Wahrscheinlich ist es nicht, unmöglich aber auch nicht: Schwarz-Grün. Ist es denn sinnvoll? Ist Schwarz-Grün besser als Schwarz-Rot?

Dazu muss man zunächst mit einem Mythos aufräumen: Eine Große Koalition garantiert keineswegs immer Stabilität. Diesmal nicht. Vor allem, weil die SPD mit Rot-Rot-Grün eine Alternative hat, aber auch weil die gute alte Partei so tief gekränkt ist über den Abstand zur anderen Volkspartei. Die Sache wäre labil.

Schwarz-Grün wäre es nicht, der Weg dahin ist weit, doch wenn man sich unter Schmerzen, Tränen und schließlich Lachen einigt, dann kann es auch lange halten. (Was übrigens der einzige Garant gegen Rot-Rot-Grün schon 2015 wäre.)

Auch Schwarz-Grün muss man zunächst von Mythen befreien: Nein, ein solches Bündnis wäre keine Versöhnung zwischen Vätern und Töchtern oder gar zwischen den 68ern und den Anti-68ern. Seit Dienstag, dem 24. September 2013 ist 68 endgültig passé. Da sind mit Jürgen Trittin, Renate Künast und Claudia Roth die letzten Bundespolitiker dieses Schlages zurückgetreten. Was zusammenkäme, das wären nicht die Feinde von einst, sondern die Merkel-von-der-Leyen-CDU mit den Habeck-Göring-Eckardt-Grünen, Leute eben, die einen mehr schwarz, die anderen mehr grün.

Der Wahlkampf der Grünen war eine Regression, wieder ganz im Stile der Polemik, des Gegner-Anschreiens, dafür ohne Augenzwinkern, ohne Demut oder Selbstironie. Doch hat sich das mit der Niederlage ausagiert, die jüngeren Grünen können jetzt wieder zu sich kommen. Nach und nach dürfte klar werden, wie wenig dieser Stil ihnen geholfen hat, neue Wähler zu gewinnen, wie sehr er dazu diente, die biografische Kontinuität der Altvorderen zu decken: Fast alles mussten die Trittins in den vergangenen Jahrzehnten revidieren, aber dass die Rechten die Bösen sind, das, bitte, musste doch bewahrt bleiben.

Natürlich gibt es diesen Impuls auch bei der Union noch, gerade bei der CSU, die stets in der Gefahr ist, ihre folkloristischen Polemiken selbst zu glauben. Doch auch sie werden merken, wie lächerlich es ist, Menschen wie Cem Özdemir oder den Bürgermeister Boris Palmer anzuhassen.

Persönliche Polemik also war gestern, nähern wir uns vorsichtig den Inhalten. Auch da gilt es, Wahlkampfmythen abzuräumen: Die Grünen sind nicht gut umgegangen mit ihrer früheren Toleranz gegenüber Päderasten, das stimmt. Aber eine Pädophilenpartei waren sie nie. Das werden sogar die schwärzesten CSUler einsehen, sobald sie wieder nüchtern sind.

Auf der anderen Seite: Die Union ist keine reine Macho-Partei, trotz des Betreuungsgeldes, das wiederum mitnichten als Beweis für die familienpolitische Gestrigkeit der Union dienen kann, es ist lediglich der läppische Rest vom Gestern. Die Grünen sollten (und werden) sich da mal langsam wieder abregen.

Ohnehin verhält es sich mit all den gesellschaftspolitischen Fragen, von der Quote bis zur Gleichstellung homosexueller Eltern, ganz anders als im Wahlkampf inszeniert: Union und Grüne wollen da nicht das Gegenteil, die Union will dasselbe – nur etwas langsamer.

Selbst bei den Steuererhöhungen stehen die Parteien nicht allzu hart gegeneinander. Immerhin hat die Union dreißig Milliarden Euro für Wohltaten aller Art versprochen, die sie bislang nicht gegenfinanziert hat. Da würde sie sich noch über die ein oder andere Steuererhöhung freuen, die sie den Grünen in die Schuhe schieben könnte.

All das zeigt: Kompromisse sind möglich. Nur reicht das nicht, um Schwarz-Grün positiv zu begründen. Die vier Themen, bei denen eine solche Regierung besser sein müsste, sind: Europa, Energiewende, Schulden und Demografie.

Dass Ökologen gewissermaßen von Natur aus eher weniger zum Schuldenmachen neigen, das haben die Grünen zuletzt vergessen, weil sie zu viel über Steuererhöhungen gesprochen haben und wortgleich der SPD hinterhergerannt sind, wenn es um Konjunkturprogramme für Europas Krisenländer ging. An sich jedoch ist ihnen Sparsamkeit so wenig fremd wie Angela Merkel der Gedanke, dass man in den kommenden zwei Jahren mehr in die Südeuropäer investieren muss als in den vergangenen zwei. Was die Zukunft der EU angeht, so würde Schwarz-Grün sicherlich den integrationistischen Kurs eines Wolfgang Schäuble stärken und damit vielleicht endlich eine richtige Debatte lostreten (allein hat der das ja nie geschafft).

Bei der Energiewende müssten mit Union und Grünen die beiden Extreme zusammenkommen, traditionell und erneuerbar. Genau dazwischen muss es allerdings auch von der Sache her einen Kompromiss geben. Überdies vereinen Schwarz und Grün zurzeit die maximale Energiewendekompetenz.

Das Beste jedoch, was eine schwarz-grüne Koalition schaffen könnte, wäre die radikale Umwertung des Themas Migration. Dabei geht es um mehr als die doppelte Staatsbürgerschaft, ohne die allerdings die Grünen nie koalieren würden. Es geht um viel mehr: Wie bekommt man es hin, dass Migration nicht zuerst als Problem angesehen wird, sondern als Lösung – nicht zuletzt für die Demografie? Hier müsste die Union einen weiten Weg gehen, geht sie ihn nicht, dann gibt es eben kein Schwarz-Grün.

So oder so, die Sache brauchte Zeit. Sagen wir mal: Nikolaus wäre ein guter Termin.