Eine eigenartige Technik, sich der Gefolgstreue seiner Leute zu versichern, wandte Hitler an, als er im Frühjahr 1931 die Berliner SA und die ihr angeschlossenen Verbände im Sportpalast zum Appell antreten ließ. "Schweigend standen wir Stunde um Stunde. Dann erschien er mit kleinem Gefolge", erinnerte sich Speer. "Aber statt, wie wir alle erwarteten, auf die Rednertribüne zu gehen, trat Hitler in die Reihen der Uniformierten, es wurde atemlos still.

Dann begann er die Kolonnen abzuschreiten. Im riesigen Rund waren nur die Schritte zu hören. Es dauerte Stunden. Endlich kam er in meine Reihe. Seine Augen waren starr auf die Angetretenen gerichtet, er schien jeden durch seinen Blick verpflichten zu wollen. Als er zu mir kam, hatte ich den Eindruck, daß mich ein Paar weit geöffnete Augen für unermeßbare Zeit in Besitz nahmen." Das Ritual des fixierenden Blicks praktizierte Hitler gelegentlich auch im kleinen Kreis, wenn es ihm darum ging, die Standfestigkeit einer seiner Paladine auf die Probe zu stellen.

Von seinen Mitarbeitern verlangte Hitler unbedingte Zuverlässigkeit und ein schier unbegrenztes Arbeitspensum. Er selbst ging hier allerdings nicht mit gutem Beispiel voran. In seinem Arbeitszimmer im Braunen Haus, der im März 1931 eingeweihten Münchner Parteizentrale in der Brienner Straße, hing zwar ein Porträt Friedrichs II., doch das Dienstethos des Preußenkönigs war seinem Bewunderer aus Österreich einigermaßen fremd. Geregelte Bürostunden kannte er nicht, und von Pünktlichkeit hielt er wenig. Sein Schreibtisch sei "stets leer" gewesen, erinnerte sich Otto Wagener. Gelegentlich habe Hitler mit Blei- und Farbstiften Skizzen angefertigt, solange ein anderer sprach; aber selbst habe er den Parteichef nie schreiben sehen. "Er entwarf, indem er sprach. Er durchdachte, indem er redete."

In den ersten Wochen seiner Kanzlerschaft schien sich eine Veränderung anzubahnen. "Der Chef tritt hier mit unerhörter Sicherheit auf!!! Und die Pünktlichkeit!!! Stets einige Minuten vor der Zeit!!! (...) Eine neue Zeit und eine neue Zeitrechnung sind angebrochen", freute sich Rudolf Heß am 31. Januar 1933. Doch schon bald sollte der neue Mann in der Reichskanzlei in die alten Verhaltensweisen zurückfallen und sich den bürokratischen Routinepflichten seines Amtes entziehen.

Allerdings trifft die immer wieder kolportierte Vorstellung, Hitler sei aufgrund seiner bohemehaften Neigungen zu konzentrierter Arbeit überhaupt unfähig gewesen, nicht zu. Er konnte sich, wenn es darauf ankam, sehr diszipliniert seinen Aufgaben widmen, etwa wenn er eine seiner großen Reden vorbereitete. Zu diesem Zweck zog er sich tagelang zurück. "Die Arbeitsleistung war dann ganz gewaltig. Er arbeitete dann auch die halben Nächte durch", berichtet sein Adjutant Fritz Wiedemann. Auch als Reichskanzler beschäftigte Hitler keine Ghostwriter, sondern diktierte den Text einer seiner Sekretärinnen.

So wenig wie Hitler ein undisziplinierter Künstlerpolitiker war, so wenig war er auch der freudlose Asket, als der er oft dargestellt wird. Dass er kein Fleisch aß, nicht rauchte und kaum Alkohol trank, scheint das Klischee zu bestätigen. Doch Hitlers vermeintliche Anspruchslosigkeit war ebenfalls zu einem guten Teil inszeniert, sie gehörte zu seiner Selbststilisierung zum "schlichten Mann aus dem Volk". Schon seine Vorliebe für das jeweils neueste und teuerste Mercedes-Modell – in späteren Jahren von den Firmen-Herren in Stuttgart beflissenst bereitgestellt –, seine 1929 bezogene große Neunzimmerwohnung im Münchner Villenviertel Bogenhausen und seine kostspieligen Aufenthalte im Berliner Hotel Kaiserhof in den Jahren vor der Machtübernahme widersprechen diesem Bild.

Hitler schätzte Luxus, sogar für seine Garderobe betrieb er nur scheinbar keinen großen Aufwand. In Wahrheit war auch das eine Pose: "Meine Umgebung muß großartig wirken. Dann wirkt meine Einfachheit umso auffallender."

Der genügsame Herr Hitler – so stellte er sich gern dar. Gerade vor Arbeitern prahlte er gern, dass er der einzige Staatsmann der Welt sei, der kein Bankkonto besitze. In der Tat: Sein Vermögen, das sich mit den hochschnellenden Verkaufszahlen von Mein Kampf seit Ende der zwanziger Jahre kontinuierlich vermehrte, wurde von Max Amann verwaltet, dem getreuen Chef des Eher-Verlages. Mit ähnlich großer Geste hatte Hitler gleich Anfang Februar 1933 bekannt gegeben, er verzichte auf das Gehalt des Reichskanzlers. Tatsächlich nahm er den Verzicht ein Jahr später stillschweigend zurück, und nach dem Tod Paul von Hindenburgs Anfang August 1934 kassierte er auch noch das Gehalt des Reichspräsidenten und zusätzlich eine jährliche Aufwandsentschädigung.

Von 1937 an sprudelte eine weitere Geldquelle: Am Verkauf der Briefmarken mit seinem Konterfei war Hitler prozentual beteiligt; die Einnahmen summierten sich Jahr für Jahr zu zweistelligen Millionenbeträgen. Den Scheck überbrachte der Reichspostminister persönlich zu "Führers Geburtstag" jeweils am 20. April.

Noch einträglicher allerdings war die "Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft", die im Juni 1933 auf Anregung des Essener Industriellen Gustav Krupp von Bohlen und Halbach eingeführt wurde. Die Arbeitgeber entrichteten vierteljährlich eine Spende in Höhe von einem halben Prozent ihrer betrieblichen Lohn- und Gehaltskosten des jeweiligen Vorjahres – einen Betrag, den sie von der Steuer absetzen konnten. Das Geld floss in einen Privatfonds, über den Hitler wiederum nach Gutdünken verfügen konnte.

Der steuerfrei gestellte Diktator war vielfacher Millionär. Wie er entzogen sich die meisten seiner Paladine ihren Steuerverpflichtungen und legten sich luxuriöse Anwesen zu. "Grad und Ausmaß der Korruption der herrschenden Schicht sind beispiellos", konstatierte Sebastian Haffner in seinem 1940 im englischen Exil veröffentlichten Buch Germany: Jekyll & Hyde. Dies betraf während des Krieges dann auch die korrupten Generäle der Wehrmacht, die mit höchsten Dotationen bei Laune gehalten und auf den "Endsieg" verpflichtet wurden.

Hitlers suggestive Überredungsmacht, die vielen Rollen, in die er je nach Bedarf schlüpfen konnte, seine charmierenden Posen und trickreichen Verstellungskünste, die raffinierte Methode, seine Gefolgsleute gegeneinander auszuspielen und mit Geschenken zu bestechen – all dies diente letztlich nur einem Zweck. Er wollte seine Macht aufbauen und festigen, um so seine beiden Hauptziele in Angriff zu nehmen: die "Entfernung" der Juden – was in den ersten Jahren seiner Regierung Vertreibung hieß, noch nicht physische Vernichtung – und die Eroberung von neuem "Lebensraum".

Von der Mitte der dreißiger Jahre an wuchsen Hitlers Ungeduld und Radikalität. Das lag nicht nur an seiner Besessenheit, sondern auch an einer großen Angst, die er stets in sich trug. Er fürchtete, wie seine Eltern nicht sehr alt zu werden und seine "politischen Pläne" nicht mehr verwirklichen zu können. "›Wenn ich mal nicht mehr bin!‹ Das ist seine stehende Formel. Wie grauenhaft, dies auszudenken", notierte Goebbels im Februar 1927. Auch nachdem er an die Macht gekommen war, äußerte Hitler immer wieder, dass er "nicht mehr lange leben" werde.

Dabei hat er den Tod nicht nur gefürchtet, sondern ihn immer auch als Option betrachtet. Früh war klar, dass der Hasardeur in jeder Hinsicht zum Äußersten entschlossen war, auch was sein eigenes Leben betraf. Schon in der Phase seines kometenhaften Aufstiegs hatte er in kritischen Situationen wiederholt damit gedroht, sich umzubringen, und diese latente Bereitschaft zur Selbstauslöschung sollte ihn nicht mehr verlassen.

Er habe, ließ der Philosoph Hermann Graf von Keyserling im Juli 1933 den Kunstmäzen und Diplomaten Harry Graf Kessler wissen, Hitler "genau studiert". Der sei "nach Handschrift und Physiognomie ein ausgesprochener Selbstmörder-Typ". Jemand, der den Tod suche. Hitler verkörpere "damit einen Grundzug des deutschen Volkes, das immer in den Tod verliebt" gewesen sei und "dessen wiederkehrendes Grund-Erlebnis die Nibelungen Not" sei. "Ich glaube", kommentierte Kessler seinerseits in seinem Tagebuch, "dass Keyserling in diesem Punkt sehr tief und richtig sieht."

Doch es gab nicht viele Menschen in Deutschland, die das so tief und richtig sahen. Im Gegenteil: Schon bald nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 sollte der "Führer" sich einer Popularität erfreuen, wie sie kein deutscher Politiker jemals besessen hatte. "Das ist das Wunder unserer Zeit", rief er den gläubigen Massen 1936 in Nürnberg zu, "dass ihr mich gefunden habt unter so vielen Millionen. Und dass ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück!"