystems hinter der Frontscheibe werden wir, als der Fahrer "döst" und der Wagen zu eiern beginnt, unauffällig wieder in die Spurmitte zurückgeführt. Der Beifahrer merkt gar nichts von den Unsicherheiten des Chauffeurs.

Und trotzdem ist dieser bis auf Weiteres unverzichtbar. Denn zahlreiche Verkehrssituationen sind dem Auto doch noch zu verzwickt. Baustellen auf der Autobahn gehören dazu, Kreisverkehre, Kreuzungen. Auch Radfahrer, Fußgänger, die losrennen und plötzlich stoppen. Schwierig sind alle nicht eindeutigen Situationen. Und solche, auf die man unterschiedlich reagieren kann. Ein Hindernis zum Beispiel kann bei Kollisionsgefahr umfahren werden – oder man kann davor anhalten. Da die S-Klasse das automatische Ausweichen noch nicht beherrscht (die nächste Fahrzeuggeneration soll das können), ist sie lediglich in der Lage, eine Bremsung auslösen, wenn der Fahrer pennt, träumt oder sonst wie abgelenkt ist. Das Auto muss folgerichtig seinen Fahrer überwachen.

Zucken im Fuß kann gefährlich werden

Das erledigt der Wagen auf dieselbe Weise, wie ich es mache: Er registriert Aktivitäten an Lenkrad und Pedalen. Tut sich da nichts, wird im Notfall voll in die Eisen gegangen. Doch wehe, Fahrers Hand oder Fuß zuckt vorher – dann "denkt" das Auto, der Mensch wäre voll bei der Sache und wollte die Kontrolle übernehmen. Und unternimmt gar nichts. Heil raus kommt da nur noch einer wie unser routinierter Testfahrer.

Aus dem Patzer kann man lernen: Das Erkennen von Menschen, Bewegungen, das Messen von Entfernungen und die exakte Erfassung der Fahrsituation mit Sensoren – all das ist vergleichsweise einfach gegenüber dem sinnvollen Auswerten der Daten, um eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Das gilt eben auch für die "Aufmerksamkeitserkennung". Solange Mensch und Maschine sich die Herrschaft teilen, muss das Auto den momentanen Zustand des Fahrers und seine Absichten kennen. Um mehr über den Chauffeur zu erfahren, soll ihm in Zukunft eine Kamera in die Augen blicken und seine Kopfhaltung überwachen.

Bei der nächsten Kollisionsfahrt klappt das Manöver. Das schwere Automobil erkennt: "Inaktiver Fahrer", piepst warnend, zerrt uns mittels automatischer Gurtstraffer in die Sitze und vollzieht eine Vollbremsung. Dicht vor dem Hindernis kommt das Auto zum Stehen.

Im Alltag wird der Insasse, wenn er sich nicht ganz so dumm anstellt, vom Autoauto kaum was merken. Das Faszinierende an diesem Auto ist ja, dass die vielen Assistenten an Bord so zurückhaltend agieren. Gelegentlich ein kleines Rütteln im Lenkrad, eine winzige Kurskorrektur. Manchmal ein Piepen als Hinweis auf eine Gefahr oder ein Signal in der als Display genutzten Vorderscheibe – das war’s. Der Rest ist Autofahrerroutine. Eigentlich langweilig. Spannend wird es, wenn man sich tatsächlich auf der Autobahn von Geisterhand chauffieren lässt. Und im stockenden Berufsverkehr einen Krimi zur Hand nimmt.