Es ist herbstlich kühl in Wien, Ivanka D. reibt mit der rechten Hand ihren linken Oberarm, als könnte sie so die Wärme daran hindern, ihren Körper zu verlassen. Sie steht vor ihrem Stammlokal, um eine Zigarette zu rauchen, es ist Samstagabend, Zeit für ein bisschen Leben bei Livemusik und Bier. Seit elf Jahren lebt die Supermarktkassierin in Wien. Auf Deutsch kann sie sich inzwischen gut verständigen, und wenn nicht, dann dolmetscht die Tochter, doch für die Wahlplakate, die hier jede Wand bedecken, braucht die 42-jährige Serbin keine Übersetzungshilfe. Ihre Meinung hat sie sich längst gebildet: Ivanka D. schwärmt für die FPÖ.

Mit Heinz-Christian Strache, dem Parteiobmann der Freiheitlichen, hat sie etwas gemeinsam. "Er ist gegen Türken und ich auch", sagt sie und lächelt freundlich. Nicht, dass sie mit Türken schlechte Erfahrungen gemacht hätte, doch es sei ungerecht, "dass ich immer arbeite, arbeite, arbeite, und die türkischen Frauen sitzen zu Hause, zu Hause, zu Hause". Darum würde sie blau wählen – wenn sie könnte: Seit elf Jahren lebt die Serbin in Wien, laut Gesetz dürfte sie also erst seit einem Jahr die österreichische Staatsbürgerschaft beantragen – aber die Chance, dass sie die hohe Einkommenshürde überspringt, ist gering. So bleibt ihre blaue Wahlneigung vorerst unerhört.

Es gibt sie, die FPÖ-Fans in den Zuwandererfamilien. Die Migranten, die sich von Straches ausländerfeindlichen Tönen nicht angesprochen fühlen, weil sie sich zu den Guten und Anständigen zählen, die angeblich nicht gemeint sind. Doch es scheint, als würden es immer weniger.

Als die österreichische Bundesregierung Ende Februar 2008 den Kosovo als unabhängigen Staat anerkannte, gab Strache den Empörten. Kosovo sei serbisches Kernland, ratterte es aus ihm bei jeder passenden Gelegenheit, und einige Serben hörten das gern. Nebenbei standen wenige Monate später Nationalratswahlen bevor, in Österreich leben rund 300.000 serbischstämmige Menschen, davon sind etwa 40 Prozent eingebürgert und wahlberechtigt. Um sie anzusprechen, reichte ein simpler rhetorischer Kniff: Aus "den Ausländern" wurden "die guten, fleißigen" serbischen Zuwanderer einerseits und die türkischen Integrationsverweigerer andererseits. Strache besuchte Balkandiscos, flirtete mit Teenagern, ließ sogar serbische Popstars einfliegen, um beim Konzert eigenhändig Flugblätter zu verteilen. Medienberichte, wonach jeder zweite Serbe mit den Freiheitlichen sympathisiere, halten Meinungsforscher zwar für weit übertrieben – doch keiner bezweifelt, dass Strache einige Serben in sein Lager zu ziehen vermochte.

Die FPÖ betont, wie nahe sich serbische und österreichische Kultur sind

Konstantin Dobrilović ist einer von ihnen. Der 28-jährige Akademiker mit faltenfreiem rosa Hemd, perfekter Rasur und gegeltem Haar ist FPÖ-Bezirksrat im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten, er selbst logiert in der hippen Leopoldstadt. Für den Rathausklub sortiert er den Pressespiegel, ansonsten widmet er sich seiner Tätigkeit als Obmann der Christlich-Freiheitlichen Plattform (CFP), die sich weniger mit christlichen Traditionen als mit dem Erstellen islamischer Bedrohungsszenarien beschäftigt. In Deutschland aufgewachsen, kam der Theologe vor neun Jahren nach Wien und lernte bald einige Freunde aus Straches Dunstkreis kennen. Wenig später nahm ihn der Parteichef als Dolmetscher mit nach Belgrad, um Kontakte zu Politikern der rechtspopulistischen Partei SNS zu pflegen, der CFP-Vorsitz war die Belohnung.

"Dass Strache ausländerfeindlich ist, ist wirklich weit hergeholt", meint Dobrilović. "Sonst wäre ich ja fehl am Platz." Dobrilović lobt Straches "gute Kontakte zu den Serben und Kroaten, die großteils integriert und fleißige Arbeiter sind". Der blaue Parteiobmann sei der einzige, der "sich in ihren Lokalen blicken lässt, wo er auch gerne seine Cevapcici genießt". Während ÖVP und SPÖ nur türkische Kandidaten auf ihre Listen setzten, unterstütze Strache die Serben.

Doch scheint die serbisch-blaue Allianz, wenn es denn jemals eine war, heute brüchig zu werden: Die Begeisterung für den vorgeblichen Serbenfürsprecher im Parlament lässt nach. Strache besinnt sich zwar auch in diesem Wahlkampf wieder seiner serbischen Klientel: Im exjugoslawischen Magazin Kosmo ließ er eine abgewandelte Version seines Spruchs "Liebe deinen Nächsten – für mich sind das unsere Österreicher" inserieren. Diesmal hieß es statt "Österreicher" aber "gut integrierte Zuwanderer". Und im Kleingedruckten wurde ein Lob auf das Serbische, das "der österreichischen Kultur" doch so nahe sei, serviert.