Asmussen und Weidmann sind Pragmatiker, die Probleme wie Ingenieure lösen: probieren, sezieren, analysieren. Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, wofür sie stehen. Von außen betrachtet, wirkt es, als könnten sie fast in jeder Partei sein. Sie sind ein wenig wie Angela Merkel selbst. Antwort auf eine komplexer gewordene Welt, in der Zahlen Karriere machen und diejenigen, die sie lesen können, immer mächtiger werden. Ein Phänomen, das der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch in seinem Buch Postdemokratie beschreibt. Darin skizziert er eine Gesellschaft, die von PR-Teams und Experten kontrolliert wird. Eine Gesellschaft, aus der sich die Bevölkerung in die Gleichgültigkeit verabschiedet hat. So gesehen ist Asmussen ein Postdemokrat.

Asmussen hat Postdemokratie von Otto Fricke, dem parlamentarischen Geschäftsführer der FDP, geschenkt bekommen. Fricke sitzt in seinem Berliner Büro mit Blick auf den Reichstag und macht sich Sorgen um den Machtverlust der Abgeordneten. Auch er kennt Asmussen seit Jahren. Fricke ist Teil des Netzwerks. Bis 2009 war er Vorsitzender des Haushaltsausschusses, Asmussen arbeitete damals im Finanzministerium. Asmussen ist für Fricke immer erreichbar. Manchmal treffen sie sich auch privat. Wenn man ihn fragt, wie er zu Asmussen stehe, ob er mit ihm befreundet sei, muss er nachdenken. "Freundschaftlich verbunden", sagt er schließlich.

Asmussen hat das Buch von Crouch gelesen. "Hochinteressant, ich teile aber nicht alles", sagt er. Das ist einer seiner liebsten Sätze. Er legt sich nicht fest, stimmt nicht zu, lehnt aber auch nicht ab. Als könne man über den Inhalt verhandeln. Er hat Postdemokratie an Wolfgang Schäuble weitergegeben, der habe gefragt, warum Asmussen ihm ein sozialdemokratisches Buch schenke. Asmussen lacht. Dabei hält er den Mund geschlossen, zieht Luft durch die Nase ein, als dürfe seinen Lippen kein Laut entweichen. Asmussen redet gern, in der Öffentlichkeit muss er sich stets beherrschen. Seine Mimik spiegelt den Zwiespalt wider: Lachen mit zugepresstem Mund. Er hat eine Position, in der ein falscher Nebensatz Milliarden bedeuten, Kurse ins Wanken bringen kann.

Wie am Morgen des 9. Juli dieses Jahres in London. Asmussen gibt der Nachrichtenagentur Reuters ein Fernsehinterview. Wenige Tage zuvor hat Notenbankpräsident Mario Draghi versprochen, die Zinsen für längere Zeit nicht mehr zu erhöhen. Der Moderator fragt, was darunter zu verstehen sei. Draghi habe sich doch deutlich ausgedrückt, sagt Asmussen, es gehe nicht um sechs Monate, auch nicht um zwölf Monate, sondern um mehr. Asmussen hat den Satz kaum beendet, da bricht an den Finanzmärkten Hektik aus, der Euro stürzt ab. Noch am selben Tag veröffentlicht die EZB eine Erklärung, in der es heißt, Asmussen habe es nicht so gemeint. Tatsächlich hatte Draghi nur gesagt, es gehe weder um sechs noch um zwölf Monate. Sonst nichts. Asmussens kleine Unachtsamkeit hat den Eindruck erweckt, die zweitwichtigste Zentralbank der Welt habe innerhalb weniger Tage ihren Kurs korrigiert.

Dieses Interview treibt Asmussen noch immer um. "Es war mein Fehler", sagt er. "Nur drei falsche Wörter, dennoch mein Fehler." Er hätte nicht passieren dürfen. Er hat ihn sich nicht verziehen. Fehler sind im System Asmussen nicht vorgesehen. Asmussen funktioniert immer – egal, ob seine Frau gerade ein Kind bekommt, wie in der Nacht der Bankenrettung 2008, egal, ob er kaum geschlafen hat, weil seine Tochter ihn mehrmals in der Nacht geweckt hat. In Krisenzeiten arbeitet er 18 Stunden am Tag. Er ist der ideale Mitarbeiter, Traum eines jeden Vorgesetzten. Einer seiner Kritiker, Gerhard Schick, der finanzpolitische Sprecher der Grünen, der ihn inhaltlich scharf angreift, ihm vorwirft, die Finanzkrise nicht vorhergesehen zu haben, der bei der Rettung der Hypo Real Estate sogar seinen Rücktritt als Staatssekretär forderte, sagt am Ende des Gesprächs: Er würde Asmussen sofort einstellen.

Wenn man Asmussen fragt, ob ihm sein Beruf Spaß mache, blickt er einen an, als sei man nicht bei Sinnen. "Spaß ist privat", sagt er dann. Als er vor Kurzem bei einem Musikfestival in Schleswig-Holstein eine Rede halten soll, was seinen Sonntag ruiniert, ist die Autobahn wegen eines Unfalls gesperrt. Er steckt im Auto fest und kann nichts tun. Mehrmals meldet er sich beim Veranstalter, um sich zu entschuldigen. Es ist kein wichtiger Auftritt, aber er kann eine Zusage nicht einhalten. Asmussen treibt die Pflicht, eine Art protestantischer Härte gegen sich selbst. "Wenn die Institutionen nicht funktionieren, funktioniert die Gesellschaft nicht." Schon seine Eltern waren Beamte, der Vater Feuerwehrmann, die Mutter Lehrerin. Auch sie haben funktioniert.

In Athen stoppt Asmussens Wagen in einer schmalen Gasse. Es stinkt nach Urin. Asmussen drängt sich in einen engen Fahrstuhl, fährt hinauf zum Büro von Imagine the City, einem kleinen Sozialprojekt. Zwei junge Frauen erzählen ihm, wie sie die griechische Zivilgesellschaft wiederbeleben wollen. Asmussen sitzt da und isst Kekse. Es sieht aus, als entspanne er sich. Die Frauen sind klug und haben gute Ideen. Und keiner fragt Asmussen nach einer Lösung. Seit seiner Landung war er beim Präsidenten der griechischen Notenbank, beim Finanzminister, beim Premierminister, nun hier. Danach wird er einer Zeitung ein Interview geben, darauf folgt das Dinner mit den Wirtschafts-Schwergewichten am Abend. Und so geht es am nächsten Tag weiter und am übernächsten. Eigentlich sieht jeder Tag so aus. Asmussen jagt von Termin zu Termin. Wenn er aus dem Wagen steigt, schiebt er Kopf und Hüfte ein wenig nach vorn, als gelte es, demnächst als Erster in ein imaginäres Ziel einzulaufen. Er geht nicht, er rennt. Wer ihm folgen möchte, muss sein Tempo halten. Alle Gespräche für dieses Porträt werden entweder während der Fahrt im Auto oder im Flugzeug geführt. Stillstand bedeutet Zeitverlust. Woher bekommt er noch Anregungen, Ideen, wann hat er Muße, innezuhalten? "Eigentlich denkt man zu wenig strategisch nach. Das ist zeitlich nicht möglich." Was bedeutet das für unsere Gesellschaft, wenn diejenigen, die Länder und Banken retten sollen, kaum einen Gedanken fassen können, ob es sinnvoll und richtig ist, was sie beschließen? Asmussen schwärmt von einem Workshop in Lappland. Das Beste sei gewesen, dass alle Teilnehmer keinen Handyempfang hatten. Endlich schwiegen die Blackberrys.

Ein Treffen in Frankfurt am Main: Asmussen sitzt im 34. Stock. Sein Büro macht ein wenig Angst, nichts liegt herum. Entweder ist er selten da, oder es gibt keine unerledigten Papiere. Auf einer Anrichte stehen Fotos, auf einem ist Merkels Gesicht zu sehen, darunter ein Zitat von ihr: "Alles hängt von der Beratung der Finanzstaatssekretäre ab." Asmussen hat es geschenkt bekommen, es erinnert an seine Zeit im Finanzministerium. Und es erinnert ihn an seine Rolle in der Finanzkrise. In diesem Augenblick muss Asmussen aber schon wieder los. Unten am Fuß des Turms steigt er in den wartenden Wagen. Er fährt nach Buchenau an der Lahn in der hessischen Provinz. Die Firma Roth und der hessische Finanzminister haben ihn eingeladen, eine Rede zu halten. Im Auto scrollt Asmussen die Nachrichten auf seinem Blackberry. Überall Syrien. Wieso hat ein Bescheidwisser wie er die Anzeichen der Finanzkrise nicht gesehen? "Das hat keiner gesehen. Die Deregulierung der Finanzmärkte war damals der Zeitgeist, auch bei Journalisten", sagt er. Es ging um den Finanzstandort Deutschland, der sollte wettbewerbsfähig bleiben. "Viele Dinge wusste man zu der Zeit einfach nicht", schiebt er nach. Hätte er sie wissen können, sie wissen müssen? Die Bank IKB, in deren Aufsichtsrat Asmussen saß, hatte sich in den USA verspekuliert und konnte nur mit Geld des Bundes gerettet werden. Bei diesem Thema wird Asmussen still, er hat keine Lust, darüber zu reden. Das sei schon so lange her. Sechs Jahre. Er sagt, er habe damals nachgefragt, ob die Bank direkt oder indirekt die gefährlichen Wertpapiere aus den USA besitze, die sie in den Untergang führten. Der Vorstandschef habe verneint.

Es gibt einen Aufsatz Verbriefungen aus der Sicht des Finanzministeriums, er ist 2006 in einer Fachzeitschrift erschienen. Asmussen war damals Ministerialdirektor, er steht als Autor darüber. Vier Jahre später erscheint auf der ersten Seite der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über den Aufsatz. Asmussen habe sich darin für eine "weitreichende Liberalisierung der Finanzmärkte" ausgesprochen. Er sei für die Krise mitverantwortlich. Asmussen gilt seither vor allem in linken Kreisen als Agent des Finanzkapitals. Asmussen hat den Aufsatz nicht geschrieben. Er sagt, er habe ihn zuvor noch nicht einmal gelesen. Wie oft in solchen Fällen wurde er von der Fachabteilung im Ministerium verfasst. Das Dokument, das seine wahre Gesinnung offenbaren soll, stammt nicht von ihm. Diese Geschichte ist bezeichnend für Asmussen. Wenn man ihn festlegen will, entgleitet er einem. Egal, wie oft man ihn trifft, wie oft man mit ihm redet, das Bild von ihm bleibt etwas unscharf.

Asmussen hat die Deregulierung vorangetrieben, weil es damals die vorherrschende Meinung war, dass freie Märkte Wohlstand und Wachstum versprechen. Und Asmussen ist keiner, der sich abseits stellt.

Ein Vorfall wie die Pleite von Lehman Brothers war in diesem System aus scheinbaren Gewissheiten nicht vorgesehen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass eine globale Investmentbank über Nacht verschwindet, war gleich null." Danach war die Welt eine andere, sagt er. Es ist eine Zeit, an die er sich nicht gern zurückerinnert. "Man hat Demut gelernt, was man weiß und was nicht." Dann kam die Rettung der Hypo Real Estate. Und wieder gab es Kritik gegen ihn persönlich, er habe als Staatssekretär, als Vertreter des Bundes, zu spät auf Warnhinweise reagiert, er habe seine Sorgfaltspflicht verletzt. Asmussen musste in einem Untersuchungsausschuss auftreten, die Opposition forderte seinen Rücktritt. Es war ein Versagen der gesamten Finanzwelt. Die Bescheidwisser wirkten auf einmal ahnungslos. Zugleich wurden sie als Retter gebraucht. Sie schalteten um. Auch Asmussen. Jetzt setzt er sich für eine strenge Regulierung der Banken ein, jetzt ist er sogar für eine Finanztransaktionssteuer. "Die Deregulierung ist zu weit gegangen", sagt er heute.