Das Gefühl, das Denken könnte eine Sache von Leben oder Tod sein, ist unseren glücklichen Zeiten abhandengekommen. Vielleicht erklärt sich so aber die Faszination, die von jenen großen Intellektuellen ausgeht, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts durchlitten hatten. Ob sie nun durch Freund- oder Feindschaften verbunden waren, Täter oder Opfer wurden: Benjamin, Arendt, Heidegger, Scholem, Bloch und viele andere rangen ihre Werke einer Epoche ab, in der Millionen untergingen. Theorie und Philosophie erfuhren so unweigerlich eine existenzielle Beglaubigung, die als Resonanzverstärker funktionierte.

Gegen so viel Erlebnis und Erfahrung hatte es die nachfolgende deutsche Intellektuellengeneration schwer. Doch im Rückblick sieht man auch in denen, die nach 1945 ihre Denkwege suchten, vom Grauen Gezeichnete. Habermas und Luhmann, Ratzinger und Dahrendorf eint mehr, als ihre Gegensätze vermuten lassen. Irgendwann werden wir das in ihren persönlichen Zeugnissen womöglich noch genauer nachlesen können.

Jetzt ist die Korrespondenz zweier Denker erschienen, die ebenfalls die geistige Landschaft der Bundesrepublik mitgeprägt haben. Zwanzig Jahre lang haben sich der Philosoph Hans Blumenberg (1920 bis 1996) und der Religionswissenschaftler Jacob Taubes (1923 bis 1987) geschrieben, 56 Briefe zwischen 1961 und 1981 sind überliefert und liegen nunmehr hervorragend ediert und kommentiert vor. Sicherlich gibt es intensiveren, bedeutenderen geistigen Austausch per Brief. Aber selten wird so kunstvoll miteinander gerungen, wie es diese zwei höchst eigentümlichen Professoren taten. Hier prallen zwei faszinierende Welten aufeinander, was einige Male kräftigen Funkenschlag ergibt, bis die Distanz allmählich doch unüberbrückbar wird.

"Vor einigen Tagen schritt ich über die Grenze der Vierzig. Auch Grund zum Zagen", teilte Taubes im vierten Brief vom März 1963 mit. Was hatte er schon alles erlebt: 1936 mit seiner Familie von Wien nach Zürich gezogen, wo sein Vater als Großrabbiner wirkte, wurde auch Jacob Rabbiner, studierte der Hochbegabte später Philosophie, lehrte ab 1949 Religionsphilosophie in New York, arbeitete dann zwei Jahre für Gershom Scholem in Jerusalem, bis es 1951 zum lebenslangen, durch Taubes verschuldeten Zerwürfnis kam. Anfang der sechziger Jahre wandte er sich verstärkt nach Deutschland, pendelte bald semesterweise zwischen Berlin und New York, bis er 1966 endgültig eine Professur für Judaistik und Hermeneutik an der Freien Universität antrat.

Taubes schlug im damals noch provinziellen Deutschland wie ein Komet ein. Er kannte ja scheinbar alles und jeden in der Welt, vor allem in Amerika, von Arendt über Paul Tillich bis Leo Strauss. Dass er laut Blumenberg das Gras auf Schreibtischen wachsen höre, verbreitete sich rasch unter Gelehrten. Fassungslos vor Bewunderung liest man heute Taubes’ Brief an Blumenberg vom September 1966, in dem er ihm für die kommende Tagung der Forschergruppe "Poetik und Hermeneutik" mögliche Teilnehmer nennt. Der junge Michel Foucault ist dabei ("Er ist blitzgescheit und bringt immer einen neuen unerwarteten Aspekt in die Diskussion"), Paul Ricœur ("der wichtigste philosophische Kopf in Frankreich"), Jean Bollack, Leszek Kołakowski aus Warschau, E. M. Cioran ("Ich kann ihn nicht genug loben. Er ist der feinste Geist, der mir begegnet ist"), Herbert Marcuse (kurios dabei Taubes’ Annahme: "Sie würden sich mit ihm glänzend verstehen"), bis hin zu einem ganz jungen Pariser Kopf: "Hervorragend ist auch Pierre Bourdieu." Dieser jüdische Prophet hatte hier mal eben die intellektuellen Fixsterne der kommenden Jahrzehnte vorhergesagt.

Jacob Taubes war "einem Schwamm ähnlich, der dann zugleich mit einem Spritzgerät versehen ist": So formulierte es einmal der Philosoph Dieter Henrich, der mit ihm und zeitweise Blumenberg im Beraterkreis für den Suhrkamp Verlag arbeitete. "Taubes war in jeder Beziehung unverläßlich, auch intellektuell", so Henrich; "es war ja deutlich genug, dass sein Wissen überwiegend aus zweiter Hand war". Zahllose Anekdoten ranken sich um den umtriebigen Hochstapler, der auch über Ungelesenes oder gar Erfundenes glänzend referieren konnte. Gleichwohl ist ohne ihn die Suhrkamp-Kultur nicht denkbar: Seinem Duzfreund Siegfried Unseld macht der unermüdliche Pläneschmied ähnlich wie im obigen Brief permanent wichtige Autorenvorschläge, und er legt ihm auch erfolgreich Blumenbergs Hauptwerk Die Legitimität der Neuzeit nahe.

Die Briefe Blumenbergs, dieses großartigen Stilisten, sind allesamt geschliffene Meisterstücke, oft mit scharfer Ironie versetzt. Natürlich war Taubes wichtiger Anreger für den legendären Kreis junger Gelehrter, der unter dem Namen "Poetik und Hermeneutik" vor 50 Jahren von Blumenberg und dem Romanisten Hans Robert Jauß – Ersterer einst "Halbjude", SS-Sturmführer der andere – begründet wurde und dessen Beiträge zum Besten gehören, was deutsche Geisteswissenschaften nach 1945 hervorbrachten. Aber das Unseriöse seines Gegenübers blieb Blumenberg ja nicht verborgen: Die wiederkehrende Beschwerde, dass er Taubes stets seine publizierten Aufsätze schicke, von diesem aber keine bekomme, hat nach der Erkenntnis, dass sein Gegenüber einfach nichts Wissenschaftliches schrieb, bald auch etwas untergründig Pädagogisches: Konzentrier dich wie ich, statt zu quatschen! Vergeblich – und Blumenbergs traurig-ernstes, erst in diesem Band veröffentlichtes Fazit nach Taubes Tod: "Er entzog sich dem Problem, indem er nichts verfertigte, was hätte kritisiert werden können."