Nachts schreckt Horst Wilde nun öfter hoch aus dem Schlaf, denkt an seine riesige Schrankwand, an seine 500 DVDs und an die vielen Messingvasen, die er über die Jahre gesammelt hat. Er denkt an all die kleinen und großen Dinge, die sein Leben und seine Wohnung füllen, und ob er sie mitnehmen kann bei seinem letzten Umzug. Tagsüber sitzt er auf seinem Sessel im Wohnzimmer, die Hände auf den Oberschenkeln, und sorgt sich weiter: "Wenn man 79 ist, was macht man da mit den Möbeln?", fragt er. Er sieht sich um, zu seiner Linken steht die braune Schrankwand Marke Karat: "Billig war die nich", sagt er. Wilde hat sie in den Achtzigern gekauft, er musste lange darauf sparen. Hinter Glas warten die DDR-Oberliga-Kelche, die 45 Bierkrüge, auf die er einmal stolz war. Die Schrankwand kommt in den Müll, wie auch die DVDs, die er selbst aufgenommen hat. Die Bierkrüge will er verkaufen. Wilde sortiert aus, was von seinem Leben übrig bleibt. Er ist nicht todkrank, er ist nicht pflegebedürftig, er will gar nicht umziehen. "Aber mir wird nichts anderes übrig bleiben." Sein Haus wird "energetisch saniert", Horst Wilde ist mit fast 80 Jahren ein Opfer der Energiewende.

Seit 41 Jahren lebt Wilde in dieser Wohnung in Berlin, Prenzlauer Berg, Winsstraße, Hinterhof, dritter Stock rechts. "Ick bin der älteste und längste Mieter hier", sagt er. Sein Haus ist das einzige unrenovierte der Straße. Es sieht aus, als sei der Zweite Weltkrieg erst gestern vorübergegangen, die Fassade graugesichtig mit faustgroßen Löchern. Der Eingang ist mit Graffiti vollgeschmiert, Farbe schält sich von den Decken im Flur. Die Mieten im Viertel sind in den vergangenen Jahren stets gestiegen, es gehört nun zu den teuersten Gegenden der Stadt. Wilde konnte dabei zusehen, wie ein Bekannter nach dem anderen fortzog. Immer dachte er, es habe nichts mit ihm zu tun, betreffe ihn nicht.

Aus seiner Schrankwand holt Wilde einen Packen loser Papiere, Post vom neuen Eigentümer. Im letzten November hat eine Christmann-Unternehmensgruppe das Haus gekauft. Horst Wilde blättert ein wenig ratlos durch die Briefe, er hat deren Inhalt nicht ganz verstanden. Er weiß nur: Bis jetzt zahlt er 168 Euro Miete, nach der geplanten Sanierung soll sie 874,10 Euro kosten. Das Fünffache. Für Wilde klingt das wie eine Fantasiezahl, unvorstellbar irgendwie. Er bekommt 700 Euro Rente. In den Papieren steht etwas von Dreifachisolierglasfenstern, Innenwanddämmung der Außenwände, und weil dann kaum noch ein Lufthauch ins Innere dringt, kommt eine dezentral geregelte Wohnraumlüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung hinzu. Wilde lässt seine Hände in den Schoß fallen: "Aber der größte Hohn ist die Videogegensprechanlage." Denn Wildes Außentoilette mag der neue Eigentümer nicht verändern, auch ein Bad ist nicht geplant. Wilde hätte nach der Sanierung eine energetisch topmodernisierte Wohnung ohne Bad, aber mit Außentoilette und Videogegensprechanlage.

Die Hausbewohner haben sich zusammengeschlossen, auch Wilde ist in den Mieterverein eingetreten. Sie haben den Modernisierungsmaßnahmen nicht zugestimmt, jetzt klagt der neue Eigentümer gegen sie. Die Energiewende ist politisch gewollt, der Vermieter darf elf Prozent der Kosten auf die Monatsmiete umlegen. Anscheinend hat niemand bedacht, was geschieht, wenn ein Eigentümer vor allem teure Modernisierungen durchführt. Und was aus den Mietern werden soll, die sich danach ihre Wohnungen nicht mehr leisten können. Wildes Nachbarn kämpfen. Horst Wilde hat Hans-Christian Ströbele von den Grünen im Hinterhof gesehen, auch das Fernsehen war da. Wilde nimmt die Aufregung wie durch einen Schleier wahr, sie wühlt ihn zu sehr auf: "Zum Kämpfen bin ick zu alt", sagt er. Er hat drei Kinder, sieben Enkel und drei Urenkel, sie haben das Viertel längst verlassen. Sie wohnen jetzt in den Plattenbausiedlungen am Rande der Stadt. Dort hat sich Wilde neulich eine Wohnung angesehen, 30 Quadratmeter in einem Zehngeschosser: "Dit eene sieht wie dit andere aus", sagt er. Die Zimmer sind winzig, die Decken niedrig. "Ick denke jetzt ständig daran, wo ick wat hinstelle, wat passt da noch rein." Ihm ist aufgefallen, dass dort kaum Menschen auf der Straße sind, auch Läden gibt es nur wenige, man trifft sich im Einkaufscenter. "Dit is Einöde", sagt Wilde.

Auch sein Viertel hat sich verändert. Wenn man ihn fragt, was genau anders geworden sei, betrachtet er einen ein wenig amüsiert. "Na allet", antwortet er dann. Im Haus gegenüber eröffnet gerade ein neuer Laden, irgendwas mit Bio-Kindernahrung, hat Wilde gehört. Davor war dort eine Kriminalbuchhandlung, da ist er manchmal hingegangen, die Verkäuferin hat ihm mit seinem Handy geholfen, sie hat ihm auch diesen neuen Klingelton eingestellt. Sein Telefon singt jetzt. Wilde ist jedes Mal aufs Neue erstaunt, wenn er es hört.

Als er 1972 in die Winsstraße zog, hatte er sich gerade von seiner Frau getrennt. Wilde hatte sich viele Wohnungen angeschaut, es war schwer gewesen, etwas zu finden: "Allet Löcher." Diese hat zwar Außenklo und Ofenheizung, aber auch zwei Zimmer, sie ist hell und groß, und an der Decke klebt Stuck. Eine Wohnung mit Seele. Wilde hatte sie immer ganz für sich, nur zeitweise lebten seine Kinder bei ihm. "Verlieb dich oft, verlob dich selten und verheirate dich nie", sagt er und grinst. Früher hat er um die Ecke in der Sekundärrohstoff-Annahmestelle gearbeitet, Altpapier und Buntmetall gestapelt und entsorgt. Durch seine Arbeit kannte er die gesamte Nachbarschaft. Er war nie in einer Partei, ist nie aufgefallen. Zum Mauerfall, den er "Umschwung" nennt, bekam er Krebs, danach hörte er auf zu arbeiten. Wilde ist in Prenzlauer Berg geboren, er hat sein Viertel fast nie verlassen, in Westberlin war er seit dem Mauerfall nur einmal, im Ausland noch nie. "Wat soll ick da?", fragt er. Als Kind sei er zweimal in Stralsund gewesen. Wilde schaut sich die Welt im Fernsehen an, er schaut alles: Dokumentationen, CSI Miami, A-Team, Nachrichten, Talkshows. Manche Serien kennt er schon, er guckt sie sich trotzdem noch einmal an. Oft muss er sich dazu zwingen, den Fernseher auszuschalten. Er deutet auf eine Dart-Scheibe an seiner Wand, seit zwei Jahren habe er nicht mehr gespielt. "Allein macht das keinen Spaß."

Seine Kinder telefonieren mit ihm, täglich, sagt er, aber sie wohnen zu weit weg. Was macht er, wenn die Tage endlos erscheinen, wenn sie wie ermattete Tiere vor ihm liegen. Wilde kichert ein wenig verlegen, drückt sich aus dem Sessel und nimmt aus der Schrankwand einen blauen Hefter. Seit 1999 hat er eine Beschäftigung, ein Hobby, wie er sagt. Jeden Tag sucht er aus der Zeitung heraus, wer gestorben ist. Wilde trägt Namen, Alter und Beruf der Verstorbenen in eine Liste ein. Er führt eine Chronik des Todes.

Er kann nicht sagen, warum er das macht. Vielleicht ist es seine Art, mit der eigenen Vergänglichkeit umzugehen, die Angst vor dem Ende zu bannen. Wilde zeigt auf ein Foto an der Wand, darauf ist das Gesicht eines Jungen zu sehen, er trägt Seitenscheitel und blickt frech in die Kamera. Horst Wilde im Alter von fünf Jahren. "So wär ick gern wieder."

Heute nimmt er neun verschiedene Tabletten am Tag gegen Asthma, Diabetes, Herzbeschwerden. Er schafft kaum die Treppe in den dritten Stock. Eigentlich bleibt er immer in der Wohnung, diese 51 Quadratmeter sind seine Heimat. "Einen alten Baum soll man nich verpflanzen", sagt er. Bisher hat er keine neue Bleibe gefunden, auch die Plattenbauten sind inzwischen begehrt. Sein Sohn kümmert sich jetzt. Horst Wilde legt den Kopf schräg: "Nee, besonders jut jehts mir nich." Er will nicht fort. Im Winter, wenn seine Wohnung auskühlt, zieht er sich einen Pullover über.