Im November 1938, zwei Wochen nach der Reichspogromnacht, in der überall im Deutschen Reich Synagogen gebrannt hatten, fuhr der neue französische Botschafter auf den Obersalzberg, zum Ferienwohnsitz des "Führers", um Hitler sein Beglaubigungsschreiben zu überreichen. Er habe erwartet, erinnerte sich Robert Coulondre ein Jahrzehnt später, einen donnernden Jupiter in seiner Burg zu finden. Stattdessen traf er "einen einfachen, sanften, vielleicht schüchternen Mann in seinem Landhaus". Coulondre war verwirrt. "Am Radio habe ich die rauhe, schreiende, drohende, fordernde Stimme des Führers gehört und lerne soeben einen Hitler mit warmer, ruhiger, freundlicher, verständnisvoller Stimme kennen. Welcher ist nun der wahre? Oder sind sie beide wahr?"

Eine seltsame Frage, von heute aus betrachtet. Eigentlich wissen wir es doch bis zum Überdruss, wer dieser Mann war, der ganze Völker ermorden ließ und die Welt in einen Krieg stürzte, dem zig Millionen Menschen zum Opfer fielen. Eigentlich haben wir doch alles über ihn gelesen, in den History-Shows des Fernsehens jeden Hitler-Filmschnipsel gesehen, der noch erhalten ist.

Und doch: Ist die Gestalt, bald siebzig Jahre nach dem Tod im Berliner Bunker, nicht längst nur noch ein monströser Schemen? Bloß noch eine Chiffre des absolut Bösen? Oder aber eine Witzfigur, so wie sie in den Comicfilmchen von Walter Moers dargestellt ist und in Timur Vermes’ Überraschungsbestseller Er ist wieder da?

Ganze Bibliotheken sind über die mörderische Herrschaft des Nationalsozialismus, über Krieg und Holocaust geschrieben worden, doch dahinter ist die Person dieses Adolf Hitler zu einem Stereotyp geronnen und damit zugleich auf merkwürdige Weise verschwunden. Denn Hitler war weder das Böse an sich noch ein grotesker Spuk, wie uns der Künstler Jonathan Meese glauben macht, der den Hitlergruß in einer Performance zitierte. Hitler war weder eine reine Projektionsfigur der enthemmten Masse noch eine Marionette eines durch die Erfahrung des Ersten Weltkriegs brutalisierten Zeitgeistes.

Kann man aber die Katastrophe wirklich verstehen, den großen, in der Geschichte einmaligen Zivilisationsbruch, ohne Hitler selbst zu verstehen? Ohne zu erklären, wie er funktioniert hat: seine Herrschaftstechnik, sein Denken – und vor allem: seine Persönlichkeit?

Das mag schwieriger sein als bei anderen Figuren der Geschichte – allein weil der Diktator fast alle persönlichen Dokumente verschwinden ließ. Schon in den dreißiger Jahren ordnete er an, alles zu sichern, was Auskunft geben konnte über seine Linzer Kindheit und Jugend, seine Wiener und frühen Münchner Jahre, seine Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg. Im April 1945, wenige Tage vor seinem Selbstmord, befahl er, alle persönlichen Papiere, die noch in den Panzerschränken der Reichskanzlei, in der Münchner Wohnung und auf dem Obersalzberg aufbewahrt wurden, unverzüglich zu verbrennen. Es blieben wenige Briefe und andere Selbstzeugnisse sowie zeitgenössische Dokumente, die äußerst widersprüchlich sind.

Hitler ist ein Rätsel, er war es sogar für seine nächsten Gefolgsleute.

Eine "undurchsichtige und sphinxhafte Persönlichkeit" nannte ihn Otto Dietrich, Hitlers Pressechef, in seinen Erinnerungen. Und der Münchner Verlegersohn Ernst Hanfstaengl, der in den zwanziger Jahren zur engsten Entourage des NSDAP-Führers zählte, bekannte rückblickend, ihm sei es niemals gelungen, "einen Schlüssel zu dem Untergründigen im Wesen dieses Menschen zu entdecken".

Hitlers Charakter zu entschlüsseln wie einen Gencode – das bleibt vielleicht eine Unmöglichkeit, so unmöglich wie eine nachgetragene Psychoanalyse oder faschismustheoretisch bewehrte Pathogenese. Möglich aber ist, die erhaltenen Fragmente zu einem Persönlichkeitsbild zusammenzusetzen. Es geht nicht um ein voyeuristisches "Hitler privat", sondern darum, zu verstehen, wie diese Person agierte, funktionierte.

Vor allem: wie Hitler so viele Menschen fanatisieren und als begeisterte Komplizen für seine ungeheuerlichen Verbrechen gewinnen konnte. Denn wäre er wirklich nur der "Irre" gewesen, der fanatische Schreihals, der vulgäre Pöbler und groteske Clown, als der er heute bis zum Überdruss nachgepinselt wird – er wäre früh schon von der Bühne verschwunden wie so viele andere völkische Agitatoren, die sich Anfang der zwanziger Jahre im rechtsradikalen Milieu versammelten.

Auf der Bühne Führer, privat eher unauffällig

Die bisherigen Biografen haben aus der Not eine Tugend gemacht, indem sie von der scheinbaren Unergründbarkeit von Hitlers Wesen auf eine Leere seiner Existenz außerhalb der Politik geschlossen haben. Der Publizist Joachim Fest sprach 1973 in seinem Hitler-Buch vom "menschenleeren Raum um ihn herum" und stellte apodiktisch fest: "Ein Privatleben hatte er nicht." Der englische Historiker Ian Kershaw spitzte diesen Befund noch zu. "Wenn Sie abziehen, was Politik an ihm ist", erklärte er zum Erscheinen des ersten Teils seiner zweibändigen Biografie 1998, "bleibt wenig oder nichts. Er ist in gewisser Weise eine leere Hülse."

Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass selbst diese Leere Teil einer Inszenierung war, mit der Hitler darauf abzielte, seine Lebensumstände zu verschleiern. Er wollte sich als ein Politiker präsentieren, der, mit seiner Rolle als "Führer" ganz identisch, allem privaten Glück, allen menschlichen Bindungen entsagt habe, um sich seiner Mission zum Wohle des deutschen Volkes widmen zu können. Will man nicht dieser Selbststilisierung aufsitzen, muss man hinter den Vorhang schauen, der das öffentliche Bild Hitlers und die ihm zugeschriebene Rolle von der wirklichen Person trennt.

Der brillante Journalist Konrad Heiden, der 1936/37 im Exil die erste große Biografie Hitlers veröffentlichte, beschrieb ihn als "Doppelwesen". Hitler habe, einem Medium gleich, einen zweiten Hitler geschaffen: "Im Ruhezustande liegt dieser gewissermaßen in dem normalen Hitler verkrochen; in den Momenten der Steigerung tritt er hervor und bedeckt ihn mit einer überlebensgroßen Puppenmaske." Ehemalige Weggefährten haben diese eigentümliche Doppelnatur bestätigt.

Wer Hitler zum ersten Mal aus der Nähe sah, der war in der Regel alles andere als beeindruckt. Dem Industriellen Günther Quandt erschien er bei einem Zusammentreffen 1931 als "vollendeter Durchschnitt". Die amerikanische Reporterin Dorothy Thompson, der Hitler im November desselben Jahres in seiner Suite im Berliner Hotel Kaiserhof ein Interview gewährte, erkannte in ihm den "exakten Prototyp des kleinen Mannes". Und auch Lutz Graf Schwerin von Krosigk, nach dem 30. Januar 1933 weiter als Reichsfinanzminister im "Kabinett der nationalen Konzentration" im Amt, fand wenig Einnehmendes: "Seine Züge hatten nichts Harmonisches, aber auch nicht jene Unregelmäßigkeit, die den eigentümlich geprägten Geist bezeugt. Die in die Stirn fallende Haarsträhne und der nur zwei Finger breite Bartstummel gaben ihm einen Zug von Komödiantenhaftem."

Er war also ein eher unauffälliger Mann mit einem seltsamen Bärtchen, doch wenn er auf die Rednertribüne trat, verwandelte er sich in einen Demagogen, wie ihn die deutsche Geschichte noch nicht gekannt hatte.

Hitler, der gern und fälschlich als krakeelender Bierkeller-Agitator karikiert wurde, war nur vermeintlich impulsiv. In seinen Reden ließ er sich kaum einmal zu unbedachten Äußerungen hinreißen. Kühl berechnete er selbst in Momenten scheinbar höchster Ekstase die Wirkung seiner Sätze. "Das war vielleicht die erstaunlichste Gabe dieses geborenen Volksredners: die Mischung von Feuer und Eis", hat Schwerin von Krosigk angemerkt.

Wir kennen aus vielen Fernsehdokumentationen nur die immergleichen Szenen, in denen er herumbrüllt. Tatsächlich aber beginnt er die meisten seiner Reden betont ruhig, fast zögernd, wie in einer Suchbewegung, in der er die Stimmung seines Publikums ertastet. Erst als er sich der Zustimmung sicher ist, lockert sich die Haltung, Tonart und Wortwahl werden aggressiver. Und je deutlicher Beifall und Zurufe signalisieren, dass der Funke übergesprungen ist, desto mehr steigert er Tempo und Lautstärke des Vortrags. Seine scheinbare Erregung überträgt sich zunehmend auf die Zuhörer, bis sich der ganze Saal nach einer letzten wilden Steigerung in einen Zustand rauschhafter Verzückung versetzt sieht. Diese Wirkung aber bleibt völlig unverständlich, wenn man nur die letzten Minuten seiner Reden zusammenschneidet. Von einem "unvergleichlichen Stimmungsbarometer der Massen" sprach Konrad Heiden, einen "Virtuosen auf der Klaviatur der Massenseele" nannte ihn Ernst Hanfstaengl.

Wie kein Zweiter verstand es Hitler in den fieberhaft erregten zwanziger und frühen dreißiger Jahren, zum Ausdruck zu bringen, was seine Zuhörer dachten und fühlten, bediente er ihre Ängste, Sehnsüchte, ihre Vorurteile und Ressentiments. Der amerikanische Journalist Hubert R. Knickerbocker, der Hitler an einem Tag Ende 1931 im Braunen Haus, der Parteizentrale, als einen bescheidenen, höflichen Politiker kennengelernt hatte, war verblüfft, als er ihn am Abend während eines Auftritts im Zirkus Krone erlebte, Münchens größtem Versammlungssaal. "Er war ein Evangelist, der vor einem Meeting spricht", notierte Knickerbocker. "Seine Bekehrten gingen mit ihm, lachten mit ihm, empfanden mit ihm. Mit ihm verhöhnten sie die Franzosen. Mit ihm zischten sie die Republik aus. Die achttausend waren ein Instrument, auf dem Hitler eine Symphonie der nationalen Leidenschaft spielte."

Es waren nicht nur Bekehrte, die der Redner in seinen Bann zu schlagen verstand. Besonders aufschlussreich für seine rhetorische Überwältigungsmacht ist die Versammlung im Bürgerbräukeller am Abend des Putsches vom 8. November 1923. Die meisten Anwesenden, darunter viele prominente Politiker aus Bayern und zahlreiche betuchte Bürger aus München, waren empört über die handstreichartige Besetzung des Saals durch die Nationalsozialisten und brachten dies auch deutlich zum Ausdruck. Doch dann gelang es Hitler, mit einem furiosen Auftritt die Stimmung in der Versammlung umzudrehen. "Es hatte fast etwas von einem Hokuspokus, von einer Zauberei", erinnerte sich ein Augenzeuge, der Münchner Historiker Karl Alexander von Müller.

Rudolf Heß, seit 1925 Privatsekretär des "Führers", hat Hitlers Wirkung auf eine Versammlung von Wirtschaftsführern aus dem Ruhrgebiet geschildert. Das Treffen fand im April 1927 in Essen statt, und die Unternehmer empfingen Hitler mit "eisigem Schweigen". Zwei Stunden später hatte er sie so von sich eingenommen, dass sie in einen Sturm der Begeisterung ausbrachen. "Man hätte meinen können, im Zirkus Krone und nicht unter kaltschnäuzigen Wirtschaftlern zu sein." Sogar ein kühler Beobachter wie André François-Poncet, der Vorgänger Coulondres als französischer Botschafter, der 1935 den Nürnberger Parteitag besuchte, war erstaunt über die "wunderbare Intuition", die Hitler für die Gefühle seines Publikums an den Tag legte: "Für jeden hat er die Worte, den Tonfall gefunden, den er braucht. Abwechselnd bissig, pathetisch, vertraulich und herrisch zog er alle Register."

Hitler, der Redner, ging über in Hitler, den Darsteller seiner selbst. Den Oberlippenbart, heute das internationale Hitler-Signum, hatte er dafür persönlich als Markenzeichen kreiert. Dieser Bart, verkündete er bereits in frühen Münchner Tagen, werde eines Tages Mode machen.

Die Gier nach Wissen und ein gutes Gedächtnis

"In einem unbewachten Augenblick hat er sich selbst einmal den größten Schauspieler Europas genannt", bemerkte Schwerin von Krosigk. Das war eine maßlose Selbstüberhöhung, doch tatsächlich beherrschte Hitler die Kunst, bei großen Auftritten genauso wie im privaten Kreis, in wechselnde Rollen zu schlüpfen.

Im Berliner Salon von Helene Bechstein, der Frau des Klavierfabrikanten, und im Palais des Münchner Kunstverlegerehepaars Hugo und Elsa Bruckmann – seiner frühen Förderer – spielte er, dem Rahmen angemessen, die Rolle des Bürgers in Anzug und Krawatte. Bei Versammlungen und auf Parteitagen erschien er im Braunhemd und gab den Prototyp des Kämpfers, der aus seiner Verachtung genau dieser bürgerlichen Salons keinen Hehl machte.

Im persönlichen Umgang konnte er sich sogar von einer ausgesprochen liebenswürdigen Seite zeigen.

Wollte er jemanden für sich gewinnen, so ließ er einen geradezu betörenden Charme spielen. Selbst im Gespräch mit Menschen, die er zutiefst verabscheute, machte es ihm keine Mühe, aufrichtige Sympathien zu heucheln, zum Beispiel gegenüber den Hohenzollern. Im Oktober 1931 umgarnte er die zweite Frau Wilhelms II., "Kaiserin" Hermine, so geschickt, dass diese ganz aus dem Häuschen geriet vor Begeisterung über den "sympathischen Herrn Hitler". Den Prinzen August Wilhelm sprach der Parteiführer mit "Eure Kaiserliche Hoheit" an. "Auwi", der vierte Sohn des ehemaligen Kaisers, leistete den Nationalsozialisten vor 1933 nützliche Dienste, indem er half, den Adel für die "Bewegung" aufzuschließen. Nach der Machtübernahme brauchte Hitler den besonders geistesschlichten Prinzen nicht mehr und servierte ihn bald ab.

Hitler konnte Tränen vergießen, wenn es ihm nützlich schien

Wie auf Knopfdruck konnte Hitler Tränen hervorpressen, etwa als er im August 1930 die rebellierende Berliner SA in einer wirkungsvollen Inszenierung wieder auf sich verpflichtete. Oder als er am Morgen des 30. Januar 1933, kurz vor seiner Vereidigung als Reichskanzler, auf Theodor Duesterberg, den zweiten Bundesführer des Stahlhelms, zueilte und sich, scheinbar tief bewegt, bei ihm dafür entschuldigte, dass die Parteipresse ihn wegen seiner jüdischen Abstammung angegriffen hatte.

Einen "Meister der Täuschung" hat man Hitler genannt, und ebendiese ungewöhnliche Gabe der Verstellung macht es so schwer, den Mann im Kern seines Wesens zu erfassen.

Als wahrer Schauspieler beherrschte Hitler auch komische Effekte. Gern imitierte er den hastig in seiner bayerischen Mundart sprechenden, sich häufig wiederholenden Max Amann, Chef des nationalsozialistischen Eher-Verlages, in dem auch Mein Kampf erschien. Und selbst vor ausländischen Politikern machten seine mimischen und mimetischen Künste nicht halt. Der Lieblingsarchitekt des "Führers" und spätere Herr über das Sklavenreich der Rüstungsproduktion, Albert Speer, erinnerte sich, wie Hitler nach dem Besuch Mussolinis in Berlin im September 1937 die Posen des Duce parodierte: "das vorgereckte Kinn, die charakteristisch in die Hüfte gestemmte Rechte, den gespreizten Stand. Dazu rief er, unter dem beflissenen Gelächter der Umstehenden, einzelne italienische oder italienisch klingende Wörter wie 'Giovinezza', 'Patria', 'Victoria', 'Makkaroni', 'Bellezza', 'Belcanto' und 'Basta'. Es war sehr komisch."

So flexibel Hitler über sein Rollenrepertoire gebieten konnte, so starr sollte er bis zum Ende an den ideologischen Fixierungen festhalten. Diese hatten sich seit den frühen zwanziger Jahren bei ihm zu einer geschlossenen "Weltanschauung" verfestigt. Dazu gehörten sein fanatischer Antisemitismus und sein – weit über die bloße Revision des Versailler Vertrages hinausgehender – Expansionismus. Wohl konnte er, etwa in den Wahlkämpfen 1932, seine antisemitische Besessenheit aus taktischen Gründen zügeln, doch sein Lebensziel war und blieb, "die Juden" aus Deutschland zu "entfernen", mit welchen Mitteln auch immer. Das Gleiche galt für sein zweites unbeirrbar verfolgtes Projekt: die Eroberung von "Lebensraum im Osten". Das hieß Annexion der östlichen Nachbarstaaten, Kolonisierung der Sowjetunion und Versklavung beziehungsweise Vernichtung der "slawischen Rasse".

Er las und las und las, um sein mangelndes Wissen zu kompensieren

Er war ein verbohrter Fanatiker – und was nicht in sein vorgefasstes Weltbild passte, nahm er gar nicht erst auf. Karl Alexander von Müller bemerkte: "Erkenntnis um der Erkenntnis willen kannte er nicht." Und man darf wohl sagen: Es interessierte ihn auch nicht.

Hitler besaß keine abgeschlossene Schul-, geschweige denn eine Hochschulbildung. Diesen Makel kompensierte er, indem er durch eifrige Lektüre nachzuholen versuchte, was er früher versäumt hatte. Er war der typische Autodidakt, der gerade gegenüber den Akademikern in seiner Entourage gern mit seinen Kenntnissen auftrumpfte. Dabei half ihm sein elefantöses Erinnerungsvermögen. Besonders erstaunlich – und vor allem von den Militärs gefürchtet – war sein Gedächtnis für Zahlen, gleich ob es sich um Kaliber, Mechanismus und Schussweite eines Geschützes oder um Größe, Geschwindigkeit und Panzerung eines Kriegsschiffes handelte. Die Geschwindigkeit, mit der Hitler Bücher und Zeitungen las und das Gelesene speicherte, war Ausdruck der frappierenden Kraft seines Gedächtnisses.

Hitler habe sich "ein gewaltiges Wissen" auf allen Gebieten angeeignet, staunte Rudolf Heß, und auch der besonders hitlergläubige Goebbels zeigte sich immer wieder beeindruckt: "Er liest viel und weiß viel. Ein universaler Kopf." Aber so vielseitig Hitlers Wissen war – so lückenhaft und selektiv war es zugleich.

Ein Weltreich für den Stubenhocker

Das Minderwertigkeitsgefühl des früh Gescheiterten saß tief. Es ließ ihn empfindlich reagieren auf alle Menschen, die über ein echtes fachliches Wissen verfügten und ihn dies auch spüren ließen. Besonders ausgeprägt war seine Abneigung gegen Intellektuelle, Professoren und Lehrer. "Die große Masse derer, die sich die 'Gebildeten' nennen", raunzte er Anfang der dreißiger Jahre, "sind oberflächliche geistige Halbwelt, eingebildete und überhebliche Nichtskönner, die sich des Lächerlichen ihrer Stümperei nicht einmal bewusst sind."

Stets gab er vor, mehr zu wissen und zu können als Wissenschaftler und Fachleute, und begegnete ihnen deshalb mit Arroganz. Entsprechend ungern ließ er sich in seinen Münchner Jahren auf Bildungslücken aufmerksam machen. So bemühte sich Hanfstaengl vergeblich, Hitler nach dessen Entlassung aus der Landsberger Haft Ende 1924 für den Gedanken zu erwärmen, Englisch zu lernen. Obwohl er sich selbst anbot, den Parteiführer zwei Nachmittage in der Woche zu unterrichten, blieb Hitler bei seiner Ablehnung: "Meine Sprache ist Deutsch, und die genügt mir."

Selbst der Versuch, ihn zu Reisen ins Ausland zu bewegen, damit er die Welt einmal aus einem anderen Blickwinkel kennenlernen konnte, schlug fehl. 1928 erhielt er von Parteigenossen aus Argentinien eine Einladung zu einer Reise nach Südamerika. "Was würde das für eine Anregung bedeuten, wie würde sein Blick erweitert", war Rudolf Heß überzeugt. Doch immer wieder fand Hitler neue Ausreden. Einmal behauptete er, keine Zeit für solche Unternehmen zu haben, ein anderes Mal, dass seine Gegner seine Abwesenheit nur zum Putsch gegen ihn nutzen würden. So erklärt sich, dass 1933 ein Politiker an die Macht kam, der – sieht man von den vier Kriegsjahren in Frankreich ab – von der Welt absolut nichts gesehen hatte.

Als Emporkömmling lebte Hitler in der Furcht, nicht ganz ernst genommen zu werden oder sich lächerlich zu machen. Auf dem Empfang des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg für das diplomatische Korps am 9. Februar 1933 fiel allgemein auf, wie unsicher, ja geradezu verlegen der neue Reichskanzler sich benahm. "Der ehemalige Gefreite, etwas verdrießlich und linkisch, schien sich in seiner Rolle ziemlich unbehaglich zu fühlen", beobachtete Bella Fromm, die Gesellschaftsreporterin der Vossischen Zeitung. "Seine Frackschöße behinderten ihn. Immer wieder fuhr er mit der Hand nach der Gegend, wo sonst das Uniformkoppel saß, und jedesmal, wenn er die gewohnt kühlende und aufmunternde Handstütze nicht fand, steigerte sich sein Unmut."

Auch als er mit den ersten innen- und außenpolitischen Erfolgen seines Regimes selbstsicherer wurde, blieb er vor offiziellen Empfängen immer nervös. Ihn plagte, wie seine Sekretärin Christa Schroeder erkannte, "die Angst vor einem faux pas". So kümmerte er sich um jede Kleinigkeit, warf, bevor die Gäste kamen, einen Blick auf die gedeckte Tafel und kontrollierte selbst die Blumenarrangements. Aus dieser Unsicherheit erklärt sich wohl auch Hitlers ausgeprägtes Redebedürfnis. Häufig genügte nur ein Stichwort, und schon begann er einen jener Monologe, die von den Mitarbeitern in der Parteizentrale ebenso gefürchtet waren wie später von der Generalität am Kartentisch. Von seinen Zuhörern erwartete Hitler nur zustimmendes Interesse, höchstens dann und wann mal durften sie einen knappen Einwurf wagen, der den "Führer" zu weiteren weitschweifigen Gedankenflügen animierte.

Im privaten Kreis konnte Hitler jedoch auch ein anderes Gesicht zeigen. Hier erzählte er plötzlich unterhaltsam von seinen Kriegserlebnissen – sein Lieblingsthema – oder von den bescheidenen Anfängen der Partei. Er trat als fürsorglicher Hausvater in Erscheinung, zu Scherzen aufgelegt und durchaus für Anekdoten und Witze anderer empfänglich.

Das änderte nichts an der Tatsache, dass er sich, ganz von seinem Misstrauen beherrscht, anderen gegenüber niemals öffnete, niemanden in sein Vertrauen zog. Wohl habe es im Laufe ihrer Zusammenarbeit Augenblicke gegeben, in denen er annehmen konnte, Hitler nähergekommen zu sein, erinnerte sich Speer, aber das sei immer eine Täuschung gewesen. "Falls man seinen herzlicheren Ton vorsichtig aufnahm, baute er sogleich abwehrend eine unübersteigbare Mauer auf."

Die Hoffmanns, die Goebbels, die Wagners waren seine Ersatzfamilien

Das Bedürfnis nach Distanz passte zu Hitlers Überzeugung, er sei erwählt. Er wollte sich mit dem Nimbus der Unnahbarkeit umgeben. Es gab nur wenige Menschen aus seinem Umfeld, mit denen er sich duzte. Einen wirklichen Freund hat er nie besessen, er kannte nur Komplizen. Am wohlsten fühlte er sich inmitten der Gefährten der frühen "Kampfzeit", mit denen er im Café Heck an der Münchner Galeriestraße zusammenhockte. Hier konnte er entspannt Hof halten. Doch nach der Machtübernahme brach er die Zusammenkünfte ab. Der Ton der Kameraderie, den die alten Kumpane ihm gegenüber aus langer Gewohnheit anschlugen, passte nicht mehr zu seiner neuen Rolle. Er war nun zu Deutschlands Erlöser aufgestiegen.

Er habe "längst kein Privatleben mehr", hat Hitler nach 1933 immer wieder geklagt. Doch dieses Lamento ist nur eine weitere Probe seiner Verstellungskunst, seiner permanenten Selbststilisierung. Tatsächlich ging es ihm darum, seine Lebensumstände der öffentlichen Neugier zu entziehen, um den Mythos vom einsamen, sich Tag und Nacht im Dienste seines Volkes aufreibenden "Führers" aufrechtzuerhalten. Denn bei aller Distanz, die er gegen seine Mitwelt übte, kannte auch Hitler Kreise, die als Familienersatz dienten. Dazu zählte die Familie seines Leibfotografen Heinrich Hoffmann, in deren Münchner Villa er auch nach 1933 noch ein häufiger Gast war.

Wie ein Hausfreund wurde Hitler auch von den Wagners in Bayreuth aufgenommen. Nicht nur mit der Prinzipalin Winifred, mit der er sich seit 1926 duzte, sondern auch mit den vier Wagner-Kindern pflegte er familiären Umgang. Bereitwillig ließ er sich von ihnen fotografieren, nahm sie mit auf Touren in seinem großen Mercedes-Kompressor und erzählte ihnen abends im Kinderzimmer Geschichten. "Er war ganz rührend mit den Kindern", erinnerte sich Winifred Wagner, zeitlebens eine unbelehrbare Hitler-Verehrerin.

Netzwerken wie ein Mafiaboss

In Berlin wiederum gehörte Hitler fast zur Familie Goebbels. Im Spätsommer 1931 hatte er im Hotel Kaiserhof Magda Quandt kennengelernt und sofort einen heftigen Flirt mit ihr begonnen. Allerdings musste er bald erfahren, dass die geschiedene Frau des Industriellen Günther Quandt bereits mit seinem Berliner Gauleiter Joseph Goebbels liiert war. Nach der Heirat des Paares im Dezember 1931 traf man ein Arrangement: Hitler durfte sich gewissermaßen als Dritter im Bunde betrachten und als Hausfreund der Eheleute menschliche Zuwendung tanken. Vor 1933 verbrachte er viele Abende in der Berliner Wohnung der Goebbels, und auch danach besuchte er sie häufig. So ließ er es sich nicht nehmen, am 19. Dezember 1936, dem fünften Hochzeitstag des Paares, noch zu vorgerückter Stunde persönlich Blumen und Glückwünsche zu überbringen. "Wir sind ganz gerührt und beglückt. Er fühlt sich bei uns so wohl", notierte der Propagandaminister. Als Goebbels sich im Herbst 1938 wegen seiner Affäre mit dem aus Prag stammenden Ufa-Star Lída Baarová scheiden lassen wollte, legte Hitler ein Veto ein – auch in der nicht ganz uneigennützigen Absicht, sich im Hause Goebbels weiter Familienanschluss zu erhalten.

Die Geliebte blieb der Öffentlichkeit verborgen – sie reiste getrennt von ihm

Doch der wichtigste private Ort blieb der Berghof, seine Alpenresidenz bei Berchtesgaden. Hier auf dem Obersalzberg verkehrten seine Getreuesten wie das Ehepaar Speer und Hitlers Begleitarzt Karl Brandt mit dessen Frau, der populären Schwimmerin Anni Rehborn. Wichtigstes Kriterium für die Aufnahme in diesen Kreis war nicht der Rang, den jemand in der NS-Hierarchie einnahm, sondern allein die Sympathie, die Hitler ihm entgegenbrachte. Und die hing nicht zuletzt davon ab, ob es der- oder diejenige verstand, sich mit seiner Geliebten Eva Braun gut zu stellen und sie in der Rolle zu akzeptieren, die sie auf dem Berghof spielte.

Die junge Münchnerin nahm einen wichtigeren Platz in Hitlers Leben ein, als lange Zeit angenommen wurde. So verbannte Hitler im September 1934 seine Halbschwester Angela Raubal, die ihm seit 1928 den Haushalt in seinem Obersalzberger Domizil geführt hatte, von heute auf morgen aus seinem Umfeld – sie hatte sich abfällig über Braun geäußert. Und in seinem handschriftlichen Testament von Anfang Mai 1938 bedachte Hitler das "Fräulein Eva Braun-München" an erster Stelle. Allerdings sorgte er durch eine ganze Reihe von Maßnahmen dafür, dass die Existenz seiner Geliebten vor der Öffentlichkeit verborgen blieb. Sowohl das Dienstpersonal als auch die Mitglieder der Entourage wurden zu strengem Stillschweigen verpflichtet. Bei offiziellen Empfängen und Besuchen ausländischer Gäste musste sich Eva Braun in ihre Privaträume zurückziehen, und auch zu den Parteitagen der NSDAP und zum Staatsbesuch des "Führers" in Italien Anfang Mai 1938 reiste sie getrennt vom engeren Gefolge an und stieg in einem anderen Hotel als Hitler ab.

In der Auswahl seiner Mitarbeiter indes ließ sich der Diktator nicht von Gefühlen, sondern allein von einem nüchternen Zweck-Nutzen-Kalkül leiten. Wenn einer einen "Webfehler", also einen dunklen Punkt in seiner Biografie besaß, störte ihn das wenig. Im Gegenteil: Wie jeder Mafiaboss wusste er, dass er solche Leute umso leichter an sich binden und wieder fallen lassen konnte. Dabei besaß er einen scharfen Blick für die Stärken und Schwächen anderer Menschen. Nicht selten durchschaute er Charaktere schon nach flüchtiger Bekanntschaft. Er spürte mit untrüglicher Witterung, ob jemand ihm bedingungslos ergeben war oder geheime Vorbehalte gegen ihn hegte. Sein Instinkt warnte ihn. "Den Kerl mag ich nicht", pflegte er zu sagen.

Sein stets waches Misstrauen regte sich sofort, wenn jemand versuchte, in sein sorgfältig abgeschirmtes Privatleben einzudringen – was paranoide Züge annahm: Gleich nach dem Anschluss Österreichs 1938 ließ er Teile jener Gegend, aus der seine Familie stammte, zum militärischen Sperrgebiet erklären und die Bewohner umsiedeln, damit nur ja niemand dort in seiner Familiengeschichte herumstöbern konnte. Wer ihn jemals schwach gesehen oder in Verlegenheit gebracht hatte, der musste mit seiner mörderischen Rachsucht rechnen. So nutzte er den blutigen Schlag gegen die SA-Führung am 30. Juni 1934, um alte Rechnungen zu begleichen. Unter anderen fiel sein langjähriger Weggefährte Gregor Straßer den Mordkommandos der SS zum Opfer. Er hatte Anfang Dezember 1932 mit seinem Rücktritt von allen Parteiämtern die kritische Lage der NSDAP nach der desaströsen Wahl einen Monat zuvor noch verschärft.

Bei allem extrovertiertem Sendungsbewusstsein ließ Hitlers labiles Selbstwertgefühl keinerlei Widerspruch zu. Zwar war er vor 1933 noch bereit, unter vier Augen gegenteilige Ansichten in Ruhe anzuhören und sich gegebenenfalls zu korrigieren, doch in einem größeren Kreis ertrug er schon damals keine Belehrungen mehr. "Dann tobte er manchmal wie ein Tiger, der sich in einen Käfig eingesperrt sieht und die Stangen des Käfigs zu zerbrechen sucht", berichtet Otto Wagener, Anfang der dreißiger Jahre Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung in der NSDAP-Reichsleitung. Der Anblick des schimpfenden Hitler sei "nicht sehr schön" gewesen, ihm sei "der Speichel buchstäblich aus den Mundwinkeln über das fliehende Kinn getropft", beobachtete der Hamburger NSDAP-Funktionär Albert Krebs Ende der zwanziger Jahre. Dennoch habe er sich gefragt, ob die meisten der Wutausbrüche nicht auch gespielt gewesen seien. Denn Hitler habe die Selbstkontrolle selten vollkommen verloren, sondern sei im "Rahmen der selbstgewählten Rolle" geblieben.

Kalkuliert baute Hitler auch seinen Machtapparat auf und aus. Bereits vor 1933 übte er sich in der Methode, Kompetenzen zu verwischen und Ämter doppelt zu besetzen, um auf diese Weise Rivalitäten zu schüren und die eigene Herrschaft zu festigen. Diese Technik des divide et impera sollte der Diktator Schritt für Schritt auf den Staat übertragen und perfektionieren. Albert Speer schreibt in Vorstudien zu seinen Erinnerungen von einem "sorgfältig ausgewogenen System gegenseitiger Feindschaft". Keiner der Unterführer, auch mit einem noch so großen Aufgabenbereich, habe sich jemals einbilden können, "eine in sich ruhende Macht zu besitzen".

Der fixierende Blick

Eine eigenartige Technik, sich der Gefolgstreue seiner Leute zu versichern, wandte Hitler an, als er im Frühjahr 1931 die Berliner SA und die ihr angeschlossenen Verbände im Sportpalast zum Appell antreten ließ. "Schweigend standen wir Stunde um Stunde. Dann erschien er mit kleinem Gefolge", erinnerte sich Speer. "Aber statt, wie wir alle erwarteten, auf die Rednertribüne zu gehen, trat Hitler in die Reihen der Uniformierten, es wurde atemlos still.

Dann begann er die Kolonnen abzuschreiten. Im riesigen Rund waren nur die Schritte zu hören. Es dauerte Stunden. Endlich kam er in meine Reihe. Seine Augen waren starr auf die Angetretenen gerichtet, er schien jeden durch seinen Blick verpflichten zu wollen. Als er zu mir kam, hatte ich den Eindruck, daß mich ein Paar weit geöffnete Augen für unermeßbare Zeit in Besitz nahmen." Das Ritual des fixierenden Blicks praktizierte Hitler gelegentlich auch im kleinen Kreis, wenn es ihm darum ging, die Standfestigkeit einer seiner Paladine auf die Probe zu stellen.

Von seinen Mitarbeitern verlangte Hitler unbedingte Zuverlässigkeit und ein schier unbegrenztes Arbeitspensum. Er selbst ging hier allerdings nicht mit gutem Beispiel voran. In seinem Arbeitszimmer im Braunen Haus, der im März 1931 eingeweihten Münchner Parteizentrale in der Brienner Straße, hing zwar ein Porträt Friedrichs II., doch das Dienstethos des Preußenkönigs war seinem Bewunderer aus Österreich einigermaßen fremd. Geregelte Bürostunden kannte er nicht, und von Pünktlichkeit hielt er wenig. Sein Schreibtisch sei "stets leer" gewesen, erinnerte sich Otto Wagener. Gelegentlich habe Hitler mit Blei- und Farbstiften Skizzen angefertigt, solange ein anderer sprach; aber selbst habe er den Parteichef nie schreiben sehen. "Er entwarf, indem er sprach. Er durchdachte, indem er redete."

In den ersten Wochen seiner Kanzlerschaft schien sich eine Veränderung anzubahnen. "Der Chef tritt hier mit unerhörter Sicherheit auf!!! Und die Pünktlichkeit!!! Stets einige Minuten vor der Zeit!!! (...) Eine neue Zeit und eine neue Zeitrechnung sind angebrochen", freute sich Rudolf Heß am 31. Januar 1933. Doch schon bald sollte der neue Mann in der Reichskanzlei in die alten Verhaltensweisen zurückfallen und sich den bürokratischen Routinepflichten seines Amtes entziehen.

Allerdings trifft die immer wieder kolportierte Vorstellung, Hitler sei aufgrund seiner bohemehaften Neigungen zu konzentrierter Arbeit überhaupt unfähig gewesen, nicht zu. Er konnte sich, wenn es darauf ankam, sehr diszipliniert seinen Aufgaben widmen, etwa wenn er eine seiner großen Reden vorbereitete. Zu diesem Zweck zog er sich tagelang zurück. "Die Arbeitsleistung war dann ganz gewaltig. Er arbeitete dann auch die halben Nächte durch", berichtet sein Adjutant Fritz Wiedemann. Auch als Reichskanzler beschäftigte Hitler keine Ghostwriter, sondern diktierte den Text einer seiner Sekretärinnen.

So wenig wie Hitler ein undisziplinierter Künstlerpolitiker war, so wenig war er auch der freudlose Asket, als der er oft dargestellt wird. Dass er kein Fleisch aß, nicht rauchte und kaum Alkohol trank, scheint das Klischee zu bestätigen. Doch Hitlers vermeintliche Anspruchslosigkeit war ebenfalls zu einem guten Teil inszeniert, sie gehörte zu seiner Selbststilisierung zum "schlichten Mann aus dem Volk". Schon seine Vorliebe für das jeweils neueste und teuerste Mercedes-Modell – in späteren Jahren von den Firmen-Herren in Stuttgart beflissenst bereitgestellt –, seine 1929 bezogene große Neunzimmerwohnung im Münchner Villenviertel Bogenhausen und seine kostspieligen Aufenthalte im Berliner Hotel Kaiserhof in den Jahren vor der Machtübernahme widersprechen diesem Bild.

Hitler schätzte Luxus, sogar für seine Garderobe betrieb er nur scheinbar keinen großen Aufwand. In Wahrheit war auch das eine Pose: "Meine Umgebung muß großartig wirken. Dann wirkt meine Einfachheit umso auffallender."

Der genügsame Herr Hitler – so stellte er sich gern dar. Gerade vor Arbeitern prahlte er gern, dass er der einzige Staatsmann der Welt sei, der kein Bankkonto besitze. In der Tat: Sein Vermögen, das sich mit den hochschnellenden Verkaufszahlen von Mein Kampf seit Ende der zwanziger Jahre kontinuierlich vermehrte, wurde von Max Amann verwaltet, dem getreuen Chef des Eher-Verlages. Mit ähnlich großer Geste hatte Hitler gleich Anfang Februar 1933 bekannt gegeben, er verzichte auf das Gehalt des Reichskanzlers. Tatsächlich nahm er den Verzicht ein Jahr später stillschweigend zurück, und nach dem Tod Paul von Hindenburgs Anfang August 1934 kassierte er auch noch das Gehalt des Reichspräsidenten und zusätzlich eine jährliche Aufwandsentschädigung.

Von 1937 an sprudelte eine weitere Geldquelle: Am Verkauf der Briefmarken mit seinem Konterfei war Hitler prozentual beteiligt; die Einnahmen summierten sich Jahr für Jahr zu zweistelligen Millionenbeträgen. Den Scheck überbrachte der Reichspostminister persönlich zu "Führers Geburtstag" jeweils am 20. April.

Noch einträglicher allerdings war die "Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft", die im Juni 1933 auf Anregung des Essener Industriellen Gustav Krupp von Bohlen und Halbach eingeführt wurde. Die Arbeitgeber entrichteten vierteljährlich eine Spende in Höhe von einem halben Prozent ihrer betrieblichen Lohn- und Gehaltskosten des jeweiligen Vorjahres – einen Betrag, den sie von der Steuer absetzen konnten. Das Geld floss in einen Privatfonds, über den Hitler wiederum nach Gutdünken verfügen konnte.

Der steuerfrei gestellte Diktator war vielfacher Millionär. Wie er entzogen sich die meisten seiner Paladine ihren Steuerverpflichtungen und legten sich luxuriöse Anwesen zu. "Grad und Ausmaß der Korruption der herrschenden Schicht sind beispiellos", konstatierte Sebastian Haffner in seinem 1940 im englischen Exil veröffentlichten Buch Germany: Jekyll & Hyde. Dies betraf während des Krieges dann auch die korrupten Generäle der Wehrmacht, die mit höchsten Dotationen bei Laune gehalten und auf den "Endsieg" verpflichtet wurden.

Hitlers suggestive Überredungsmacht, die vielen Rollen, in die er je nach Bedarf schlüpfen konnte, seine charmierenden Posen und trickreichen Verstellungskünste, die raffinierte Methode, seine Gefolgsleute gegeneinander auszuspielen und mit Geschenken zu bestechen – all dies diente letztlich nur einem Zweck. Er wollte seine Macht aufbauen und festigen, um so seine beiden Hauptziele in Angriff zu nehmen: die "Entfernung" der Juden – was in den ersten Jahren seiner Regierung Vertreibung hieß, noch nicht physische Vernichtung – und die Eroberung von neuem "Lebensraum".

Von der Mitte der dreißiger Jahre an wuchsen Hitlers Ungeduld und Radikalität. Das lag nicht nur an seiner Besessenheit, sondern auch an einer großen Angst, die er stets in sich trug. Er fürchtete, wie seine Eltern nicht sehr alt zu werden und seine "politischen Pläne" nicht mehr verwirklichen zu können. "›Wenn ich mal nicht mehr bin!‹ Das ist seine stehende Formel. Wie grauenhaft, dies auszudenken", notierte Goebbels im Februar 1927. Auch nachdem er an die Macht gekommen war, äußerte Hitler immer wieder, dass er "nicht mehr lange leben" werde.

Dabei hat er den Tod nicht nur gefürchtet, sondern ihn immer auch als Option betrachtet. Früh war klar, dass der Hasardeur in jeder Hinsicht zum Äußersten entschlossen war, auch was sein eigenes Leben betraf. Schon in der Phase seines kometenhaften Aufstiegs hatte er in kritischen Situationen wiederholt damit gedroht, sich umzubringen, und diese latente Bereitschaft zur Selbstauslöschung sollte ihn nicht mehr verlassen.

Er habe, ließ der Philosoph Hermann Graf von Keyserling im Juli 1933 den Kunstmäzen und Diplomaten Harry Graf Kessler wissen, Hitler "genau studiert". Der sei "nach Handschrift und Physiognomie ein ausgesprochener Selbstmörder-Typ". Jemand, der den Tod suche. Hitler verkörpere "damit einen Grundzug des deutschen Volkes, das immer in den Tod verliebt" gewesen sei und "dessen wiederkehrendes Grund-Erlebnis die Nibelungen Not" sei. "Ich glaube", kommentierte Kessler seinerseits in seinem Tagebuch, "dass Keyserling in diesem Punkt sehr tief und richtig sieht."

Doch es gab nicht viele Menschen in Deutschland, die das so tief und richtig sahen. Im Gegenteil: Schon bald nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 sollte der "Führer" sich einer Popularität erfreuen, wie sie kein deutscher Politiker jemals besessen hatte. "Das ist das Wunder unserer Zeit", rief er den gläubigen Massen 1936 in Nürnberg zu, "dass ihr mich gefunden habt unter so vielen Millionen. Und dass ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück!"