Beim Geschmack ist sich die Jury einig. In der Kategorie English-Style Golden Ale/Summer Ale ist das beste Bier im Wettbewerb die Nummer 7477. Es gibt nur ein Problem: Flockig schwimmen in der strohgelben Flüssigkeit die Reste der Hefe. Alle Konkurrenzbiere in diesem Finale, anonymisiert aufgereiht in nummerierten Normgläsern, sehen schöner, klarer aus. Im Vergleich zu ihnen aber hat 7477 eine kühnere, elegante Hopfennote. Ein Hauch von Biskuit schwingt mit. Ein frisches, durstlöschendes Bier für den heißen Sommerabend. Wenn nur diese hässlichen Flocken nicht wären.

Große Diskussion. Einige Jurymitglieder, aus Mexiko, Italien und Deutschland, pochen darauf, einen Herstellungsfehler ausgemacht zu haben. Die schweizerisch-deutsche Hälfte des Gremiums interpretiert die Kategoriebeschreibung jedoch zugunsten des unschönen Vertreters: Nirgendwo stehe, dass flockiger Satz verboten sei. Stephan Stang, der Vorsitzende der Jurorengruppe, verlangt nach einer neuen Probe. Sie ist genauso unansehnlich – außerdem ungekühlt. Doch sogar als lauwarme Cervisia überzeugt 7477. Es wird trotz Makel ausgezeichnet – weil die Hersteller den Stil eines Summer Ale mutig interpretiert haben.

In diesem Jahr gibt es beim European Beer Star in Gräfelfing bei München mehr Kategorien und Einzelbiere als je zuvor. 1512 Gersten-, Weizen-, Dinkel-, Mais-, Roggen-, Triticale-, Hafer-, Einkorn- und Emmersäfte sind am Start – Rekord. Bis zu 140 Biere muss jeder der 102 Juroren an den zwei Tagen trinken. Trinken, in der Tat – anders als bei Weinverkostungen, wo die Juroren sich der Proben in Spucknäpfen entledigen, gehört beim Biertesten die Qualität des Schluckerlebnisses zum Prozedere einer seriösen Evaluation.

51 Bierstile wollen bewertet werden, vom belgischen Fruit Sour Ale, das nach Fruchtzugabe ein zweites Mal im Tank gegärt hat, bis zu den holzfassgereiften Starkbieren, einer Kategorie, in der sogar schaumlose, kohlensäurefreie, likörartige Elixiere als "sortentypisch" Asyl finden. Düsseldorf-Style-Altbiere aus Düsseldorf messen sich mit Altbieren aus Mexiko. Kristallweizen und Weizenbock aus Bayern treffen auf ihresgleichen aus Brasilien, Japan oder Italien. Die Braumeister, Biersommeliers und Fachjournalisten, die in der Jury des European Beer Star sitzen, wundern sich längst nicht mehr über die Herkunft der Sieger: Hinter der Nummer 7477 mit den dicken Hefeflocken verbirgt sich eine aufstrebende Biernation: Das beste English Style Golden Ale der Welt ist das Golden Ale der Fabbrica della Birra Perugia aus dem italienischen Kaff Ponte Nuovo di Torgiano. Das beste Belgian Style Strong Ale stammt aus Chicago, das beste English Style Porter aus Israel. Und wer braut das beste Düsseldorf-Style-Altbier? Japaner.

Der Beer Star ist Europas größte Leistungsschau der Brauereibranche. Sie zeigt, wohin der Trend geht: Die Vielfalt nimmt zu. Kleine Brauereien gestalten eine Diversität, wie es sie nie gab, und nehmen den gefräßigen Brauereikonzernen, die sich in 30 Jahren fast den ganzen Markt unter den Nagel gerissen haben (Anheuser-Busch, SABMiller, Heineken, Carlsberg), nach und nach wieder ein paar Anteile weg. Craft-Biere, sorgfältig "handwerklich" gebraut, finden mehr und mehr Anhänger und heimsen die Lorbeeren bei den Meisterschaften ein. Die Zeit des Einheitsbiers, das überall auf der Welt gleich schmecken muss, ist vorbei.

Den Anfang dieser Entwicklung machten Microbrewer in den USA. Sie begannen in den 1980er Jahren gegen die Einheitsbrühen von Miller, Bud und Coors anzubrauen. Die Brauerei Sierra Nevada aus Chico in Kalifornien und die Boston Beer Company (mit der Marke Samuel Adams) gehören zu den Pionieren der Bewegung. Heute zählen die USA 2400 Craft-Beer-Brauereien. In Deutschland nimmt zwar der Pro-Kopf-Verbrauch ab, von 151 Litern 1976 auf 107 im Jahr 2012, die Zahl der Brauereien aber steigt rapide.

In Bayern (Camba Bavaria) ist das genauso zu beobachten wie in Mecklenburg-Vorpommern (Störtebeker). Berlin hat Schoppe Bräu, Heidenpeters, Vagabund und Hops & Barley, gegründet von Einheimischen oder Exilamerikanern. In Hamburg hat die Ratsherrn-Brauerei 2012 ihren Betrieb aufgenommen. "Das Handwerk", sagt der Braumeister Thomas Kunst, "steht wieder im Vordergrund. Und die Leute fahren drauf ab." Die Entwicklung gehe "von der Ballerbrause zum genussvollen Trinken".

Eine Bierrichtung, die auch er im Sortiment hat, ist zum Inbegriff der Bewegung geworden: Die Pale Ales und die India Pale Ales (IPAs). Diese Sorten – mit obergärigen, also bei höheren Temperaturen arbeitenden Hefen vergoren – sind beliebt bei jenen Braumeistern, die mit ihren Kreationen nicht breite Konsumentenschichten anpeilen, sondern Liebhaber von Besonderheiten. Denn IPAs schlagen viele in die Flucht. Sie sind so stark gehopft, dass der Mainstream-Biertrinker sie am Rand der Genießbarkeit einordnet.

Der Hopfen steht im Zentrum der neuen Braubewegung. Nachdem die Wertschätzung für diesen bitteren Aromaträger kontinuierlich zurückgegangen ist und süße, leicht gehopfte Biere ohne Ecken und Kanten (Heineken, Warsteiner) vermehrt nachgefragt wurden, nachdem sogar die Sperrigen der Branche – Becks, Jever, Flensburger, Veltins – die Hopfenanteile zurückgefahren haben, blasen die Kleinbrauer jetzt zur Reconquista. Während ein als bitter geltendes norddeutsches Pils in der Bitterkeitsskala gerade mal auf einen Wert von 30 kommt, fangen IPAs bei 40 sogenannten Bittereinheiten erst an – Imperial India Pale Ales gar erst bei 60. Und in den Regalen von Spezialgeschäften findet der Hopfen-Aficionado Brühen mit bis zu 150 Bittereinheiten. Der Genuss eines Hardcore IPA der durchgeknallten schottischen BrewDog-Brauerei (Produzentin auch von Tactical Nuclear Penguin mit 32 Volumenprozent Alkohol) zieht dem Trinkenden die Schuhe aus. Eine Grenzerfahrung.

Doch es geht nicht mehr bloß um "die Bittere" eines Biers, sondern um das Ausloten der Möglichkeiten für den trinkenden Gourmet. Dafür sind weniger Hopfen mit hohem Bitterstoffgehalt (Bitterhopfen), sondern Aromahopfen (reich an ätherischen Ölen und Polyphenolen) zuständig. Vier Sorten (Herkules, Tradition, Select, Saphir) tut der Ratsherrn-Braumeister Thomas Kunst in den Sud seines Pilsners, um ihm ein blumiges Bouquet mit dezenten Zitrusaromen zu verpassen.