Sang- und klanglos ging die FDP unter bei dieser Bundestagswahl – selbst das berühmt-berüchtigte "Totenglöcklein" vernahmen nur noch jene, die sich daran erinnern, wie Spiegel- Herausgeber Rudolf Augstein, der später für kurze Zeit FDP-Bundestagsabgeordneter war, es Mitte der sechziger Jahre voreilig läuten wollte. Die FDP zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik nicht mehr im Bundestag – das ist schon ein historisches Datum. Und wohl auch ein historischer Endpunkt. Denn es ist fraglich, ob ein Christian Lindner jetzt vollbringen kann, was er im Zusammenwirken mit Philipp Rösler vor kaum drei Jahren nicht hatte wagen wollen, nämlich die Reanimation einer inzwischen atemlosen Partei.

Über die Gründe für das fatale Abschneiden braucht man nicht lange nachzudenken. Wenn die Liberalen in früheren Legislaturen ein bestimmtes Forte ihr eigen nannten, dann war es das von ordnungspolitischen Prinzipien geleitete Denken und Handeln. Diesmal aber waren sie so töricht, sich die absurde und komplizierte Mehrwertsteuerregelung für die Hotels ans Bein binden zu lassen, obwohl dieser Unfug eigentlich von der bayerischen CSU ausgedacht und erzwungen wurde. Ein solcher schamloser Klientelismus musste eine liberale Partei bis ins Mark desavouieren.

Doch weshalb konnte so etwas überhaupt geschehen? Die FDP war personell so ausgebrannt, dass ihre programmatischen Restbestände nicht mehr plausibel repräsentiert wurden. Wenn aber die primären Werte einer Partei verblassen, bleiben nur noch die sekundären Motive übrig: Ein paar Leute müssen die FDP doch noch wählen, damit dieser dieser Kanzler gewählt werde und nicht jener. Diesmal war klar, dass Angela Merkel Kanzlerin bleiben würde – um das zu garantieren, brauchte man nicht die FDP zu wählen; im Gegenteil, hätte die FDP noch mehr Stimmen an die Union abgegeben, hätte Merkel vielleicht sogar eine absolute Mandatsmehrheit errungen.

Das zweite Sekundärmotiv für die Wahl der FDP lautete: Man muss sie – so oder so – wählen, weil das Land eine liberale Partei braucht. Das Argument ist nicht ganz falsch, es stimmt aber nicht mehr "so oder so", nicht mehr um jeden Preis, nicht mehr mit jedem Personal. Dass eine dezidiert freiheitliche, eine entschieden ordnungspolitisch argumentierende und gegenüber staatlichen Eingriffen oder Überregulierungen kritische Partei unserem Land auch künftig guttun würde, ist kaum zu bestreiten. Wer jedoch aus diesen Gründen den mindestens einstweiligen Untergang der FDP bedauert, muss sich Rechenschaft darüber ablegen, welcher FDP er eigentlich nachtrauert.

Seit der Kaiserzeit ist der deutsche Liberalismus schwach und in gegensätzliche Lager gespalten. Auch in der frühen Bundesrepublik segelten verschiedene Boote unter der einen Flagge. Neben den klassischen Ordoliberalen, die sich in der Tradition der großen Ökonomen Walter Eucken und Friedrich August von Hayek sahen, gab es eine südwestliche Strömung, in der Liberalismus gut übersetzt werden konnte als "konservativ minus Klerikalismus". Und in Nordrhein-Westfalen fanden sich nationalistische Kräfte in der FDP, die zum Teil tiefbraune Flecken auf ihren demokratisch gewendeten Westen hatten; der erste Bundespräsident, der liberal beheimatete Theodor Heuss, seufzte in einem privaten Brief über die "Nazi-Liberalen" an Rhein und Ruhr.

Die Wende zu einem modernen Liberalismus in der Bundesrepublik setzte erst ein, als Mitte der sechziger Jahre in Nordrhein-Westfalen die "Jungtürken" unter Willi Weyer, Wolfgang Döring und Walter Scheel die alte Garde an den Rand drängten und in Düsseldorf die erste sozialliberale Landeskoalition anstifteten. Nach und nach führte das Aufbrechen des restaurativen Klimas der späten fünfziger Jahre dazu, dass der Liberalismus wie ein Silberstreif am republikanischen Horizont erschien. Intellektuelle wie die Professoren Jürgen Baumann, Ulrich Klug, Werner Maihofer und vor allem Ralf Dahrendorf fanden nun zur FDP. Man mochte fragen, ob diese Professorenriege wirklich über das in der Politik nötige Sitzfleisch verfügte (eher nicht), aber sie brachte Glanz in die Hütte.

Ein anderer personeller Strang bildete sich damals aus jungen Leuten, die aus der DDR geflohen waren und darum so existenziell wussten, was Freiheit sein müsste, wie später Joachim Gauck: Das waren Karl-Hermann Flach, auch er aus Rostock, Hans-Dietrich Genscher aus Halle, Gerhart Baum, Burkhard Hirsch und Wolfgang Mischnick aus Sachsen. Diese ersten, wenn man so will, Bürgerrechtler aus dem Osten waren dann auch kräftige Unterstützer der neuen Deutschlandpolitik, freilich mit einer tiefen Abneigung gegen sozialistische Experimente. Hans-Dietrich Genscher konnte einem noch 1981 privatim anvertrauen, mit diesen Sozialisten könne man keine gute Politik machen – er meinte nicht die SED, sondern die SPD; so tief saß der antisozialistische Reflex.

Dies war eine relativ spät einsetzende Hochzeit des politischen Liberalismus, die aber schon wieder auszuklingen begann, als Genscher 1982 die schroffe Wende zur Union von Helmut Kohl vollzog. Damit stieß er den linksliberalen Flügel seiner Partei vor den Kopf. So oder so war die Lage freilich düster: An der Seite der SPD hätten die Liberalen im für 1984 planmäßig anstehenden Wahlkampf wahrscheinlich kräftig verloren.

Was danach kam, war im Grunde ein langsamer Niedergang – Genscher konnte zwar als Außenminister unter Helmut Kohl von der Verhinderung der "dritten Nachrüstung" bis zur deutschen Wiedervereinigung vieles bewirken (Gorbatschow beim Wort nehmen, zum Beispiel, während ihn Kohl noch mit Goebbels verglich) – ohnehin war die deutsche Teilung sein Trauma, die Wiedervereinigung sein Traum gewesen. Doch die Partei als ganze hatte seelisch einen Knacks bekommen. Bangemann, Möllemann, Hausmann – das sind die Namen aus jener Zeit. Wer kennt sie noch?

An dieser Geschichte kann man sehen, welche unmögliche Herausforderung eine Wiederbelebung des parteipolitischen Liberalismus darstellt. Selbst eine hochbegabte Gruppe um einen Christian Lindner kann weder das personelle Unterfutter aus politisch wie wirtschaftlich Selbstständigen ersetzen, die nicht nur an persönliche Steuervorteile denken, noch den Professoren-Liberalismus erneuern, der sich von Friedrich Naumann über Max Weber bis zu Ralf Dahrendorf über den Liberalismus den Kopf zerbrach. Und wo wären heute Ökonomen, die ordnungspolitisch überzeugend gegen eine schleichende Sozialdemokratisierung (sprich: expansive Staatsausgaben zu Lasten der Zukunft) auftreten könnten, ohne den Blick für das Politische zu verlieren – wie man es von ihren Nachfolgern bei der AfD wohl sagen muss?

Das ist die Tragik eines ideal konzipierten Liberalismus. In Programm und Personal müsste er so gemeinwohlzentriert auftreten können, dass alle Demokraten denken: Eigentlich haben die Leute recht – auch wenn ich selber anders wähle. Die real existierende FDP dagegen verfiel auf die idiotische Parole "Leistung muss sich wieder lohnen" – als ob eine politische Elite daran zu messen wäre, ob es sich für sie lohnt. Nun fiel diese Formel auf sie selbst zurück: Wer nichts leistet, wird auch nicht belohnt.