Die Insel der Römer liegt mitten in der Stadt. Ein paar steinerne Treppen am Lungotevere de’ Cenci hinunter, und man ist auf der Tiberinsel. Es riecht nach Fluss und nach Grill. Junge Leute nippen auf weißen Lounge-Betten am Aperol. Eine Leinwand überragt alles. Die Insel der Römer ist ein Kino, die Isola del Cinema.

Auf einem Plakat sieht man Audrey Hepburn, wie sie in Ein Herz und eine Krone auf der Vespa am Kolosseum vorbeiflitzt. Eines der Bilder, die jeder von Rom kennt. Von kaum einer anderen Stadt, New York mal ausgenommen, hat man so viele Bilder im Kopf – die meisten stammen aus dem Kino. Anita Ekberg und Marcello Mastroianni beim Bad im Trevibrunnen, Anna Magnani hinterm Obststand, Pasolinis schöner Zuhälter Accattone, wie er von einem Aquädukt in den Tiber springt.

Vacanze romane lautet das Motto der Kino-Insel, römische Ferien. Und wie Ferien fühlt sich das hier an. Hitze und Lärm sind weit weg, man hört nur den Fluss und die Kurzfilme über Rom, die an diesem Abend im Vorprogramm laufen. Die Plastikstühle füllen sich, oben auf der Brücke stehen Menschen dicht an dicht und blicken hinunter auf die Leinwand. Nicht alle können in Zeiten der Krise ein Ticket für sieben Euro kaufen. Aber alle wollen den Hauptfilm La grande bellezza, die große Schönheit, von Paolo Sorrentino sehen. Auch den Römern scheint es zu gefallen, ihre Stadt als Filmset zu betrachten.

In La grande bellezza geht es um einen melancholischen Schriftsteller, der in Rom lebt. Umgeben von schönen Frauen und einer schönen Stadt, la dolce vita 2013. Am Himmel blinken die ersten Sterne, Fledermäuse ziehen an der Leinwand vorbei. Auf die Kaimauer hat jemand in großen weißen Buchstaben gemalt: "Ich liebe dich von hier bis ans Ende der Welt". Dahinter die Stadt, angeleuchtet vom gelben Licht der Laternen. Eine steinerne Brücke, ein verschnörkelter Brunnen, das Kapitol ist nicht weit. La grande bellezza. Man fragt sich, was schöner ist: die Bilder aus dem Film oder die Wirklichkeit. Und wie es sich lebt in einer Stadt, die eine so perfekte Kulisse abgibt. Sind die Römer nur Zuschauer oder auch Regisseure im großen Romfilm?

Jeder, der sich im Lauf der Jahrhunderte in Rom verewigte, hatte ein riesiges Publikum vor Augen, Imperatoren, Päpste, Könige, Diktatoren. Vom Hügel Aventin aus hat man ihre Inszenierungen wie in einer Totale vor sich: antike Säulen und Mauern, dazwischen Kirchtürme. Hinten blitzt weiß das Vittoriano hervor, das klotzige Monument der italienischen Nation. Selbst das Feld neben der Straße, auf dem am Samstagnachmittag die Teenies in der Sonne knutschen, ist nicht einfach ein Feld. Hier war der Circus Maximus. Indische Touristen stapfen über die Wiese. Einer hat einen Gladiatorenhelm aus Plastik auf dem Kopf. In welchem Film er sich wohl gerade befindet? Unter einer Pinie stehen junge Leute und trommeln auf Ölfässern ein Lied von Jovanotti. Es heißt L’ombelico del mondo, der Nabel der Welt.

Der Stadtteil EUR sollte mal der Nabel der Welt sein. Mussolini wollte eine Weltausstellung und eine Stadt aus dem Boden stampfen. Alles ist riesig, die Alleen, die Plätze und die Hochhäuser der Banken und Firmen, die hier ihren Sitz haben. Ich gehe mit dem Dokumentarfilmer Daniele Vicari eine der Durchgangsstraßen entlang. Vicari, schwarze Brille, halblanges Haar, mag das Viertel, zwischen dessen weißen Riegeln Anita Ekberg in Fellinis Le tentazioni del dottor Antonio als blonde, vollbusige Riesin umhergehüpft ist, als seien es Bauklötzchen.

EUR sei offen für Deutungen, sagt Vicari. Er hat hier einen Dokumentarfilm gedreht, über junge Männer, die die faschistische Kulisse auf ihre Art nutzen: indem sie sich nachts in großen, leeren Straßen Autorennen liefern.

Vicari fährt mich zur Bushaltestelle. Er kommt aus einem Bergdorf mit 300 Einwohnern, seine Großmutter war nie am Meer und nie im Kino. Als er das erste Mal in Rom war, hatte er das Gefühl, in San Francisco zu sein. Das war die einzige Großstadt, die er kannte – aus den Fernsehserien der achtziger Jahre. Vicari sagt, dass ihn Filme wie Woody Allens To Rome with Love ankotzen.