DIE ZEIT: Herr Lombardozzi, Ihr Künstlername lautet Heinrich Dressel. Das ist ein ungewöhnlicher Name für einen italienischen DJ, der elektronische Musik macht.

Valerio Lombardozzi: Als ich vor ein paar Jahren beschloss, die Richtung zu ändern und soundtrackartiger zu arbeiten, erschien mir Heinrich Dressel das perfekte Pseudonym zu sein: geheimnisvoll, düster, unbekannt. Heinrich Dressel hieß der Archäologe, der Ende des 19. Jahrhunderts in Rom die antiken Keramikscherben erforschte, aus denen der Monte Testaccio besteht. Ich bin am Fuße dieser antiken Schutthalde aufgewachsen.

ZEIT: Damals war Testaccio keine gute Gegend.

Lombardozzi: Ende der achtziger Jahre musste der Hügel gesperrt werden, weil er übersät war mit Kondomen und Spritzen. Doch für mich blieb er ein mythischer Ort. Irgendwann habe ich den Soundtrack dazu gemacht.

ZEIT: In der Mons Testaceum-Trilogie zeichnen Sie die Reise der Amphoren, in denen vor 2000 Jahren Olivenöl aus den Provinzen nach Rom kam, bis zur Klassifizierung der Scherben durch Heinrich Dressel. Das ist sehr intellektuelle, minimalistische Musik, die wenig mit dem zu tun hat, was man landläufig mit dem Sound von Rom verbindet.

Lombardozzi: Was verbinden Sie denn mit dem Sound von Rom, wenn ich mal zurückfragen darf?

ZEIT: Leidenschaft, Emotion. Irgendwas zwischen Italo-Disco und Adriano Celentanos Azzurro.

Lombardozzi: Inzwischen sind römische Musiker und Djs ziemlich erfolgreich mit gut tanzbarem, eingängigen Mainstream-Techno. DJ Francisco zum Beispiel, ein römischer Evergreen, hat kürzlich ein cooles Horroralbum gemacht. Persönlich schätze ich die Kollegen sehr.

ZEIT: Musikalisch nicht?

Lombardozzi: Ich habe andere Wurzeln. Ich komme aus der illegalen römischen Raveszene der frühen Neunziger. Wir haben Raves und Techno-Events in aufgelassenen Fabriken, in besetzten Häusern organisiert. Eine großartige Zeit, die leider vorbei ist.

ZEIT: Die Neunziger haben keine Spuren in der Stadt hinterlassen?

Lombardozzi: Das Label MinimalRome ist noch dem alten Spirit verpflichtet. Wir sind ein kollektiv organisierter Musikverlag, der sich für Leute interessiert, die sich ernsthaft mit den Möglichkeiten von elektronischer Musik auseinandersetzen. Unsere Homebase ist seit 2003 das Muzak, ein kleiner, in den Monte Testaccio gegrabener Club. Gerade in der Wintersaison finden dort gute Partys statt.

ZEIT: Das ehemalige Problemviertel Testaccio soll sich in den letzten Jahren zu einem Hotspot fürs Nachtleben entwickelt haben.

Lombardozzi: Hotspot ist das richtige Wort. Wo früher Arbeiter wohnten, leben heute Künstler, Filmleute und Journalisten. Viele der alten Clubs sind verschwunden, und die neuen sind sehr kommerziell. Da würde ich keine Freunde hinschicken.

ZEIT: Sie warnen uns vor Ihrem eigenen Viertel?

Lombardozzi: Am Tag ist es immer noch eine schöne Ecke. Ich mag den Friedhof der Protestanten, John Keats liegt hier, Antonio Gramsci und Goethes Sohn August. Auch schön: ein Spaziergang am Tiber entlang bis rüber, auf ein Bier, nach Trastevere.

ZEIT: Und wo würden Sie Ihre Freunde dann hinschicken?

Lombardozzi: In Centocelle, östlich der Altstadt, liegt eines der ältesten besetzten Häuser Europas: Forte Prenestino. Dort finden oft Konzerte statt. Und wenn Sie einen Sinn für industrielle Archäologie haben, ist der alte Gasometer in Ostiense eine gute Adresse. Mit 92 Metern einer der höchsten Europas. Ein tolles Setting. Inzwischen haben sich dort viele schicke Bars, Cafés und Clubs angesiedelt. Die sind allerdings Geschmackssache.

ZEIT: Und wie sähe für Sie persönlich die ideale römische Nacht aus?

Lombardozzi: In der idealen Nacht würde ich mit einem befreundeten Musiker zusammen Musik machen, mit James T. Cotton etwa, aus Michigan, MinimalRome hat ein klasse Album mit ihm gemacht, aber er war noch nie in der Stadt.

ZEIT: Ein seltenes Event also. Vermutlich müsste man sich früh um eine Karte bemühen?

Lombardozzi: Weil die Römer verrückt auf unsere Musik sind? MinimalRome verkauft 80 Prozent seiner Musik im Ausland. Wir nehmen das nicht persönlich. Selbst große Veranstalter verzweifeln am hiesigen Publikum. Sie fliegen Leute ein, die in ganz Europa die Tanzflächen füllen. Hier kann es passieren, dass die vor 100 Leuten spielen. Römer wollen Mainstream-Techno.