Wer an Heimerziehung denkt, denkt dieser Tage an Carlos, den schwierigsten Jugendlichen der Schweiz. Zwanzig Mal hat man ihn in den letzten sechs Jahren in eine Institution eingewiesen – und ebenso oft wieder rausgeschmissen. Was aber sagt sein Fall über das Schweizer Heimwesen? Taugt es tatsächlich nichts, wie nun gerne behauptet wird?

Nein, sagt eine noch unveröffentlichte empirische Studie, die der ZEIT vorliegt. Sie untersuchte, wie es den Kindern und Jugendlichen geht, die in Schweizer Heimen leben. Wer sie sind und ob die Heimerziehung fruchtet. 64 Institutionen und fast 600 Kinder und Jugendliche wurden während vier Jahren befragt. Finanziert hat diese größte Heimkinderstudie, die in Europa je erhoben wurde, das Bundesamt für Justiz, umgesetzt wurde sie von den kinder- und jugendpsychiatrischen Universitätskliniken in Basel und Ulm. Ein Viertel der Untersuchten waren Jugendliche wie Carlos, gegen die eine strafrechtliche Maßnahme verhängt worden ist.

Früher, da wurde ein Mädchen oder Knabe zum Heimkind, wenn die Eltern starben. Manchmal nur schon, wenn die Eltern sich scheiden ließen. Es waren gesunde, aber vom Schicksal geschlagene Kinder. Wer heute im Heim lebt, ist "erschreckend häufig" traumatisiert und psychiatrisch auffällig, wie die Autorinnen und Autoren schreiben: 80 Prozent der Heimkinder haben einen Elternteil verloren, erlitten Gewalt, wurden vernachlässigt oder sexuell ausgebeutet. Drei von vier leiden an Störungen des Sozialverhaltens, an Depressionen, Schizophrenien, Persönlichkeits- und Aufmerksamkeitsstörungen, an Sucht- und anderen psychischen Krankheiten. Und drei von vier Heimkindern sind schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Egal ob sie freiwillig platziert wurden oder nicht. Zumeist wegen Diebstählen, Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz oder Sachbeschädigungen. Klaus Schmeck und Marc Schmid, zwei der Autoren, sagen: "Es war erschreckend zu sehen, welchen Risikofaktoren die heutigen Heimkinder ausgesetzt waren und wie viel menschliches Leid ihr Leben seit jeher begleitet."

Typische Heimkinder, das sind heute Menschen wie Jan (Name geändert). Sein Leben begann, wie kein Leben beginnen sollte: mit einem Drogenentzug. Als Kind einer heroinsüchtigen Mutter geboren, verbringt er die ersten Wochen im Spital, um seinen Körper zu entgiften. Sein Vater: unbekannt. Seine Mutter: psychisch krank und selber auf Hilfe angewiesen. Jan wird in eine Pflegefamilie gebracht, bald in die zweite, dritte. Die Geduld und der gute Wille der Pflegeeltern reichen nicht aus, um den Jungen zu halten. Später, in der Schule, hat und macht er Probleme, die umso größer werden, je älter er wird. Jan kann sich nicht länger als 20 Minuten konzentrieren, ist hyperaktiv und extrem auffällig in seinem Sozialverhalten. Bald begeht er die ersten Delikte, die immer gravierender werden. Zuletzt zerstört er Autos. Die Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht sitzt er seither in einem Schulheim irgendwo in der Schweiz ab. Und von nun an geht es aufwärts. Er macht Fortschritte auf dem Weg zu jenem Ziel, das jeder Heimaufenthalt hat: die Kinder und Jugendlichen zu selbstständigen Menschen zu erziehen, die für sich sorgen und in der Gesellschaft bestehen können.

Nur noch die ganz schwierigen Fälle kommen ins Heim

Gut 80 Prozent der Heimkinder erreichen im Laufe eines Jahres die Ziele, die sie sich gemeinsam mit den Betreuerinnen und Betreuern gesetzt haben. Die Studie zeigt auch, dass die psychischen Belastungen der Kinder und Jugendlichen mit jedem Jahr, das sie in einer Einrichtung leben, abnehmen. Dass es ihnen also besser geht.

Aber in den Institutionen leben heute nur noch "die ganz schwierigen Fälle", wie Marc Schmid sagt. Sie treten ins Heim ein, wenn alle anderen Versuche gescheitert sind. Wie im Gesundheitswesen, so gilt auch in der Kinder- und Jugendhilfe die Maxime "ambulant vor stationär". Den Verantwortlichen in den Institutionen ist dies allerdings nicht bewusst, wie die Studie zeigt. So scheitert ein Heimaufenthalt oft, weil psychische Störungen nicht als solche erkannt und Verhaltensprobleme nur pädagogisch, nicht aber auch psychiatrisch angegangen werden.

Was also ist zu tun? Walter Troxler ist Chef des Fachbereiches Straf- und Maßnahmenvollzug beim Bundesamt für Justiz, das die Studie finanziert hat. Er sagt: "Die enorme Belastung dieser Klientel verlangt eine intensivierte Zusammenarbeit der stationären Jugendhilfe mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie." Eine Zusammenarbeit, die vielerorts erst in Ansätzen existiert. Wenn überhaupt.

Doch die Studie macht auch deutlich, dass das System nicht alle Jugendlichen und Kinder halten kann. Dass es Fälle gibt, die jedes Team an seine Grenzen bringen. Auch im Fall Carlos hätte eine konsequente Zusammenarbeit aller Beteiligten kaum geholfen. Die Folge davon sind sogenannte Drehtür-Karrieren. Die ganz Schwierigen werden von Institution zu Institution weitergereicht. Am einen Ort raus, am anderen wieder rein. Dass dabei die Probleme größer statt kleiner und die Prognosen schlechter werden, liegt auf der Hand. In Zahlen ausgedrückt, heißt dies: 16 Prozent der untersuchten Jugendlichen und Kinder brachen ihren Heimaufenthalt ab. Im internationalen Vergleich ist das eine sehr niedrige Quote – in Deutschland ist es fast ein Drittel. Viele von ihnen seien Jugendliche, die als kaltherzig, manipulativ, arrogant und unemotional erlebt würden, schreiben die Autoren. Weit häufiger als alle anderen bringen sie die Betreuungsteams an ihre Grenzen. Besonders dann, wenn sie bereits einen oder mehrere Heimaufenthalte abgebrochen haben. "Hier finden wir gehäuft schlechte Verläufe", sagt Schmeck.

Mit den schweren Fällen, das zeigt die Studie, sind die Schweizer Heime überfordert.

Für Walter Troxler vom Bundesamt für Justiz braucht es darum "spezifische Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit schwerwiegenden psychischen Störungen". Er begrüßt die Bemühungen im Kanton Zürich, in dem eine Projektgruppe den Aufbau einer spezialisierten kinder- und jugendforensischen Einrichtung prüft. Ein Vorreiter ist der Kanton Basel. Dort gibt es seit knapp zwei Jahren eine Jugendforensik an der Psychiatrischen Universitätsklinik. Ein Platz kostet 1.450 Franken pro Tag, also 43.500 Franken pro Monat. Das ist weit mehr als die 29.200 Franken, die das viel diskutierte "Sondersetting" von Carlos gekostet hatte, das den Anstoß zu einer ganzen Debatte gegeben hatte.