Für die bürgerliche Politik in Deutschland ist der triumphale Wahlerfolg der bürgerlichen Politikerin Angela Merkel paradoxerweise ein harter Schlag. Es ist nicht leicht zu sagen, was das im politischen Sinne überhaupt heißt: "bürgerlich"; es ist ein schillernder, missbrauchsgefährdeter Begriff. Versuchsweise könnte man zwei Punkte nennen. Einmal eine Vorliebe für individuelle Leistung, für Verantwortlichkeit und Selbstbestimmung, für die Rechte und Freiheiten des Einzelnen. Zum anderen den Respekt vor Institutionen und gewachsenen Lebensformen. Das Erste ist das liberale Element der Bürgerlichkeit, das Zweite das konservative.

In der deutschen politischen Landschaft, wie sie sich nach der Bundestagswahl 2013 darstellt, droht diese Bürgerlichkeit heimatlos zu werden. Die siegreiche CDU/CSU ist eine stark sozialdemokratisierte und angegrünte Partei. Klassische konservative Themen (wie die Verteidigung des Gymnasiums) oder liberale Positionen (etwa dass nicht der Staat über Einkünfte oder über die Geschlechterverhältnisse in Unternehmensführungen zu entscheiden hat) sind in der Union nicht mehr selbstverständlich, vielleicht sogar nicht länger mehrheitsfähig. Gut möglich, dass das alles notwendige Modernisierung und der unvermeidliche Preis des Merkel-Erfolgs ist; auf jeden Fall bedeutet es eine Entbürgerlichung.

Wird jetzt auch noch die FDP staatstreu?

Zersplittert und ohnmächtig finden sich Bruchstücke dieser Bürgerlichkeit dafür bei den außerparlamentarischen Oppositionskräften FDP und Alternative für Deutschland (AfD) wieder. Die FDP, was immer man sonst von ihr halten mag, hat den Schutz der Bürgerrechte und die Kontrolle der staatlichen Macht nie ganz als Markenzeichen preisgegeben. Vor allem aber lässt sie sich noch immer einigermaßen klar als Partei des Marktliberalismus identifizieren. Seit der Finanzkrise ist allerdings deutlicher denn je, was für eine krasse Außenseiterrolle das in Deutschland mit sich bringt. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass die FDP beim Versuch ihrer Neuerfindung nach der Wahlkatastrophe gerade in puncto Marktglauben und Staatskritik Kompromisse machen wird – aus Angst vor dem Vorwurf der "sozialen Kälte". Soziale Wärme freilich gibt es in der Rhetorik und Programmatik deutscher Parteien mehr als genug.

In der AfD ist das Bürgerliche sowohl als kultureller Typus (die Professoren und Edelpublizisten im Führungspersonal) als auch im Sinne der Hausvatersorge um den Besitz (Vorsicht, Schuldenunion!) unverkennbar. Allerdings kann noch niemand sagen, ob sich nicht am Ende aus der liberalkonservativen Euro-Skepsis der AfD ein hässliches Generalressentiment gegen den Zeitgeist schlechthin herausentwickeln wird. Eine Art Breitbandwut über ungeliebte Gegenwartsphänomene wie Geldentwertung, Feminismus und Masseneinwanderung. Das wäre für die "Alternative" das Ende der Bürgerlichkeit. Eine bürgerliche Protest-, Frust- oder Aggressionspartei kann es nicht geben. Zur Bürgerlichkeit gehört, da darf man für einen Augenblick zum Bürgertumsgipfel Goethe hinaufblinzeln, ein gewisses Weltbehagen, eine Stimmung von Optimismus und Lebensfreundlichkeit, das Grundgefühl, dass man das Schicksal in die Hand nehmen, bewältigen und zum Guten lenken kann.