Diesesmal wird es ohne Bi Kidude gehen müssen, die Ahnherrin des Festivals. Schon als sie im vergangenen Jahr auf die Bühne kam, wirkte sie arg wacklig: Mit über hundert Jahren auf dem Buckel ist man eben nicht mehr ganz so beweglich. Als sie nun im April starb, priesen die Nachrufe noch einmal ihr biblisches Alter, doch zum einen kennt man es nicht so genau – nicht einmal sie selbst wusste genau, wann sie geboren wurde –, und zum anderen sind Zahlen in diesem Fall zweitrangig. Viel bedeutsamer war, dass unter den Falten der Jahrzehnte noch immer dieses Jungmädchengesicht hervorschaute, das sie so unverwechselbar machte.

Zur Zeit ihrer Geburt war auf Sansibar die Epoche der Sultane gerade erst abgelaufen. Als ihr Ruhm als Sängerin erblühte, wurden auf der Insel vor der Küste Ostafrikas die letzten Sklaven verkauft. Bi Kidude, die "Königin des Taarab", steht für ein Jahrhundert wechselvoller Geschichte. Für europäische Vormachtbestrebungen, innerafrikanische Bruderzwiste, eine Revolution, die die Unabhängigkeit brachte, aber erst einmal in den wirtschaftlichen Niedergang führte. Das alles hat sie nicht nur erfahren und überlebt, sie hat sich bis zuletzt einen Stolz bewahrt, der ihr im Lauf der Zeit zur Statur wurde. Wie sehr das Land solche Frauen braucht, weiß niemand besser als die Macher des großen Musikfestivals Sauti za Busara.

Schlechte Nachrichten kommen genug aus der Region. Heute schaut man auf Sansibar zurück, indem man nach vorn blickt. Positives Denken ist gefragt im modernen Afrika, da passt es, dass Sauti za Busara so viel wie "Stimmen der Weisheit" bedeutet. Alljährlich findet der Direktor des Musikfestivals, ein smarter, studierter Mann namens Yusuf Mahmoud, warme Worte zum Thema Freundschaft und Respekt. Mahmoud ist ein Meister des Grußworts, in seinen Ansprachen hebt er den panafrikanischen Gedanken hervor, aber auch die Botschaft der Völkerverständigung. Damit auch wirklich alle es verstehen, vergleicht er den Erdball gern mit einem Haus: Es hat verschiedene Zimmer, wir können von einem zum anderen gehen, doch um gemeinsam darin zu wohnen, muss Harmonie herrschen. Was daran urafrikanisch ist und was westliches Marketingsprech, bleibt genauso offen wie die Frage, ob es sich bei Sauti za Busara um "the friendliest festival on the planet" handelt.

Sicher ist: Von einer Reise nach Sansibar profitieren viele. Man muss sich nur auf eine Bank in den Forodhani Gardens, Sansibars zentraler Flaniermeile, setzen, um sie einströmen zu sehen, die Musiker, die fliegenden Händler, die altgedienten Abenteuertraveller, die afrophilen Norwegerinnen in bunt bedruckten Pluderhosen. Jeden Februar erwacht die Hauptstadt Stone Town zu einem Leben, von dem sie den Rest des Jahres über nur träumen kann. Künstler holen ihre schönste Folklore hervor, Gastronomie und Taxigewerbe machen den Umsatz der Saison: Als strukturbildende Maßnahme ist Sauti za Busara eine afrikanische Erfolgsgeschichte, die sich ausnahmsweise sogar in Zahlen ausdrücken lässt.

Es heißt, der Tourismus habe in den zehn Jahren des Bestehens von Sauti za Busara um sagenhafte 500 Prozent zugelegt. Da fällt sogar etwas für die vom Festland angereisten Massai ab, die mit einer Marlboro im Mundwinkel an der Ecke stehen und sich für ein Trinkgeld fotografieren lassen.

Der Festivalgast indes durchstreift tagsüber die historischen Gässchen Stone Towns, streckt am Nachmittag seine Füße in den Sand der diversen Strandbars und genießt bei einem Bier der Marke Kilimanjaroif you can’t climb it, drink it! – den Sonnenuntergang, bevor er ins alte Fort hinüberschlendert. Drinnen erwartet ihn ein entspanntes Treiben, wie er es von europäischen Festivals kennt, mit dem Unterschied, dass das Gedränge sich erfreulicherweise in Grenzen hält und das Wetter den mitteleuropäischen Winter vergessen macht. Die atemberaubende Kolonialkulisse – Stone Town ist seit 2000 Unesco-Weltkulturerbe – tut ein Übriges: Es ist ein Afro-Woodstock, das an drei Tagen seinen Lauf nimmt, wobei "Afro" auf Sansibar vieles bedeuten kann.