Zyperns Rettung hängt von den Handgriffen der Arbeiter im Hafen von Limassol ab. Sie tragen orangefarbene Uniformen und hantieren an einer schlammverschmierten Maschine. Nur ein paar Stunden haben die Männer, um das fast hüfthohe, kreisrunde Bohrgerät aus Stahl auseinanderzunehmen, alle Teile einzeln zu reinigen, zu prüfen und zu reparieren und die Maschine neu zusammengeschraubt wieder auf das Schiff zu befördern. Keinen Fehler dürfen sie sich erlauben. Denn sonst versagt der Bohrantrieb draußen auf hoher See, und dann steht still, wovon so viel abhängt: die Erkundung eines riesigen Gasfeldes 1700 Meter unter dem Meeresspiegel, das den Namen Aphrodite trägt.

Im Frühjahr war die Republik Zypern beinahe pleite. Der Staat musste seine größten Banken vor dem Bankrott retten. Seitdem ist er überschuldet und kämpft ums wirtschaftliche Überleben. Die EU und der Internationale Währungsfonds (IWF) haben zwar ein 10 Milliarden Euro schweres Hilfsprogramm aufgelegt. Dennoch erwartet der IWF, dass die Wirtschaftsleistung des Landes bis Ende kommenden Jahres um 13 Prozent einbrechen wird. Das Gas aus dem Aphrodite-Feld – 150, 200 oder gar 300 Milliarden Kubikmeter sollen dort lagern – könnte nun die Rettung sein für die Republik Zypern, die nicht nur unter ihren Banken leidet, sondern auch unter den Sparauflagen, die mit der EU- und der IWF-Hilfe verbunden sind und die viele Zyprer hart treffen.

Der Staat hat Renten und Gehälter gekürzt, Sondersteuern eingeführt, die zweitgrößte Bank geschlossen, und wer mehr als 100.000 Euro auf dem Konto hatte, dem hat er die Hälfte davon weggenommen. Die Spuren dieses Sanierungskurses sind allerorten zu beobachten. Enoikiazetai – "zu vermieten" – steht auf vielen Schaufensterscheiben in der Hauptstadt Nikosia. 17 Prozent der Bürger sind arbeitslos, dreimal so viele wie 2011. Bankautomaten spucken für Privatkunden nur noch 300 Euro aus, so groß ist die Furcht des Staates davor, dass die Bürger ihr Geld außer Landes schaffen.

Zypern will keine türkische Pipeline nutzen, obwohl sich das lohnt

Das Gasfeld vor dem Land, es könnte all diese Probleme lösen, das "Geschenk Gottes", wie Zyperns Kirchenoberhaupt Chrysostomos II. es nennt. Rohstoffexperten schätzen den Wert des Vorkommens auf 30 bis 100 Milliarden Euro. Genug, um die Staatsschulden zu tilgen und neuen Wohlstand zu schaffen.

Auch andere EU-Staaten wie Deutschland würden profitieren, weil sie dann weniger abhängig wären von russischen Lieferungen. "Unser Gas könnte das gesamte künftige Nachfragewachstum in Europa in den nächsten Jahren abdecken", sagt Yiorgos Lakkotrypis, der Energieminister. Zypern stehe vor einer Zukunft als ein "Energie-Drehkreuz" des östlichen Mittelmeers. Sogar einen Staatsfonds für künftige Generationen bereiten Lakkotrypis’ Leute schon vor – nach dem Vorbild von Ölländern wie Kuwait oder Norwegen.

Doch niemand weiß, ob es jemals so weit kommen wird – denn der Plan der griechisch-zyprischen Regierung von Präsident Nikos Anastasiades könnte scheitern. Er könnte scheitern an technischen Problem und an Kosten, vor allem aber an der Feindschaft zwischen dem griechisch-zyprischen Süden und dem türkisch-zyprischen Norden. Diese Feindschaft teilt das Land seit 1974, als die Griechen einen Staatsstreich unterstützten, um Zypern an Griechenland anzuschließen. Türkische Soldaten besetzten daraufhin den Norden.

Anastasiades und sein Kabinett wollen das Vorkommen nun im Alleingang ausbeuten. Das heißt: ohne die türkische Volksgruppe im Norden der Insel, die ebenfalls Anspruch auf Aphrodite erhebt.

"Diese Ressource gehört allen Zyprern, aber die griechischen Politiker wollen den ganzen Reichtum für sich behalten", klagt Mehmet Ali Talât, langjähriger Präsident der Türkischen Republik Nordzypern, die außer der Türkei kein Staat anerkennt. Er weiß die Türkei in dem Konflikt um das Gas auf seiner Seite. Nach der Entdeckung von Aphrodite startete sie ein Manöver in den Gewässern rund um das Feld und schoss sogar mit scharfer Munition.

Selbst wenn der Süden sich durchsetzt bei der Ausbeutung des Feldes, wird der Regierung das nur bedingt helfen. Sie will das Gas angesichts der politischen Umstände nämlich auf keinen Fall per Pipeline durch die Türkei leiten, obwohl die Türkei nur 70 Kilometer entfernt liegt.

Stattdessen plant die Regierung eine riesige Gasverflüssigungsanlage und den Abtransport per Schiff. Zwischen 9 und 11 Milliarden US-Dollar soll allein die Konstruktion des Terminals kosten, das den Rohstoff auf minus 162 Grad herabkühlt. Um die Kälte zu erzeugen, würde schon ein Achtel des geförderten Erdgases draufgehen. Zudem kostet jeder der 300 Meter langen Supertanker, die das flüssige Gas abtransportieren sollen, rund 200 Millionen Dollar.

Die Dimensionen des Projekts sind gewaltig, erst recht für einen 780 000-Einwohner-Staat. Ökonomisch ist das Vorhaben Unsinn. Mehr als 15 Milliarden Euro – etwa Zyperns gesamte Staatsschuld Ende 2012 – und dazu fünf Jahre Zeit würde die fast bankrotte Republik verlieren, wenn sie das Terminal mitsamt Hafen anstelle der Pipeline in die Türkei baut. So hat es das norwegische Friedensforschungsinstitut Prio errechnet. Schlimmer noch, mit der Anlage sei "unsicher, ob das Erdgasfeld am Ende überhaupt Gewinn abwirft", sagt die Autorin der Studie, die britische Ökonomin Fiona Mullen, zumal ob der vielen Konkurrenten. Die USA verwandeln sich gerade sogar dank ihres Schiefergas-Booms vom Importeur zum Großexporteur.

Auch viele griechische Zyprer zweifeln am Kurs ihrer Regierung – selbst Nationalisten wie Chrysostomos II. "Unser Gas könnte durch die Türkei geliefert werden, wenn das den nationalen und wirtschaftlichen Interessen unseres Volkes dient", sagt der orthodoxe Erzbischof – und ergänzt: "Es ist besser zu lieben als zu hassen." Auch Nikos Rolandis, der 78-Jährige war immerhin lange Zeit Außenminister, macht offen Stimmung für die Pipeline: "Wir müssen endlich den gordischen Knoten durchschlagen. Wenn wir unser Erdgas teilen, wird das die Lösung des Zypernproblems voranbringen."

Doch dieses Problem lässt sich nicht so leicht lösen. Es ist ein tiefer Nationalitätenstreit, Diplomaten beschreiben ihn als frozen conflict.

Was das heißt, wird nirgends so sichtbar wie am Geisterflughafen von Nikosia, der letzten geteilten Hauptstadt der Erde. Gras überwuchert die Start- und Landebahn, Eidechsen huschen über die verkoteten Plastiksitze im menschenleeren Abfertigungsgebäude. Ein Jet von Cyprus Airways rostet auf dem Rollfeld, in der Maschine nisten Vögel.