Die Schriftstellerin Nora Bossong schrieb in der vorigen Ausgabe über den Artikel von Eugen Ruge in der ZEIT Nr. 38, in dem Ruge die Repräsentativität und Kontrollwirksamkeit des Parlaments sehr grundsätzlich kritisiert hatte, unter anderem: "Unsere heutigen demokratischen Verhältnisse mit denen im totalitären Einparteienstaat gleichzusetzen, halte ich nicht nur für überzogen, sondern für eine gravierende Verkennung dessen, was wir an freiheitlichen Grundrechten (...) haben." Sie plädierte dafür, die Strukturen des bestehenden Systems zu nutzen, "statt leichthin ihren Abriss zuf fordern". Eugen Ruge fühlt sich missverstanden und setzt sich zur Wehr.

Ich fasse zusammen: Ruge ist gegen die Demokratie, und wer sich an Bürgerbewegungen beteiligt, hat zu viel Zeit! Aber ansonsten ist alles gut so, wie es ist, und wir wollen es um Himmels willen so lassen! Das ist eine schöne Haltung, die jedenfalls alles Weitere überflüssig macht. Abgesehen vom Urnengang alle vier Jahre!

Ist es wirklich so schwer zu begreifen, oder habe ich mich so schlecht ausgedrückt? Wer sagt denn, dass ich für den "Abriss" der Demokratie bin, schon gar "leichthin"? Es fehlt nicht viel, und ich bin ein SED-Anhänger. Nein, ich bin nicht für den "Abriss" der Demokratie, ich bin noch nicht einmal gegen die repräsentative Demokratie, sondern ich versuche gerade, sie zu verteidigen.

Aber wer glaubt, man verteidige die Demokratie am besten, indem man sie allmählich wie einen Estrich erstarren lässt, der irrt sich. Die Demokratie hat eine Geschichte, sie hat sich verändert, und sie wird sich verändern, und wenn sie aufhört, sich zu verändern in einer sich verändernden Welt, dann stirbt sie ab – das Wort "postdemokratisch" ist nicht einfach ein Kinderschreck, sondern Symptom einer gefährlichen Krankheit.

Mir ging es – für den Anfang – um eine sehr einfache Frage: Repräsentiert der Bundestag unsere Bevölkerung? – Darf man das fragen? Oder ist irgendein Teil der Bevölkerung nicht wert, repräsentiert zu werden?

Nach Nora Bossong sind es die Politikverdrossenen und Nichtwähler. Dass sie im Parlament nicht repräsentiert sind, stört sie nicht: selber schuld! Wie kann man unsere Politik verdrießlich finden! Jemand, der bewusst nicht wählt (wie Harald Welzer oder Gabor Steingart, um nur zwei hochpolitische Nichtwähler zu nennen), hätte demnach sein Recht verwirkt, Interessen zu haben. Warum sollte man solchen Leuten nicht gleich die Bürgerrechte entziehen? Oder sie ausweisen?

Aber dass eine Partei, die vielleicht von 3 Prozent der Bevölkerung tatsächlich gewählt wird, fünf oder ich weiß nicht wie viele Minister stellt, das ist in Ordnung?

Dass der Bundestag kaum als repräsentativ anzusehen ist, hat noch viele andere Gründe. Es hat unter anderem mit der Frage zu tun, wie man in den Bundestag kommt, mit seiner Struktur und der Art seiner Fraktionierung. Einfaches Beispiel: Wenn ich Sie nach Ihrer Lieblingsfarbe frage und lasse Ihnen zur Auswahl Schwarz und Weiß – was wählen Sie? Ein Versuch ist so gut wie die Versuchsanordnung. Denken Sie darüber nach, und versuchen Sie zu verstehen, was ich über die Funktion des Bundestages gesagt habe.

Ein Wort zu den deliberativen Modellen. Ist Nora Bossong eigentlich halbwegs bewusst, welche Kräfte in dieser Gesellschaft wirken? Glaubt sie wirklich an den Einfluss von Menschen, die, wie sie es nennt, "über mehr Zeit verfügen als andere" (wer ist das, die Occupy-Bewegung, die Bürgerinitiativen gegen die Zersiedlung von Kulturlandschaften, die Hippies?) – glaubt sie wirklich, dass diese Menschen mehr Einfluss auf die Politik der Bundesregierung haben als die 147 multinationalen Unternehmen der Welt, die 40 Prozent des Kapitals verwalten und besitzen?

Dass es zum Regieren in einer komplexen Welt Profis braucht, steht außer Frage. Aber heißt das, dass man den Politprofis alles überlassen muss ?

Die Frage, die ich stelle, ist nicht, wie man Regierungen abschafft, sondern wie man eine – gewählte – Regierung wirksamer durch die Öffentlichkeit kontrolliert. Ob man zum Beispiel die Wahl des Parlaments und die Wahl der Regierung strukturell entkoppeln könnte. Ob man den parteilich organisierten Politprofis ein nicht unbedingt der Fraktionsdisziplin unterworfenes anderes gegenüberstellt, damit nicht eine Art Spiegelsystem entsteht, das sich immerfort nur selbst bestätigt – was besonders gefährlich ist, wenn absolute Mehrheiten entstehen.

Schließlich der Zufall: Ich verstehe, dass Laien den Zufall für unberechenbar und gefährlich halten. Es könnte sein, dass das, was auf uns zukommt, gefährlicher ist. Die Wahlwerbung der Parteien hat immer weniger Inhalt. Werbefachleute und Psychologen bestimmen zunehmend die Strategien. Wir werden – zuerst in Amerika – erleben, dass der Wahlausgang auch eine Sache der besseren Manipulationsmittel wird. Deswegen lohnt es sich, über Auswahlverfahren nachzudenken, die man – möglicherweise parallel zu "Regierungswahlen" – auf die Wahl des Parlaments anwenden kann. Es muss nicht der Zufall sein. Man kann auch vorsichtig über die Stärkung von Direktmandaten nachdenken. Man kann darüber nachdenken, wie man die Volksvertreter weniger von den Parteiführungen abhängig macht.

Die Welt bewegt sich mit wahnsinniger Geschwindigkeit, die Kapitalkonzentration wächst, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer mehr auseinander, wir produzieren Milliarden Tonnen CO₂, während in anderen Weltregionen das Wasser knapp wird, und so weiter. Nein, hier will keiner irgendetwas abreißen, keiner will die Parteien abschaffen, keiner die Diktatur wieder einführen. Aber ein bisschen mehr Kühnheit sollten wir uns in dieser Lage schon leisten – wenigstens gedanklich!