Am Donnerstagabend um 18 Uhr wird Achim Post aufbrechen in den äußersten Nordosten von Nordrhein-Westfalen, in die letzte, entscheidende Phase seines Wahlkampfes. Neun Stunden Dauereinsatz wird er da bereits hinter sich haben, er hat bei wildfremden Leuten an der Haustür geklingelt, er stand in Fußgängerzonen und drückte Passanten seine Werbezettel in die Hand. Achim Post ist müde, er hat dunkle Ringe unter den Augen, seit Wochen schon. Aber in den kommenden 72 Stunden wird er noch weniger schlafen als in den Tagen zuvor, er wird unterwegs sein, ohne Atempause.

Er hat noch genau drei Tage.

Achim Post, 54 Jahre, ist der Kandidat der SPD im Wahlkreis Minden-Lübbecke I. Das ist ein Landstrich 220 Kilometer nordöstlich von Düsseldorf, viele Kleinstädte, viele Handwerker, die SPD war hier immer stark. Bei der letzten Wahl 2009 aber hat die CDU die meisten Erststimmen geholt. Es ist ein umkämpfter Wahlkreis, einer derjenigen, in denen es am engsten wird. Also wird Achim Post kämpfen, für sich, für die SPD, 72 Stunden lang, bis Sonntag, 18 Uhr, bis die Wahllokale schließen. Er will dieses Direktmandat unbedingt holen.

Und Steffen Kampeter will das verhindern.


Kampeter, 50 Jahre, seit 23 Jahren für die CDU im Bundestag, hat den Wahlkreis beim letzten Mal der SPD entrissen. Sein Erfolg hat ihn in Berlin bis ins Finanzministerium geführt, er wurde Staatssekretär unter Wolfgang Schäuble, pendelte gedanklich zwischen Euro-Krise und Wahlkreis, unter der Woche Athen, am Wochenende Minden-Lübbecke.

Präsent sein – darum geht es in den kommenden Tagen. Es werden noch mehr Infostände auf Kampeter warten, er wird am Samstag noch bei einer Großveranstaltung auftreten, er hat sogar einen eigenen Schlussspurt-Event organisiert. Und er wird gegen seinen Herausforderer Post, den er duzt, noch öfter als in den vergangenen Wochen sticheln: "Der Achim ist halt ganz viel in Berlin und in Brüssel – und ganz wenig in Minden und in Lübbecke."

Dabei kämpfen Kampeter und Post nicht nur gegeneinander. Beide haben einen gemeinsamen Gegner – eine gesichtslose Menge, die für die Politiker kaum zu greifen, für den Wahlausgang aber sehr wichtig ist: All jene, die sich immer später entscheiden. Die Wahlforscher nennen sie Wechselwähler, Spätentscheider oder Orientierungsnomaden. Für die Politik sind sie der Angstgegner.

Es kommt jetzt alles auf die letzten 72 Stunden an. Immerhin 20 Millionen Deutsche wissen an diesem Donnerstag noch nicht, wen sie am Sonntag wählen werden – und ob sie überhaupt wählen werden. Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik waren so kurz vor einer Wahl so viele Stimmen umkämpft. Darunter sind die Frustrierten, die glauben, sie würden mit ihrer Wahl ohnehin nichts ändern; die Erstwähler, die die Welt der Politik gerade erst für sich entdecken; und die taktischen Wähler, die noch bis zum Wahlsonntag abwägen, welche Koalition sie bekommen könnten, je nachdem, wem sie ihre Stimme geben.