Am nächsten Morgen dann hatte sich das Reizgas verzogen und mit ihm die Wut. Die Händler rollten ihre roten Wägelchen auf den Platz, um wie immer Sesamkringel zu verkaufen. Und wie immer standen am Ausgang der Metro die Zeitungsverkäufer und riefen ihre Schlagzeilen. Kein Wort natürlich über die Proteste der Nacht, über die vielen Tausend Demonstranten, die den Schlagstöcken und Tränengasgeschossen trotzen, die sich von willkürlichen Verhaftungen nicht einschüchtern lassen, nicht von diesem Regime, das so tut, als sei das mündige Volk eine terroristische Bedrohung. An diesem Morgen in Istanbul bauscht sich hoch über dem Taksim-Platz die rote Fahne im Wind, es ist, als wäre nichts gewesen.

Dabei brennen jede Nacht ein paar Müllcontainer, zur Barrikade aufgetürmt, und die Räumkommandos und Wasserwerfer rücken aus. Niemand weiß, ob die große Revolte erst noch bevorsteht, ob sich der Widerstand gerade radikalisiert und was nun eigentlich wird aus den Idealen, die noch vor drei Monaten so viele Menschen auf die Straße zogen. Im kleinen Gezi-Park fanden Alte und Junge, Reiche und Arme zusammen, sie wollten die Bäume vor den Investoren eines Shoppingcenters retten, vor allem aber feierten sie: ihre eigene, ungewohnte Einmütigkeit. Künftig würde das Leben anders sein, friedlicher, offener. Die Stadt, so viel war abgemacht, sollte sich verwandeln.

Heute, nachdem die Hoffnung aus dem Park vertrieben, die stillen Proteste fortgeknüppelt wurden, scheint die alte Angst vieler Bürger wieder da zu sein. Von der euphorischen Bewegung ist wenig übrig. Ein paar Mutige treibt es noch zum Protest, doch selbst die große Kunstbiennale, die am Wochenende begann, bleibt lieber dort, wo es sicher ist, in ihren Ausstellungshallen.

Ursprünglich hatten die Kuratoren anderes geplant, sie wollten hinaus in den öffentlichen Raum, auch in den Gezi-Park und auf den Taksim-Platz, damit die Künstler dort an hohen Masten, gleich unterhalb der Überwachungskameras, kleine Kunstnester bauen, Bretterverschläge, in denen man sich treffen, in denen man übernachten sollte. Auch hatte man vor, die Fassade des ausgeweideten Kulturpalasts zu beleben, mit einem pulsierenden Leuchten, als wäre das erloschene Herz der Stadt neu erwacht. Doch am Ende machte die Schlagstockwirklichkeit alle Pläne zunichte. Eine politische Biennale wünschen sich die Kuratoren, eine, die nach dem öffentlichen Raum fragt, danach, was er für die Demokratie bedeutet. Dafür aber, sagen sie, brauche es Schutzräume wie das Museum. Nur hier, zwischen weißen Wänden, habe der Geist von Gezi wieder eine Chance.

Und wirklich, manche Künstler nutzen das Asyl, das die Biennale ihnen bietet, Halil Altindere zum Beispiel. In seinem Video hetzt er drei Rapper durch ein müllstrotzendes Ruinenviertel Istanbuls, sie wüten gegen den Abriss, gegen die miese Bourgeoisie, die neuen Villen und das geldgeile System, sie schlagen einen Polizisten nieder, zünden ihn an, geraten in eine Schießerei, werden von Kugeln getroffen, doch rappen weiter, mit blutigen T-Shirts, unerbittlich, unaufhaltsam. Es ist der nackte Zorn: auf eine Stadt, die größer und größer wird und sich in ihrem wachsenden Reichtum selbst zu verschlingen droht.

Doch versteht es Altindere, das alte Lied von Vertreibung und Ausbeutung so weit zu verfremden und ins Absurde zu drehen, dass man den Film gleich noch einmal anschaut, schon wegen jener Szenen, in denen ein Polizist als Breakdancer kopfüber auf seinem Helm rotiert und ein Rapper mit dem Planierbagger um die Wette tanzt. Verspielter Ernst, blutige Albernheit – eine seltene Mischung auf dieser Biennale.

Sie zeigt auch sonst viel Abriss, viele Verlustgeschichten. Mal muss ein Krankenhaus weichen, mal ein Wohnblock oder ein Buchladen, und immer treten die Künstler als Bewahrer auf. In den siebziger Jahren inszenierte sich jemand wie Gordon Matta-Clark noch als lustvoller Zerstörer, der Häuser aufschnitt und zersägte, weil er mit den Wänden auch die Enge der bürgerlichen Existenz loswerden wollte. Heute hingegen geht es konservativ zu, als wäre die Kunst im Dienste der Denkmalpflege unterwegs. Sie kartiert Naturschutzgebiete, denen die Überbauung droht. Sie warnt davor, Istanbuls wilde Gärten zu betonieren. Sie setzt sich für den Erhalt einer Roma-Siedlung ein. Alles sehr vernünftig, nur schade, dass bei all der Vernünftigkeit vielen Künstlern der Zorn, die Maßlosigkeit, der Überschwang abhanden kommen.

Seltsam erstickt wirkt diese Biennale, die das Leben der Straße beschwört und sich zugleich in karger Melancholie verliert. Wie froh ist man da über einen Künstler wie den Ägypter Basim Magdy, der in seinem Video einen blauen Himmel zeigt, in dem ein Bündel roter Luftballons immer höher und höher steigt, bis er verschwindet. Madgys Kunst feiert die Vergeblichkeit, existenzialistisch, doch auf wunderbar lakonische Weise: Glaub bloß nicht, dass du irgendetwas verstehst! Versuche nie, etwas zu verändern! Traue weder Menschen noch Hunden, sie werden dich beißen! Das sind die Merksätze, die er dem Biennale-Publikum in seinem Film per Einblendung verabreicht. Die Euphorie des Gezi-Parks ist verflogen, jetzt lasst uns heiter misanthropisch sein.