"Spaß ist privat" – Seite 1

Manchmal an diesem Abend bekommt Jörg Asmussen einen leeren Blick, als würde er gern einmal ausrasten, wenigstens ein bisschen stänkern, aber dann ist der Augenblick schon wieder vorüber. Er sitzt in einem Athener Restaurant, eingeklemmt zwischen schwergewichtigen älteren Herren: dem Direktor des größten griechischen Kreditinstituts, National Bank of Greece, und den Chefs der wichtigsten Wirtschaftskonzerne des Landes – Telekommunikation, Energie, Schifffahrt und Tourismus. Die verbliebene Macht der Griechen. Ein warmer Wind weht über die Bucht, es ist dunkel, vor Asmussen wartet die Vorspeise, ein riesiger Teller Orzo, griechische Nudeln.

Der Direktor der National Bank, im vergangenen Jahr war er noch Finanzminister, erhebt die Stimme, er begrüßt seinen "Freund Jörg", mit dem er schon viele schwierige Nächte durchgestanden habe. Dann reden die Männer nacheinander, manche haben Zettel mit Stichpunkten vorbereitet, die sie abarbeiten. Sie reden gegen das Zirpen der Grillen an, werden immer lauter, immer intensiver. Sie reden, als sei dieser Deutsche, der aussieht, als nehme er nach 15 Uhr keine Kohlenhydrate mehr zu sich, ihre letzte Chance. Die Rettung ihres Landes, ihrer Posten vielleicht. Die Männer wissen, Jörg Asmussen ist nicht nur Notenbanker, er ist auch eng mit der Kanzlerin. Vielleicht wird er nach der Wahl Finanzminister im neuen Kabinett.

Dieser Tisch wirkt wie ein Sinnbild der momentanen Machtverhältnisse in Europa – auf der einen Seite der fitte, junge Deutsche, auf der anderen die alt und hilfsbedürftig wirkenden Griechen. Asmussen hört zu, ab und zu schaufelt er ein wenig Orzo auf seine Gabel. Er hat einen langen Tag hinter sich.

Die Reise war seit Wochen geplant, um die nächste Mission der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds vorzubereiten. Dann kündigte Wolfgang Schäuble auf einer Wahlkampfveranstaltung ein drittes Hilfspaket für Griechenland an. Und Frau Heyne, Asmussens Assistentin, konnte dabei zusehen, wie sich der Terminkalender ihres Chefs füllte. Nun wollen sich auch der griechische Premier- und der Vizepremierminister mit ihm treffen.

Jörg Asmussen trägt Glatze, er wird in diesem Jahr 47, der typische deutsche Beamte hat es in diesem Alter vielleicht zum Unterabteilungsleiter gebracht, Asmussen war Staatssekretär im Finanzministerium und sitzt jetzt im Direktorium der Europäischen Zentralbank – einer der wichtigsten Posten der Finanzwelt. Er ist einer der Herren des Euro, wacht über die Sparprogramme der Krisenländer, bestimmt, ob sie noch an Geld kommen. Letztlich hängt von Männern wie Asmussen die Zukunft Europas ab. Wenn in den vergangenen Jahren etwas gerettet werden musste – Opel, Quelle, Banken, der Euro oder Griechenland –: Stets verhandelte er im Hintergrund. In gewisser Weise ist er ein Gewinner der Krise, sie beschleunigte seinen Aufstieg. Asmussen wurde nie gewählt, er ist ein Spitzenbeamter, ein Bescheidwisser ohne offensichtliche eigene politische Agenda. Gleichwohl nennen ihn fast alle Gesprächspartner, die man für dieses Porträt trifft, einen der mächtigsten Männer Deutschlands.

In Athen wird der Hauptgang serviert, gegrillter Fisch. Auch davon nimmt Asmussen nur wenig. Die Griechen reden weiter, die Steuern seien zu hoch, die Sparmaßnahmen zu hart, mehr gehe nicht. Die einzige Frau, eine Parlamentarierin, sagt: "Wir brauchen etwas Luft." Sie meint ihr Land. Es klingt wie ein Hilferuf. Alle am Tisch beziehen sich auf Asmussen. Es ist, als rückten sie immer näher an ihn heran. Er sieht unverändert aus, schwitzt nicht, regt sich nicht auf, hört nur zu. Im Zuhören ist er fantastisch. Er scheint nur etwas tiefer in seinen Stuhl gesunken zu sein. Frau Heyne am anderen Ende des Tisches macht sich Sorgen um ihren Chef, ob sie ihn retten müsse. Es ist ihre erste Reise mit ihm, sie weiß noch nicht, wie er tickt. Unter dem Tisch behält sie mit dem Blackberry den Überblick über seine Nachrichten. Während er isst und zuhört, gehen 100 Mails ein. In zwei Stunden. Für Athen hat Asmussen 24 Stunden Zeit.

Am Mittag ist er gelandet, hat im VIP-Bereich des Flughafens seine Jeans ausgezogen und seinen Anzug wie einen Panzer angelegt. In einer Wagenkolonne ist er durch die leeren Straßen Athens gerast. Normalerweise reist er ohne Personenschutz, aber Griechenland gilt für seine Sicherheitsleute als "Risiko-Location". Die Deutschen und die Troika sind derzeit nicht sehr beliebt. Eine erste Station ist das Finanzministerium. Es sieht aus, als habe Griechenland dort bereits alles eingespart, was möglich ist: Trinkwasser gibt es nur in der Mitarbeiterküche, Seife auf den Toiletten fehlt, und auch an Möbeln scheint nur noch das Nötigste vorhanden zu sein. Der Finanzminister beruft eilig eine Pressekonferenz ein. Asmussen stellt sich neben ihn, er weiß, der Minister muss etwas nach außen melden. Irgendwas Positives. Asmussen redet frei, seine linke Hand steckt in der Hosentasche, die rechte schnellt immer wieder hervor, sticht durch die Luft. Zack, zack, zack. So redet er immer – egal, ob in Schwerin, in Hessen oder in Athen, egal, vor welchem Publikum. Es ist die Haltung eines Mannes, der sich um sein Auftreten nicht sorgen muss, der weiß, dass man ihm zuhören wird. Seine Lässigkeit hebt ihn hervor. In der Welt der Finanznerds erscheint Asmussen immer doppelt so locker, doppelt so unkompliziert. Im Grau schillert er umso stärker. Asmussen sagt, er habe Riesenrespekt vor dem, was Griechenland geleistet habe, aber der Reformprozess müsse weitergehen. Er klingt verständnisvoll. Am Ende bleibt: Es reicht noch nicht.

Auf dem Weg hinaus umarmt Asmussen einen Bekannten. Asmussen trifft andauernd Bekannte. Auf internationalen Konferenzen ist er stets derjenige, der schon zum Frühstück verabredet, fortwährend im Gespräch vertieft ist, der auch die Teilnehmer aus den afrikanischen Ländern kennt. Er webt Netzwerke, die ihn wie ein Kokon umschließen. Sie schützen, sie tragen ihn. Er weiß meistens, was in Paris, Washington oder London gerade geplant ist. Auf diese Weise wurde er auch für seine früheren Minister unverzichtbar. Fünf verschiedenen Finanzministern hat er gedient: Waigel, Lafontaine, Eichel, Steinbrück, Schäuble. Informationen machen mächtig. Wenn man sich mit Asmussen über Menschen unterhält, sagt er gern: "Den kenne ich schon ewig." Das trifft auf seinen Chef Mario Draghi ebenso zu wie auf den ehemaligen US-Finanzminister Tim Geithner und den Direktor der National Bank of Greece. Jemanden lange zu kennen ist ein Wert für Asmussen. Es heißt, er weiß, mit wem er es tun hat. Es heißt, es drohen keine Überraschungen. Asmussen behält gern die Kontrolle. Kommunikation ist dabei sein Mittel, sein Werkzeug. Im Studium hat er sich mit der Spieltheorie beschäftigt: Wie bestimmt mein Verhalten das Verhalten anderer. Wie beeinflussen sich Beteiligte in Entscheidungssituationen gegenseitig.

Beim griechischen Premierminister verschwindet Asmussen sogleich in dessen Empfangssaal. Der Amtssitz liegt mitten in Athen, kein Geräusch dringt ins Innere. Draußen sind 65 Prozent der Jugend arbeitslos, die Fotografin dieser Geschichte hat seit zwei Jahren keinen Auftrag mehr aus ihrer Heimat bekommen. Die Sparvorgaben der Troika sind brutal, das Land muss in drei Jahren Reformen umsetzen, für die man normalerweise zehn Jahre brauchte. "Griechenland war faktisch zahlungsunfähig. Da gab es wenig Alternativen", hat Asmussen vor der Reise gesagt. Als er nach einer Stunde wieder erscheint, sagt er nichts. Er kommuniziert auch durch Stille. Wenn er schweigt, ist es wichtig. Er schweigt zum Thema Macht, zu seiner Zukunft in der Politik und zu seinem Verhältnis zur Kanzlerin. Dann presst er den Mund schmal, schiebt den Kopf ein Stück nach vorn, schaut weg. Es heißt, Merkel habe sich dafür eingesetzt, dass er auch unter Schäuble Staatssekretär blieb, obwohl er in der SPD ist. Sie schreiben sich weiter häufig SMS. Er sagt: "Sie kennt sich gut aus in den Details." Asmussen ist einer der Männer, die sie ihr erklären.

Wenn man Asmussen fragt, ob ihm sein Beruf Spaß mache, blickt er einen an, als sei man nicht bei Sinnen

In den Krisenmonaten nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers 2008 bildete Asmussen gemeinsam mit dem damaligen Bundesbankchef Axel Weber und dem damaligen Leiter der Finanzabteilung im Kanzleramt, Jens Weidmann, eine Art Ersatzregierung. Auch die beiden kennt Asmussen lange. Weber war sein Professor, Weidmann sein Kommilitone an der Universität in Bonn. Sie bemühten sich, eine "Kernschmelze" des Finanzsystems, wie Asmussen es nennt, zu verhindern. Als die Politik den Überblick verliert, übernehmen die Beamten, die Bescheidwisser die Macht.

Lachen mit zugepresstem Mund

Asmussen und Weidmann sind Pragmatiker, die Probleme wie Ingenieure lösen: probieren, sezieren, analysieren. Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, wofür sie stehen. Von außen betrachtet, wirkt es, als könnten sie fast in jeder Partei sein. Sie sind ein wenig wie Angela Merkel selbst. Antwort auf eine komplexer gewordene Welt, in der Zahlen Karriere machen und diejenigen, die sie lesen können, immer mächtiger werden. Ein Phänomen, das der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch in seinem Buch Postdemokratie beschreibt. Darin skizziert er eine Gesellschaft, die von PR-Teams und Experten kontrolliert wird. Eine Gesellschaft, aus der sich die Bevölkerung in die Gleichgültigkeit verabschiedet hat. So gesehen ist Asmussen ein Postdemokrat.

Asmussen hat Postdemokratie von Otto Fricke, dem parlamentarischen Geschäftsführer der FDP, geschenkt bekommen. Fricke sitzt in seinem Berliner Büro mit Blick auf den Reichstag und macht sich Sorgen um den Machtverlust der Abgeordneten. Auch er kennt Asmussen seit Jahren. Fricke ist Teil des Netzwerks. Bis 2009 war er Vorsitzender des Haushaltsausschusses, Asmussen arbeitete damals im Finanzministerium. Asmussen ist für Fricke immer erreichbar. Manchmal treffen sie sich auch privat. Wenn man ihn fragt, wie er zu Asmussen stehe, ob er mit ihm befreundet sei, muss er nachdenken. "Freundschaftlich verbunden", sagt er schließlich.

Asmussen hat das Buch von Crouch gelesen. "Hochinteressant, ich teile aber nicht alles", sagt er. Das ist einer seiner liebsten Sätze. Er legt sich nicht fest, stimmt nicht zu, lehnt aber auch nicht ab. Als könne man über den Inhalt verhandeln. Er hat Postdemokratie an Wolfgang Schäuble weitergegeben, der habe gefragt, warum Asmussen ihm ein sozialdemokratisches Buch schenke. Asmussen lacht. Dabei hält er den Mund geschlossen, zieht Luft durch die Nase ein, als dürfe seinen Lippen kein Laut entweichen. Asmussen redet gern, in der Öffentlichkeit muss er sich stets beherrschen. Seine Mimik spiegelt den Zwiespalt wider: Lachen mit zugepresstem Mund. Er hat eine Position, in der ein falscher Nebensatz Milliarden bedeuten, Kurse ins Wanken bringen kann.

Wie am Morgen des 9. Juli dieses Jahres in London. Asmussen gibt der Nachrichtenagentur Reuters ein Fernsehinterview. Wenige Tage zuvor hat Notenbankpräsident Mario Draghi versprochen, die Zinsen für längere Zeit nicht mehr zu erhöhen. Der Moderator fragt, was darunter zu verstehen sei. Draghi habe sich doch deutlich ausgedrückt, sagt Asmussen, es gehe nicht um sechs Monate, auch nicht um zwölf Monate, sondern um mehr. Asmussen hat den Satz kaum beendet, da bricht an den Finanzmärkten Hektik aus, der Euro stürzt ab. Noch am selben Tag veröffentlicht die EZB eine Erklärung, in der es heißt, Asmussen habe es nicht so gemeint. Tatsächlich hatte Draghi nur gesagt, es gehe weder um sechs noch um zwölf Monate. Sonst nichts. Asmussens kleine Unachtsamkeit hat den Eindruck erweckt, die zweitwichtigste Zentralbank der Welt habe innerhalb weniger Tage ihren Kurs korrigiert.

Dieses Interview treibt Asmussen noch immer um. "Es war mein Fehler", sagt er. "Nur drei falsche Wörter, dennoch mein Fehler." Er hätte nicht passieren dürfen. Er hat ihn sich nicht verziehen. Fehler sind im System Asmussen nicht vorgesehen. Asmussen funktioniert immer – egal, ob seine Frau gerade ein Kind bekommt, wie in der Nacht der Bankenrettung 2008, egal, ob er kaum geschlafen hat, weil seine Tochter ihn mehrmals in der Nacht geweckt hat. In Krisenzeiten arbeitet er 18 Stunden am Tag. Er ist der ideale Mitarbeiter, Traum eines jeden Vorgesetzten. Einer seiner Kritiker, Gerhard Schick, der finanzpolitische Sprecher der Grünen, der ihn inhaltlich scharf angreift, ihm vorwirft, die Finanzkrise nicht vorhergesehen zu haben, der bei der Rettung der Hypo Real Estate sogar seinen Rücktritt als Staatssekretär forderte, sagt am Ende des Gesprächs: Er würde Asmussen sofort einstellen.

Wenn man Asmussen fragt, ob ihm sein Beruf Spaß mache, blickt er einen an, als sei man nicht bei Sinnen. "Spaß ist privat", sagt er dann. Als er vor Kurzem bei einem Musikfestival in Schleswig-Holstein eine Rede halten soll, was seinen Sonntag ruiniert, ist die Autobahn wegen eines Unfalls gesperrt. Er steckt im Auto fest und kann nichts tun. Mehrmals meldet er sich beim Veranstalter, um sich zu entschuldigen. Es ist kein wichtiger Auftritt, aber er kann eine Zusage nicht einhalten. Asmussen treibt die Pflicht, eine Art protestantischer Härte gegen sich selbst. "Wenn die Institutionen nicht funktionieren, funktioniert die Gesellschaft nicht." Schon seine Eltern waren Beamte, der Vater Feuerwehrmann, die Mutter Lehrerin. Auch sie haben funktioniert.

In Athen stoppt Asmussens Wagen in einer schmalen Gasse. Es stinkt nach Urin. Asmussen drängt sich in einen engen Fahrstuhl, fährt hinauf zum Büro von Imagine the City, einem kleinen Sozialprojekt. Zwei junge Frauen erzählen ihm, wie sie die griechische Zivilgesellschaft wiederbeleben wollen. Asmussen sitzt da und isst Kekse. Es sieht aus, als entspanne er sich. Die Frauen sind klug und haben gute Ideen. Und keiner fragt Asmussen nach einer Lösung. Seit seiner Landung war er beim Präsidenten der griechischen Notenbank, beim Finanzminister, beim Premierminister, nun hier. Danach wird er einer Zeitung ein Interview geben, darauf folgt das Dinner mit den Wirtschafts-Schwergewichten am Abend. Und so geht es am nächsten Tag weiter und am übernächsten. Eigentlich sieht jeder Tag so aus. Asmussen jagt von Termin zu Termin. Wenn er aus dem Wagen steigt, schiebt er Kopf und Hüfte ein wenig nach vorn, als gelte es, demnächst als Erster in ein imaginäres Ziel einzulaufen. Er geht nicht, er rennt. Wer ihm folgen möchte, muss sein Tempo halten. Alle Gespräche für dieses Porträt werden entweder während der Fahrt im Auto oder im Flugzeug geführt. Stillstand bedeutet Zeitverlust. Woher bekommt er noch Anregungen, Ideen, wann hat er Muße, innezuhalten? "Eigentlich denkt man zu wenig strategisch nach. Das ist zeitlich nicht möglich." Was bedeutet das für unsere Gesellschaft, wenn diejenigen, die Länder und Banken retten sollen, kaum einen Gedanken fassen können, ob es sinnvoll und richtig ist, was sie beschließen? Asmussen schwärmt von einem Workshop in Lappland. Das Beste sei gewesen, dass alle Teilnehmer keinen Handyempfang hatten. Endlich schwiegen die Blackberrys.

Ein Treffen in Frankfurt am Main: Asmussen sitzt im 34. Stock. Sein Büro macht ein wenig Angst, nichts liegt herum. Entweder ist er selten da, oder es gibt keine unerledigten Papiere. Auf einer Anrichte stehen Fotos, auf einem ist Merkels Gesicht zu sehen, darunter ein Zitat von ihr: "Alles hängt von der Beratung der Finanzstaatssekretäre ab." Asmussen hat es geschenkt bekommen, es erinnert an seine Zeit im Finanzministerium. Und es erinnert ihn an seine Rolle in der Finanzkrise. In diesem Augenblick muss Asmussen aber schon wieder los. Unten am Fuß des Turms steigt er in den wartenden Wagen. Er fährt nach Buchenau an der Lahn in der hessischen Provinz. Die Firma Roth und der hessische Finanzminister haben ihn eingeladen, eine Rede zu halten. Im Auto scrollt Asmussen die Nachrichten auf seinem Blackberry. Überall Syrien. Wieso hat ein Bescheidwisser wie er die Anzeichen der Finanzkrise nicht gesehen? "Das hat keiner gesehen. Die Deregulierung der Finanzmärkte war damals der Zeitgeist, auch bei Journalisten", sagt er. Es ging um den Finanzstandort Deutschland, der sollte wettbewerbsfähig bleiben. "Viele Dinge wusste man zu der Zeit einfach nicht", schiebt er nach. Hätte er sie wissen können, sie wissen müssen? Die Bank IKB, in deren Aufsichtsrat Asmussen saß, hatte sich in den USA verspekuliert und konnte nur mit Geld des Bundes gerettet werden. Bei diesem Thema wird Asmussen still, er hat keine Lust, darüber zu reden. Das sei schon so lange her. Sechs Jahre. Er sagt, er habe damals nachgefragt, ob die Bank direkt oder indirekt die gefährlichen Wertpapiere aus den USA besitze, die sie in den Untergang führten. Der Vorstandschef habe verneint.

Es gibt einen Aufsatz Verbriefungen aus der Sicht des Finanzministeriums, er ist 2006 in einer Fachzeitschrift erschienen. Asmussen war damals Ministerialdirektor, er steht als Autor darüber. Vier Jahre später erscheint auf der ersten Seite der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über den Aufsatz. Asmussen habe sich darin für eine "weitreichende Liberalisierung der Finanzmärkte" ausgesprochen. Er sei für die Krise mitverantwortlich. Asmussen gilt seither vor allem in linken Kreisen als Agent des Finanzkapitals. Asmussen hat den Aufsatz nicht geschrieben. Er sagt, er habe ihn zuvor noch nicht einmal gelesen. Wie oft in solchen Fällen wurde er von der Fachabteilung im Ministerium verfasst. Das Dokument, das seine wahre Gesinnung offenbaren soll, stammt nicht von ihm. Diese Geschichte ist bezeichnend für Asmussen. Wenn man ihn festlegen will, entgleitet er einem. Egal, wie oft man ihn trifft, wie oft man mit ihm redet, das Bild von ihm bleibt etwas unscharf.

Asmussen hat die Deregulierung vorangetrieben, weil es damals die vorherrschende Meinung war, dass freie Märkte Wohlstand und Wachstum versprechen. Und Asmussen ist keiner, der sich abseits stellt.

Ein Vorfall wie die Pleite von Lehman Brothers war in diesem System aus scheinbaren Gewissheiten nicht vorgesehen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass eine globale Investmentbank über Nacht verschwindet, war gleich null." Danach war die Welt eine andere, sagt er. Es ist eine Zeit, an die er sich nicht gern zurückerinnert. "Man hat Demut gelernt, was man weiß und was nicht." Dann kam die Rettung der Hypo Real Estate. Und wieder gab es Kritik gegen ihn persönlich, er habe als Staatssekretär, als Vertreter des Bundes, zu spät auf Warnhinweise reagiert, er habe seine Sorgfaltspflicht verletzt. Asmussen musste in einem Untersuchungsausschuss auftreten, die Opposition forderte seinen Rücktritt. Es war ein Versagen der gesamten Finanzwelt. Die Bescheidwisser wirkten auf einmal ahnungslos. Zugleich wurden sie als Retter gebraucht. Sie schalteten um. Auch Asmussen. Jetzt setzt er sich für eine strenge Regulierung der Banken ein, jetzt ist er sogar für eine Finanztransaktionssteuer. "Die Deregulierung ist zu weit gegangen", sagt er heute.

Er fährt den Zeigefinger aus: Es muss noch mehr getan werden

In der hessischen Provinz hat Asmussen einen guten Abend. Das Publikum besteht in der Mehrheit aus Herren über fünfzig. Die Linke in der Hosentasche, tänzelt er ums Rednerpult, er lässt sein Wissen spüren. Asmussen findet sich selbst ziemlich gut. Er spricht nicht nur über den Euro (stabil), über Europa (die Integration muss vorangehen), die Krise (schon besser), sondern auch über den Ausbau der Infrastruktur, die Integration von Migranten, Demografie, Bildung, die wachsende Einkommensungleichheit. Irgendwie scheint er über alles Bescheid zu wissen. Und er muss es zeigen. Sein Scharfsinn, seine Lockerheit können auch demütigen. Am Ende sagt er noch, die Vollendung der Wirtschafts- und Währungsunion Europas müsse als Ziel benannt werden. Schnell fügt er hinzu: "Das ist nicht die Aufgabe von Notenbankern, sondern der Politik." Er hat eine politische Rede gehalten, als bewerbe er sich um ein Amt. Beim Empfang danach sagt eine Zuhörerin: "Wenn er Politiker werden will, muss er an seiner Körpersprache arbeiten. Er wirkt arrogant."

Warum tut Asmussen sich das an? Warum harrt er bis in die Nacht in einem Provinznest aus, auch nach Athen hätte er nicht unbedingt reisen müssen. "Wir müssen rausgehen und erklären, was wir machen", sagt er. In Deutschland hat die EZB, hat Europa momentan keinen guten Ruf. Asmussen ist in Flensburg aufgewachsen, die Grenze zu Dänemark war nah. Er spricht Dänisch, Französisch, Englisch, Italienisch. Für ihn ist Europa, ist der Euro selbstverständlich. Deshalb bekommt er inzwischen auch Drohungen von Rechtsextremen. Asmussen scheint stets zwischen allen Lagern zu stehen: Den Linken ist er zu rechts, den Rechten zu links. Den Politikern zu unpolitisch, den Bankern zu politisch. Er steht damit für viele in seiner Generation. Polyglott und postideologisch. Eine Generation, deren Überzeugungen und Absichten stets ein wenig unscharf bleiben, weil sie keine absoluten Gewissheiten in sich trägt. Es geht nicht mehr um ideologische Kämpfe, um Visionen, es geht nur darum, ob etwas funktioniert.

Während seiner Athenreise trifft Asmussen auch den Vizepremierminister. Sie reden über die sich abzeichnende griechische Haushaltslücke. Nach dem Gespräch flüchtet Asmussen fast aus dem Amtssitz. Er ist fassungslos. Der Vizepremierminister hat ihn gefragt, ob man nicht die Zahlen verändern könne, sodass die Lücke kleiner wird oder verschwindet. Reorganise the figures. Für Asmussen charakterisieren diese Worte das "alte Griechenland". Und für überholte, ineffiziente Systeme hat er grundsätzlich kein Verständnis.

Da kann Jörg Asmussen gnadenlos werden. Beim Abendessen in Athen dauert es bis zum vierten Gang, dem süßen Kuchen, dann schlägt er zu. Es geht auf Mitternacht zu, und er hat den ganzen Abend stillgehalten, zugehört. Die griechischen Banker und Unternehmer erwarten nun, dass Asmussen spricht. Sein Rücken strafft sich, seine Rechte schnellt hervor. Er sehe, dass vieles geschafft worden sei, aber, er fährt den Zeigefinger aus, es müsse noch mehr getan werden. Asmussen redet eine Viertelstunde. Er stänkert. Danach ist Stille. Ende. Aus.

Am Ausgang verabschiedet der Direktor der National Bank noch die Gäste. Er deutet auf die andere Seite der Bucht, auf die Lichter eines Ferienresorts. Es gehört seiner Bank, und es steht nun zum Verkauf. Das hört Asmussen schon nicht mehr, er ist weitergelaufen.