In der hessischen Provinz hat Asmussen einen guten Abend. Das Publikum besteht in der Mehrheit aus Herren über fünfzig. Die Linke in der Hosentasche, tänzelt er ums Rednerpult, er lässt sein Wissen spüren. Asmussen findet sich selbst ziemlich gut. Er spricht nicht nur über den Euro (stabil), über Europa (die Integration muss vorangehen), die Krise (schon besser), sondern auch über den Ausbau der Infrastruktur, die Integration von Migranten, Demografie, Bildung, die wachsende Einkommensungleichheit. Irgendwie scheint er über alles Bescheid zu wissen. Und er muss es zeigen. Sein Scharfsinn, seine Lockerheit können auch demütigen. Am Ende sagt er noch, die Vollendung der Wirtschafts- und Währungsunion Europas müsse als Ziel benannt werden. Schnell fügt er hinzu: "Das ist nicht die Aufgabe von Notenbankern, sondern der Politik." Er hat eine politische Rede gehalten, als bewerbe er sich um ein Amt. Beim Empfang danach sagt eine Zuhörerin: "Wenn er Politiker werden will, muss er an seiner Körpersprache arbeiten. Er wirkt arrogant."

Warum tut Asmussen sich das an? Warum harrt er bis in die Nacht in einem Provinznest aus, auch nach Athen hätte er nicht unbedingt reisen müssen. "Wir müssen rausgehen und erklären, was wir machen", sagt er. In Deutschland hat die EZB, hat Europa momentan keinen guten Ruf. Asmussen ist in Flensburg aufgewachsen, die Grenze zu Dänemark war nah. Er spricht Dänisch, Französisch, Englisch, Italienisch. Für ihn ist Europa, ist der Euro selbstverständlich. Deshalb bekommt er inzwischen auch Drohungen von Rechtsextremen. Asmussen scheint stets zwischen allen Lagern zu stehen: Den Linken ist er zu rechts, den Rechten zu links. Den Politikern zu unpolitisch, den Bankern zu politisch. Er steht damit für viele in seiner Generation. Polyglott und postideologisch. Eine Generation, deren Überzeugungen und Absichten stets ein wenig unscharf bleiben, weil sie keine absoluten Gewissheiten in sich trägt. Es geht nicht mehr um ideologische Kämpfe, um Visionen, es geht nur darum, ob etwas funktioniert.

Während seiner Athenreise trifft Asmussen auch den Vizepremierminister. Sie reden über die sich abzeichnende griechische Haushaltslücke. Nach dem Gespräch flüchtet Asmussen fast aus dem Amtssitz. Er ist fassungslos. Der Vizepremierminister hat ihn gefragt, ob man nicht die Zahlen verändern könne, sodass die Lücke kleiner wird oder verschwindet. Reorganise the figures. Für Asmussen charakterisieren diese Worte das "alte Griechenland". Und für überholte, ineffiziente Systeme hat er grundsätzlich kein Verständnis.

Da kann Jörg Asmussen gnadenlos werden. Beim Abendessen in Athen dauert es bis zum vierten Gang, dem süßen Kuchen, dann schlägt er zu. Es geht auf Mitternacht zu, und er hat den ganzen Abend stillgehalten, zugehört. Die griechischen Banker und Unternehmer erwarten nun, dass Asmussen spricht. Sein Rücken strafft sich, seine Rechte schnellt hervor. Er sehe, dass vieles geschafft worden sei, aber, er fährt den Zeigefinger aus, es müsse noch mehr getan werden. Asmussen redet eine Viertelstunde. Er stänkert. Danach ist Stille. Ende. Aus.

Am Ausgang verabschiedet der Direktor der National Bank noch die Gäste. Er deutet auf die andere Seite der Bucht, auf die Lichter eines Ferienresorts. Es gehört seiner Bank, und es steht nun zum Verkauf. Das hört Asmussen schon nicht mehr, er ist weitergelaufen.