Ein Klischee geht um die Welt: Deutschland, das Land der Mutti-Wähler. Das alberne M-Wort ist sogar bis ins ferne Panama vorgedrungen. Das simple Bild kann freilich auch positive Färbung annehmen, etwa unter den Bewohnern der arabischsprachigen Großregion zwischen Casablanca und Bagdad. Mag Deutschlands Wahl die Araber auch wenig interessieren, ist da doch diese Faszination für eine starke Frau, die das schafft, was den arabischen Führern nie gelungen ist: den nationalen Frieden zu wahren und ihr Land stärker werden zu lassen. Und so posiert "Mirkil", Sekt trinkend und verschmitzt lachend, auf den hinteren Seiten der Zeitungen sowie in den Kurznachrichten der Staatssender, wo ihr Auftritt das Publikum ein bisschen nachdenklich macht.

Intensiver natürlich befasst sich Europa mit der Merkel-Wahl. Deutschland sei das Undenkbare gelungen, schreibt der Pariser Publizist Michel Crépu: Es sei auf einmal "à la mode". Neidisch blicken viele Franzosen über den Rhein; ihr Präsident François Hollande steckt in einem historischen Umfragetief, während die Deutschen Merkel haben. Erinnert wird daran, dass Hollande noch bis vor Kurzem ernsthaft glaubte, was Sigmar Gabriel vor Jahresfrist auf dem Parteitag der französischen Genossen ausgerufen hatte: "Wir werden Angela Merkel aus dem Kanzleramt jagen!" Nun wird Hollande mit Merkel vermutlich bis 2017 zusammenarbeiten müssen.

In Paris, Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten hoffen manche Linke darauf, mit der SPD als Juniorpartner werde Merkel die wirtschaftspolitischen Zügel lockern müssen. Darauf angesprochen, sagt Hubert Védrine, einst französischer Außenminister und im linken Lager einer der besten Beobachter der Außenpolitik: "Große Veränderungen sind von Berlin nicht zu erwarten. In Europafragen haben die potenziellen Koalitionspartner Merkels wenig Druckpotenzial. Sie wissen, dass Merkels Position diejenige der deutschen Mehrheit ist. Da sollten sich unsere Linken keine Illusionen machen."

Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker formuliert diesen Gedanken im Gespräch mit der ZEIT so: "Es gibt in Deutschland einen Grundkonsens, dass der Solidarität der einen in der EU die Solidität der anderen entsprechen muss." Der italienische Politikphilosoph Angelo Bolaffi benutzt schärfere Worte: "Wer jetzt glaubt, wegen der Sozialdemokraten in einer Koalitionsregierung könne er wieder sorglos auf Pump leben, wird sich schwer täuschen."

Bolaffi geht so weit, zu sagen, dass Merkels Deutschland ein Modell für Europa sei. Fürchtet er denn gar nicht die deutsche Arroganz? "Ach was", lacht er, "was wie Arroganz wirkt, ist meistens nur die Unfähigkeit der Deutschen zur Ironie. Aber das werden sie noch lernen." Man will es gern hoffen. Doch bei aller Anstrengung, als Ironie lässt sich die Reaktion des Komikers und Politikers Beppe Grillo auf Merkels Sieg kaum noch deuten: "Auf den Trümmern Südeuropas erhebt sich das ›Vierte Reich‹." Für Europas Populisten bleibt Merkel die perfekte Zielscheibe.

Man muss allerdings nicht glauben, dass die Welt das deutsche Geschehen atemlos verfolgt hätte. Das politische Washington registrierte zwar zufrieden, dass Deutschland politisch stabil bleibe; auf die Titelseite der Zeitungen drang das Wahlergebnis aber nur im Fall des Wall Street Journal. Die im brasilianischen Rio de Janeiro meistgelesene Tageszeitung O Globo brachte gar nur einen kleinen Bericht auf Seite 22; die erste Seite war dem "Rock in Rio"-Großspektakel gewidmet.

Die Antipoden Deutschlands schließlich, die Bewohner Neuseelands, immerhin großenteils europäischer Abstammung, interessieren sich nicht für Europa oder gar Berlin, sondern für Asien. Und zurzeit für den America’s Cup.

Mitarbeit: Mohamed Amjahid, Thomas Fischermann, Martin Klingst, Matthias Krupa