Flüchtig betrachtet, ist Belgien ein wohltemperiertes Land, um das man sich nicht sorgen müsste, gäbe es da nicht noch eine andere, nachtschwarze Seite. Die Schulden des Landes summieren sich auf 375 Milliarden Euro, das entspricht fast genau 100 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Auch das jährliche Haushaltsdefizit liegt seit Jahren über den drei Prozent, die der europäische Stabilitätspakt toleriert. In der vergangenen Woche musste die belgische Regierung der EU-Kommission einen korrigierten Haushaltsplan vorlegen.

Ist das sonst so unscheinbare Königreich in Wahrheit ein übersehener Krisenstaat?

Der Mann, der Belgiens Schulden besser kennt als jeder andere, heißt Jean Deboutte und leitet die Strategieabteilung der Nationalen Schuldenagentur. Seine Aufgabe ist es, den Überblick zu behalten. Zugleich wirbt er darum, dass private Geldgeber auch weiterhin in belgische Staatsanleihen investieren. Er sagt: "Die Schulden sind ein historisches Problem, sie stammen aus den siebziger und achtziger Jahren. Ohne dieses Erbe hätten wir heute keine Schwierigkeiten."

Vor 20 Jahren, als die Regierungschefs der EU in Maastricht die Einführung des Euro besiegelten, herrschten in Belgien quasi griechische Verhältnisse.

Mehr als zehn Prozent des jährlichen Haushalts musste die Regierung allein für Zinsen aufwenden. Doch der Staat bemühte sich damals konsequent, aus den roten Zahlen herauszukommen. Die ersten Sparprogramme gab es bereits in den achtziger Jahren. Innerhalb von zehn Jahren war es so gelungen, "die größte Konsolidierung in einem der westlichen Industrieländer seit dem Zweiten Weltkrieg" zu erreichen, wie der Internationale Währungsfonds befand, vor allem durch Ausgabenkürzungen. Die strengen Vorgaben für die Einführung des Euro erhöhten dann in den neunziger Jahren noch einmal den Druck. Das Ergebnis: Die Staatsschuld sank fast anderthalb Jahrzehnte lang, bis 2007 um insgesamt 50 Prozentpunkte.

Bis heute gilt dieser Schuldenabbau unter Ökonomen als beispielhaft. Auch Guy Verhofstadt, der in dieser Zeit zunächst als Budgetminister und später als Regierungschef verantwortlich zeichnete, sagt heute nicht ohne Stolz: "Wir haben unsere Lektion damals gelernt."

Doch die Erfolgsgeschichte endete jäh mit dem Ausbruch der Finanzkrise. Binnen kurzer Zeit schnellten die Schulden wieder in die Höhe. Selbst im laufenden Jahr schlägt allein die Rekapitalisierung und Verstaatlichung der Dexia-Bank noch mit einem Minus von 0,8 Prozentpunkten im Budget zu Buche. Hinzu kamen die Einzahlungen und Garantien für die europäischen Rettungsfonds. Aber nicht alle wollen dies als Entschuldigung gelten lassen.

Es gebe keinen Grund, überrascht zu sein, schreibt der Ökonom und langjährige Regierungsberater Etienne de Callataÿ in einem Buch über die Wiederkehr der Schulden (The Return of the Deficit). Die neuerliche Verschlechterung der Finanzlage sei im Wesentlichen darauf zurückzuführen, "dass die Fiskaldisziplin in den Jahren vor dem Ausbruch der Finanzkrise nachgelassen hatte". Ähnlich argumentiert auch EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, der von 2008 bis 2009 selbst belgischer Ministerpräsident war: Belgien habe es versäumt, notwendige Reformen durchzuführen und das staatliche Defizit noch weiter zu reduzieren.

Im November 2011 sah es kurze Zeit so aus, als könnte das Land tatsächlich dasselbe Schicksal ereilen wie Portugal, Griechenland oder Irland. Die heimischen Banken wackelten. Politisch herrschte ebenfalls Unsicherheit: Das tief gespaltene Land hatte auch mehr als 500 Tage nach der Wahl noch immer keine Regierung. Die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen schnellten hoch auf 5,91 Prozent, ein unhaltbares Niveau.