Natürlich ist dies eine historische Stunde, die Frage ist nur: Was für eine? Zunächst mal, aber das könnte sich auch als Episode erweisen: Die Wahlbeteiligung ist gestiegen, und das, obwohl jeder wusste: Egal wie ich wähle, am Ende gewinnt immer Merkel. Das Gerede von der Politikverdrossenheit dürfte sich jetzt also erst mal erübrigen.

Noch historischer ist, dass Angela Merkel – ausgerechnet die vormals Fremde, die in den westdeutschen Politikbetrieb Eingewanderte – die Union wieder in alte 40-Prozent-Höhen gebracht hat. Auch die fast schon zur Gewissheit geronnene These vom Niedergang der Volksparteien muss darum revidiert, zumindest halbiert werden: Für die Union gilt sie nicht, für die SPD vorerst noch.

Der Preis für diesen Erfolg ist hoch: Das bürgerliche Lager ist seit vergangenem Sonntag genauso zersplittert wie das linke. Nur da, wo das Bürgerliche sich verdünnt zeigt, also in Merkels Union, konnte es überleben. Da, wo es sehr pointiert auftrat, landete es außerhalb des Parlaments. Die FDP wurde für eine schlechte Regierungsleistung belohnt respektive bestraft. Das mag man gerecht finden, doch fehlt die Stimme gegen den Staat im Parlament nun ganz. Und einer alten BRD-Partei beim Kofferpacken zuzusehen stimmt viele zumindest nachdenklich (siehe S. 4).

In der AfD wiederum sammeln sich mit relativem Erfolg all jene, denen die Union nicht konservativ genug und die FDP nicht ausreichend neoliberal ist. Das profilierte Bürgertum ist dabei allerdings nicht mehr in der Mitte oder, so sehen sie sich ja, gar an der Spitze der Gesellschaft, das verschärfte Bürgertum ist marginalisiert (siehe S. 5). Was für eine seltsame Lage, man kann sich schwer vorstellen, dass dies auf Dauer stabil ist.

Viele in den drei linken Parteien betrachten diese Wahl vor allem deshalb als historisch, weil sich erwiesen habe, dass es keine linke gesellschaftliche Mehrheit gebe, diese Fata Morgana sei nun vom Horizont verschwunden.

Auf den ersten Blick stimmt das, wenn man die Stimmenanteile von Union, FDP und AfD addiert. Dennoch ist die These falsch. Umgekehrt wird daraus Geschichte: Nie zuvor haben die linken Parteien so sehr mit einer Stimme gesprochen wie diesmal, nie zuvor war das, was sie sagten, so irritierend und letztlich falsch. SPD, Linke und Grüne erzählten mit exakt gleichem Vokabular von der Elendsrepublik Deutschland, von den arbeitslosen, alleinerziehenden, prekären, verarmten Menschen. Was im Prinzip gut und richtig ist, weil eine Gesellschaft, der es so gut geht wie dieser und die so vergleichsweise prächtig funktioniert, Ungerechtigkeiten und Chancenlosigkeit nicht einfach hinnehmen darf. Aber genau das müsste eben vor der Klammer stehen: die gute Gesellschaft. Die Deutschen haben zum ersten Mal in ihrer Geschichte das Gefühl, ein moralisch integres, ökonomisch funktionierendes, leidlich gerechtes, international oft sogar bewundertes, zugleich cooles Land zu sein – und ausgerechnet da wollen ihnen die drei linken Parteien einreden, wie schlimm alles sei. Dass sich dagegen eine Mehrheit bildete, dürfte niemanden verwundern. Zumal die Linksparteien sich im Negativismus zwar einig waren, keineswegs jedoch darin, wie sie das Land gemeinsam würden "retten" können, die Machtfrage blieb offen und dunkel wie ein politisches Grab.

Die monotone Sprache und verquere Strategie der drei linken Parteien hat also die Mehrheit erst geschaffen, deren Existenz sie nun beklagen. Warum sich die SPD aus dem Narrativ der erfolgreichen Republik durch ihren zu demonstrativen Abschied von der Agenda 2010 ausgeklinkt hat und die Grünen sich von ihrer Bürgerlichkeit und ihrer Badenwürttemberghaftigkeit entfremdet haben, bleibt dabei letztlich rätselhaft (siehe S. 8). SPD und Grüne haben geredet wie die Linkspartei und ihr jeweiliges Potenzial dadurch nicht ausgeschöpft, sondern erschöpft.

Historisch neu ist nicht zuletzt das große Spiel um die Macht. Erstmals hat die stärkste Fraktion nicht nur einen möglichen Koalitionspartner, sondern deren zwei. Oder auch gar keinen, wie die Kanzlerin schon am Wahlabend mit der Hellsicht der ängstlichen Dreimeterbrett-Springerin erkannte. Nimmt man hinzu, dass in Hessen nun in derselben Konstellation parallelverhandelt wird, so muss man sagen: Gegen diese Koalitionsverhandlungen waren alle bisherigen Mau-Mau mit offenen Karten. Jetzt zeigt sich, wer wirklich zocken kann (siehe S. 2 und 3).

Und am Ende des großen Spiels kommt dann der große Ernst. Schließlich hat sich das Land aus einer gewissen Skepsis gegenüber der Zukunft in der Gegenwart verbarrikadiert. Das ist dann vorbei. In Syrien ist Krieg, und er geht Europa an. In Europa ist immer noch Krise, und die geht nicht weg durch Luftanhalten. Viele bedauernswerte Flüchtlinge stehen vor der Tür, und das Problem mit der Demografie verschwindet nicht dadurch, dass man sich übers läppische Betreuungsgeld zerfetzt. Und das sind nur ein paar Beispiele. Doch nun gilt erst mal: Mögen die Spiele beginnen!