Im Schutz der Herde

Kinder sind die perfekten Virenschleudern. Sie verbreiten die Erreger nicht nur in größerer Menge, sondern auch länger als Erwachsene. So manche Grippewelle hat ihren Ursprung im Klassenzimmer, wo Viren munter untereinander ausgetauscht, mit Schulbüchern in den Ranzen gesteckt und nach Hause getragen werden. Fieber, Reizhusten und Kopfschmerzen sind typische Folgen – für die ganze Familie.

In Großbritannien soll das bald ein Ende haben. Seit diesem Monat immunisieren Ärzte dort Schüler mit einem Nasenspray, um so auch deren Eltern und Großeltern vor der Infektion zu verschonen. "Herdenimmunität" heißt dieser indirekte Schutz. Doch wie wirksam er sein kann ist umstritten. Zudem steht die britische Impfstrategie im Widerspruch zu den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Der Nasenspray-Versuch beginnt zugleich mit Pilotprojekten in England, Wales, Schottland und Nordirland. Zunächst bekommen Kinder im Alter zwischen vier und zehn Jahren an ausgewählten Schulen das Mittel Fluenz verabreicht, einen Lebendimpfstoff. Das farblose Spray ist zwar erst seit dem vergangenen Jahr in Europa zugelassen, hat aber seine Wirksamkeit schon in den USA unter Beweis gestellt. Für eine Studie, die 2007 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, wurden Kinder mit Fluenz geimpft. Von ihnen erkrankten 44 Prozent weniger an einer Virusgrippe als Kinder in der Vergleichsgruppe, die einen Totimpfstoff erhalten hatte.

Dementsprechend hoch sind die Erwartungen. "Im Herbst 2014 wollen wir die Immunisierung landesweit einführen", sagt Marc Baguelin vom englischen Gesundheitsministerium. Alle Kinder von 2 bis 17 Jahren sollen dann an Schulen und Kindergärten gegen Grippe geimpft werden. Der Mathematiker hat mit seiner Modellrechnung, die in Kürze im Fachmagazin Plos Medicine veröffentlicht wird, die Wirkung des neuen Impfprogramms simuliert. Demnach ist es viel besser, Kinder zu impfen, als auf spezielle Risikogruppen zu setzen – das spare Impfstoff, Zeit und Kosten.

Mit diesem Fazit steht Baguelin nicht allein da. Die Biostatistiker Ira Longini und Elizabeth Holloran etwa hatten bereits 2005 im American Journal of Epidemiology nahegelegt, dass die gesamte Bevölkerung geschützt ist, sobald 70 Prozent der Schulkinder geimpft sind. Auch sei es weit wirksamer, 20 Prozent der 5- bis 18-Jährigen zu immunisieren als etwa 90 Prozent der Älteren.

Was indessen fehlt, sind überzeugende Daten aus der Praxis. Zwar reagierte man in Japan zwischen 1962 und 1987 mit einer flächendeckenden Influenza-Impfung von Schulkindern auf die Asiatische Grippe. Baguelin räumt ein: "Die Erfahrungen des Programms sind aber umstritten."

Impferfolg hängt auch von der Akzeptanz in der Bevölkerung ab

Auf der weltgrößten Influenza-Konferenz Anfang September im südafrikanischen Kapstadt hat die Gesundheitswissenschaftlerin Cuc Tran von der University of Florida Zahlen vorgestellt. In einer umfassenden Analyse hat sie die Impfdaten verschiedener Bezirke des US-Bundesstaates miteinander verglichen. Im Bezirk Alachua existiert ein Impfprogramm für Schulkinder. "Wir konnten einen eindeutigen Nutzen des Programms feststellen", sagt Tran. In Alachua litten weit weniger Kinder an Grippesymptomen als in den anderen Bezirken, und die Eltern und Großeltern hatten tatsächlich ebenfalls ein geringeres Risiko zu erkranken – ein erfreuliches Ergebnis für Baguelin und seine Kollegen in England. Denn die Angst vor einem Aufbegehren der Bevölkerung gegen Massenimpfungen bei Kindern ist groß, das Ministerium ist daher dankbar für jede Untersuchung, die sein Vorhaben stützt. "Die Studie bestätigt eindeutig die Vorhersagen unseres Modells", sagt Mathematiker Banguelin. "Sie stärkt damit unsere Entscheidung, Schulkinder zum Wohle aller zu impfen."

Tran hat allerdings nicht als Erste geprüft, ob und in welchem Maße eine generelle Influenza-Impfung von Kindern nützt. Und die Ergebnisse älterer Studien sind durchaus widersprüchlich. So wurde in Kanada bei der Impfung von rund 80 Prozent aller Kinder ebenfalls ein indirekter Schutz von Ungeimpften erzielt, jedoch mit einem Totimpfstoff. In einer anderen US-Untersuchung konnte ein schulbasiertes Impfprogramm zwar die Zahl der Patienten in den Notambulanzen reduzieren, aber weder bei anderen Vorschulkindern noch bei Älteren stellte sich ein Herdeneffekt ein.

In Deutschland steht das zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) dem Vorhaben der Briten daher durchaus kritisch gegenüber: Für die Wahl einer geeigneten Impfstrategie müsse man nicht nur die Effektivität der Impfung, sondern die Akzeptanz in der Bevölkerung beurteilen, sagt der RKI-Fachmann Cornelius Remschmidt. Eine routinemäßige Impfung von gesunden Schulkindern werfe ethische Fragen auf, "wenn diese vornehmlich geimpft werden, um schwere Krankheitsverläufe bei älteren Personengruppen zu verhindern". Immerhin würden die Kinder einem – sehr geringen, aber nicht auszuschließenden – Risiko von Nebenwirkungen ausgesetzt.

Inzwischen diskutiert hierzulande auch die Ständige Impfkomission des Bundes darüber, ob und wie die Impfstrategie verändert wird. Betont neutral heißt es aus dem RKI: Die in Großbritannien gesammelten Daten der kommenden Jahre würden den Entscheidungsprozess unterstützen.