Man muss entweder verrückt sein oder ein tiefes Vertrauen in seine Darsteller haben, wenn man einen Film aus einer so einfachen Grundidee macht: Der Schauspieler Philipp Hochmair begegnet dem Schausteller Walter Saabel. Und wirklich, der Film Der Glanz des Tages von Tizza Covi und Rainer Frimmel beruht ausschließlich auf dieser über Monate hinweg mit der Kamera begleiteten Begegnung und einer kleinen Handlungsvorgabe: Philipp bekommt Besuch von seinem ihm bisher unbekannten Onkel Walter aus Rom. Der Rest ist Improvisation.

Hochmair und Saabel spielen sich also selbst. Der eine ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Schauspieler, ständig auf Achse zwischen Hamburg, Wien und Berlin. Der andere war Messerwerfer, Artist und Bärenringer, lebte lange in der Nähe von Rom und ist gerade dabei, sein Leben neu zusammenzusetzen.

Die Filmemacher Covi und Frimmel geben den beiden einen Raum aus Orten und Situationen, die sie völlig frei gestalten können: das erste Kennenlernen, noch etwas befangen in der Kneipe, Saabels Besuch einer Woyzeck-Aufführung, in der Hochmair den Hauptmann spielt, zunehmend vertraute Gespräche in der Garderobe, beim Spazierengehen und in Hochmairs Wohnungen in Hamburg und Wien. Ganz langsam entwickelt sich Der Glanz des Tages zu einem Film über das Mysterium des Darstellens. Woher kommt die Sehnsucht, ein anderer zu sein? Was ist das für ein merkwürdiger Impuls, der den Menschen auf eine Bühne oder in die Manege treibt? Und welchen Preis zahlt er dafür?

Für Hochmair, den feinnervigen, mal überdrehten, mal in sich zurückgezogenen Schauspieler, sind die Grenzen zwischen der eigenen Wirklichkeit und der des Theaters fließend. Einmal sieht man ihn in seiner Woyzeck -Maske in einem Passbildautomaten, wo er im Blick der Maschine nach seiner Theaterfigur fahndet. Saabel, der Bodenständige, zieht durch Kneipen, sucht im Hafen einen Job und scheint in seiner wechselvollen Existenz bei sich zu sein.

Man folgt zwei Menschen, die neugierig auf den anderen sind. Die übereinander staunen und sich einander erklären. Hochmair spricht über sein Leben im Text, in den Worten der anderen, über seine Sucht nach dem Rollenwechsel. Saabel erzählt vom Dasein im Zirkus, von der Kunst des Bärenringens. Gebannt lauscht Hochmair Saabels Geschichte von der Aufzucht und Dressur eines kleinen Bären, der ihn bei einem Unfall fürchterlich verletzt habe. Als Saabel wiederum den "Neffen" bei einer Vorstellung im Thalia Theater besucht, erwähnt er mit rührender Anerkennung den schönen Applaus, den der Jüngere bekommen habe. Auch im Gespräch scheint es, als sähen sich die beiden gegenseitig beim Auftreten zu.

Schon einmal schuf das Regieduo Tizza Covi und Rainer Frimmel einen Film aus dem gelebten Leben ihrer Darsteller. Für ihren ebenfalls halb dokumentarischen Film La Pivellina verbrachten die beiden mehrere Monate mit einem kleinen Zirkus am Stadtrand von Rom. Ergebnis war ein berührender Film über eine Schaustellertruppe, die sich eines verlassenen Kindes annimmt.

Auch Der Glanz des Tages berührt, auf ganz andere Weise. Denn in den von Covi und Frimmel so präzise wie schön kadrierten Einstellungen geraten zwei Menschen in Bewegung. Weil sie durch die Augen des anderen auf sich selbst und auch in sich hineinblicken.

Irgendwann ertappt man sich bei dem Gedanken, dass Der Glanz des Tages im Kern gar nicht von einem Schauspieler und einem Schausteller handelt. Sondern von zwei Menschen, die uns die improvisierte Wirklichkeit der Biografie und der großen Lebensvorstellung vor Augen führen. Einmal sieht man, wie Hochmair nach der Woyzeck -Vorstellung abgeschminkt wird. Die künstliche Halbglatze wird abgezogen, sein braunes Haar kommt zum Vorschein. Man hat aber nicht den Eindruck, dass bei der Verwandlung eine Wahrheit zutage tritt, sondern eine weitere Rolle. Auch von dieser Rolle, deren Text niemand lernen kann, die nirgends geschrieben steht und durch die hindurch sich jeder immerzu aufs Neue improvisiert, handelt der Film.