Shunpuku Tamaki ist auf dem Sprung. Aus der Garage schleppt er einen Eimer Wasser über den Hof und steigt damit auf die Ladefläche seines Wagens. Er rührt Pflanzenschutzmittel an und füllt es in einen Kanister. Dann überprüft er seine Sprühschläuche. "Meine Orangen brauchen wieder Behandlung", sagt er. Der weißhaarige, drahtige Mann schlüpft in eine blaue Regenhose, zieht Gummistiefel drüber und macht sich auf den Weg zu seinem Orangenhain. Eine halbe Stunde wird er damit verbringen, seine Gewächse zu pflegen.

So sieht ein normaler Tag im 98. Lebensjahr von Shunpuku Tamaki aus. Mit dem Sonnenaufgang steht der Alte auf, beginnt mit der Arbeit auf einem seiner drei Felder und frühstückt danach mit seiner Frau. Dann geht er zurück aufs Feld, sofern es im Haus nichts zu tun gibt. In seiner Freizeit fährt er Motorrad. Wegen seines Alters macht er sich keine Sorgen. "Ich war ja noch nicht ein Mal im Krankenhaus. Was soll mir passieren?" Wie lange er noch habe, frage er sich nie. "Bei uns gehöre ich sowieso nicht zu den Ältesten."

Tamakis Heimat wird "das Dorf der Hundertjährigen" genannt. Der Ort Ogimi liegt im Norden der südjapanischen Inselgruppe Okinawa, die unter Wissenschaftlern für die Langlebigkeit ihrer Bewohner berühmt ist. Über 900 der 1,3 Millionen Menschen dort sind 100 Jahre und älter. Ein untypisch hoher Wert, der selbst unter Japanern einzigartig ist, obwohl diese im globalen Vergleich eine weit überdurchschnittliche Lebenserwartung haben. Okinawa ist das Archipel der Alten, das Zentrum der Superalten ist Ogimi. Auf einem großen Stein am Straßenrand vor dem Ortseingang klebt eine Plakette: "Nummer eins für Langlebigkeit". Unter den 3.200 Einwohnern haben derzeit zwölf Menschen ein dreistelliges Alter, an die 100 weitere haben es bereits über die 90 geschafft.

Unter Verdacht: die moderne Ernährung

Die Gründe dafür sind kein Geheimnis. Beinahe 40 Jahre lang hat der selbst schon 80-jährige Kardiologe Makoto Suzuki beobachtet, was an den Ältesten in Okinawa besonders ist. Am wichtigsten sei die Ernährung, sagt er. "Das traditionelle Essen enthält viel Obst und Gemüse und eher wenig Fleisch, Fisch und Eier. Es ist fettarm und kohlehydratreicher als die Gerichte vom japanischen Festland." Zudem gilt das Gebot "hara hachi bu": Man möge mit dem Essen aufhören, sobald der Magen zu vier Fünfteln voll ist, eine Kalorienstrenge, die Fettleibigkeit vermeide.

In der reichen Welt ernährt man sich heute praktisch flächendeckend ganz anders, oft kalorienreich, aber nährstoffarm. Es mangelt an Ballaststoffen, an Magnesium, Kalium. Gleichzeitig sind gesättigte Fettsäuren, Transfette, Cholesterin, Zucker und Salz überschüssig. Vor allem bei Fertiggerichten sind diese Merkmale ausgeprägt. "In Okinawa kocht man aber traditionell selbst", sagt Suzuki. "Man nimmt sich dafür Zeit, wie für die meisten Dinge im Alltag."