Mit der sichtbaren Abwicklung der FDP beginnt am Wahlsonntag ein Requisiteur des ZDF. Im Hauptstadtstudio haben die Fernsehleute ihre Bühne für die Berliner Runde vorbereitet, ab 20.15 Uhr sollen hier die Spitzenkandidaten der Bundestagsparteien diskutieren. Sieben Tische und Stühle sind aufgebaut, man rechnet auch mit der AfD; als Vertreter der FDP ist Fraktionschef Rainer Brüderle eingeladen. Doch als am Nachmittag die ersten Prognosen durch die Hauptstadt wabern, schwant der Redaktion, dass Brüderles Platz nicht gebraucht werden wird.

Gegen 16.15 Uhr telefonieren die Moderatoren Thomas Baumann und Peter Frey mit Brüderle. Sie wollen ihn auf eine mögliche Ausladung vorbereiten. Die erste offizielle Hochrechnung um 18 Uhr ergibt 4,7 Prozent für die FDP. Gegen 18.45 Uhr räumt Brüderle öffentlich seine Niederlage ein. Um 19.03 Uhr sagt sein Sprecher den Fernsehauftritt telefonisch ab. Der Requisiteur des ZDF trägt Tisch und Stuhl aus dem Studio. Zum ersten Mal seit Einführung der Sendung im Wahljahr 1969 sitzt am Abend kein Vertreter der FDP in der Runde. Die Liberalen sind weg von der Bühne, raus aus dem Bundestag, vom Wähler verstoßen ins politische Nichts.

Was sich in den nächsten Stunden und Tagen abspielt, ist ein Drama, wie es die FDP seit ihrer Gründung im Jahr 1949 noch nie erlebt hat. Jene Partei, die 44 Jahre lang das Land mitregierte und seit dem Bestehen der Republik durchgehend im Bundestag vertreten war, erlebt jetzt ihre absolute Niederlage, ihre Stunde null, nicht nur politisch. Mit einem Schlag sind nun Hunderte Liberale ihre Jobs los. In den Sälen des Parlaments, in der Parteizentrale, in den Abgeordnetenbüros und Ministerien geht es jetzt bei vielen um die nackte Existenz.

Montag, 11.45 Uhr: Im zweiten Stock des Reichstags zieht eine Trauerprozession über den Flur. Es sind die FDP-Präsidiumsmitglieder. Knapp zwei Stunden lang haben sie im Protokollsaal getagt, einer nach dem anderen tritt nun durch die blutrote Tür hinaus, ernste Gesichter, die meisten schweigen. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel hat rot geweinte Augen, Gesundheitsminister Daniel Bahr soll während der Sitzung geschluchzt haben, heißt es. Auf den Tischen im leeren Saal stehen gelbe Namensschilder aus Papier und Teller mit angebissenen Brötchen. An Christian Lindners Platz liegt ein handgeschriebener Zettel, oben rechts ist ein Firmenlogo aufgedruckt ("relexa hotels – Die feine Art"), darunter liest man Stichwörter in blauer Tinte. "Kein Blutrausch" lässt sich entziffern, "FDP verliert an AfD" und ein Satz, den Lindner später so ähnlich in die Kameras sprechen wird: "Nicht alles falsch, aber eben vieles auch nicht richtig."

Nicht alles falsch. Es sind Worte der Verzweiflung, ein matter Versuch, der Partei noch einen Funken Überlebensmut einzuhauchen, aber heute erreicht Lindner damit niemanden.

Über den Flur des Reichstags schleicht Horst Meierhofer, Bundestagsmitglied aus Bayern, Wahlkreis Regensburg. Meierhofer ist einer jener Abgeordneten, die sich bis Sonntagabend sicher im Parlament wähnten. Listenplatz zwei, da hätten schon 5,0 Prozent für seinen Wiedereinzug gereicht, sagt Meierhofer. "Wirklich keiner in der Partei hat damit gerechnet, dass wir ganz rausfliegen."

Seit 2005 saß Meierhofer, 41, im Bundestag. Über berufliche Alternativen hat er bis zum Wahlsonntag nicht nachgedacht. Hat er schon eine Idee? "Nee", sagt Meierhofer. "Ich wickel jetzt erst mal den ganzen Scheiß ab." Die Wahlkreisbüros in der Oberpfalz müssten gekündigt werden, die Zeitschriftenabos, die Dienstwohnung in Berlin, "alles einmal durchfegen und weißeln". Von Oktober an bekommt Meierhofer noch acht Monate lang rund 8000 Euro Übergangsgeld, einen Monat pro Parlamentsjahr, und das war es dann. Seine vier Festangestellten fallen weniger weich. Sie bekommen ihr letztes Gehalt im Oktober. Was danach aus ihnen wird, weiß Meierhofer nicht. "Ich kann für die nichts tun", sagt er. "Was würde es denen nutzen, wenn ich als gescheiterter FDP-Abgeordneter bei irgendwem ein gutes Wort einlegen würde?"

Bis zu 600 Mitarbeiter der FDP würden in den kommenden Wochen arbeitslos, heißt es in der Partei. Während Christian Lindner Montagmittag auf dem Reichstagsflur die Liberalen zum Durchhalten mahnt, räumen die Angestellten der FDP-Abgeordneten nebenan im Jakob-Kaiser-Haus ihre Büros. In den Zimmern eines Bundestagsmitglieds aus dem Süden sind drei Mitarbeiter seit dem frühen Morgen damit beschäftigt, Akten, Vermerke, Flyer wegzuschmeißen. Leere Ordner stapeln sich in den Regalen, der brusthohe Müllwagen ist schon wieder fast voll. Von der Arbeit der gesamten Legislaturperiode wird am Ende nichts übrig bleiben. "Wär auch Schwachsinn, das alles zu behalten", sagt eine der Angestellten, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will.

Es geht dieser Tage viel um Scham bei der FDP. In Internetforen, Blogs und auf Twitter häuften sich nach der Niederlage hämische Kommentare. "Muddi hat die FDP gekillt." "Das Ausscheiden der FDP ist natürlich eine herbe Belastung für den Anwaltsmarkt." Ein alter Satz Philipp Röslers wird gern zitiert, damals war er auf die arbeitslosen Mitarbeiterinnen der bankrotten Drogeriekette Schlecker gemünzt: "Jetzt gilt es für die Beschäftigten, schnellstmöglich eine Anschlussverwendung selber zu finden."

An der Schadenfreude ist die FDP zum Teil selbst schuld. Wie im Größenwahn hatte die Partei unter ihrem Vorsitzenden Guido Westerwelle vor vier Jahren ihren historischen Wahlsieg von 14,6 Prozent gefeiert und sich danach lange den Realitäten des Regierungsalltags verweigert. Man sah sich schon als neue Volksbewegung, als natürliche Herrschaftspartei sowieso. Umso härter trifft die Liberalen im Herbst 2013 der Rauswurf aus dem Bundestag. Seit heute Morgen seien ihr reihenweise heulende Kollegen begegnet, erzählt die Mitarbeiterin des FDP-Abgeordneten in ihrem halb leeren Büro. Was sie selbst nun machen soll, weiß sie nicht.